wachsen , der Frühling kommt heran ... Ja , der kommt , man darf auf ihn zählen , der kommt . Wer aber ausbleibt « , schloß der alte Mann seine Betrachtungen , » das ist unser Hofpoet ... In drei Tagen hat er sich nicht blicken lassen , und auch heute - seine Stunde ist vorbei - er kommt nicht mehr . « » Um so besser ! « rief Gottfried , » ich wollte , wir wären für immer von ihm befreit . « » Befreit ! - Ist das dein Ernst ? ... « » Leider ja « , versetzte Lotti , und ein tiefer Groll sprach aus ihrer erregten Stimme . Gottfried erhob den Kopf : » Was sagst du ? « » Daß du ungerecht bist , zum erstenmal in deinem Leben ; ungerecht und grausam gegen einen edlen und guten Menschen ... Es ist herzlos und tut ihm weh - gerade von dir - denn du bist es já ... « ihre Lippen zitterten , der Ausdruck des bittersten Schmerzes zuckte über ihr Gesicht , » der ihm der Liebste ist von uns allen ... « Sie hielt tief atmend inne , Gottfried murmelte ein zorniges Wort , und der Vater stand in stummer Betroffenheit vor seinen beiden Kindern . In einer bisher ahnungslosen Seele dämmerte das Bewußtsein zerstörter Hoffnungen , eines nahenden Unglücks auf . Eh er sich ' s versah , bevor ihm zu einer Befürchtung Zeit geblieben , war der Friede aus seinem stillen Hause entwichen und aus den Herzen seiner Kinder ... In dem Augenblicke wurde an der Hausglocke gestürmt , bald darauf durcheilten leichte Schritte das Vorgemach . » Da ist er doch « , sagte Feßler . Halwig erschien auf der Schwelle , er schwenkte seinen Hut und sah so glücklich aus , als ob er eben eine Welt erobert hätte . 6 » Vater Feßler « , rief er , » da ist es , da haben Sie ' s , mein Büchlein , mein erstgebornes ! ... Sieht es nicht nett aus in seinem purpurroten mit Gold geputzten Kleidchen ? ... Lesen Sie , was hier steht , auf der ersten Seite : Johannes Feßler , meinem Lehrer , meinem Vorbild , meinem Freund ... Es ist Ihnen gewidmet , Ihr Eigentum , ich bringe , was aus meinem Herzen floß und Ihnen gehört , und lege es Ihnen zu Füßen . « Er machte Miene , das Büchlein wirklich auf den Boden vor Feßler hinzulegen ; der aber hinderte ihn daran . » Geben Sie es mir in die Hand , das ist Ehre genug « , sprach er und lächelte seinem Liebling zu , bei dessen Erscheinen der trübe Ernst verschwunden war , der eben noch die Stirn des alten Mannes umdüstert hatte . Er ließ sich erzählen , wie der Poet seit drei Tagen in verzehrender Erwartung seines Werkes gelebt , wie er jede freie Minute auf dem Postbüro zugebracht und durch die Ausbrüche seiner Ungeduld den Ärger eines Expeditors und das Mitleid zweier Briefträger erregt habe . Jetzt aber sei alles gut , meinte er und flehte , die Familie möge ihm diesen Abend schenken und sich den Vortrag seiner Dichtung gefallen lassen . Er stellte die Lampe auf den Tisch inmitten der Werkstätte und trug vier Sessel herbei . Lotti sollte ihm gegenübersitzen , Feßler und Gottfried neben ihm . » Auf diese Stunde « , sagte er , als alle Platz genommen hatten , » habe ich mich gefreut von dem Momente an , in welchem mir der erste Gedanke meines Gedichts aufgegangen , bis zu dem , in welchem ich am letzten Verse gefeilt ... Wie jetzt in der Wirklichkeit , umgaben Sie mich immerwährend im Geist , Sie geliebten drei ! « Seine Augen ruhten vor Innigkeit und Wärme leuchtend auf seinem kleinen Auditorium , dann öffnete er das Buch und begann zu lesen . Was er las , war nur eine einfache Herzensgeschichte - ähnliche sind wohl tausendmal berichtet , millionenmal erlebt worden . Abgedroschen ! wollte Gottfried schon ausrufen , aber er unterdrückte das Wort . Offenbar hatte der Dichter nicht durch das Interesse an seiner Fabel zu wirken gesucht ; was da fesselte und bezwang , das war der Schönheitszauber , der in dem schlichten Bilde webte , das war die Wahrheit und die Leidenschaft , die es atmete , und wen man darin am liebsten gewann , das war der Dichter selbst . Absichtslos , ja wider seinen Willen hob seine Gestalt sich verklärt aus seinem Werke und erschien so liebenswürdig wie die verkörperte Jugend . Er war von Begeisterung durchglüht , von Talent getragen ; eine Unendlichkeit wogte in seiner Seele . Für Ernst und Scherz , für Zorn und Wehmut , Haß und Liebe , für jede Stimmung und Empfindung der menschlichen Brust lag das Verständnis in seinem Herzen und der Ausdruck auf seinen Lippen . Kein Zweifel an sich selbst hemmte seinen Schwung , kein Mißtrauen in seine Kraft lähmte ihn , er hatte sie , er wußte es , er war ihrer Wirkung gewiß und baute auf sie mit der unerschütterlichen Zuversicht , die dem Erfolg vorangeht , die ihn oft erzwingt . Und so fragte er denn auch , als er geendet , voll freudiger Unbefangenheit : » Was sagen Sie ... Ist es mir nicht gelungen ? « » Vollkommen « , erwiderte Feßler , » es klopft ein Herz darin . « » Nicht wahr ? ... Und Sie , Gottfried - Ihre Meinung ? « Gottfried war die ganze Zeit hindurch dagesessen , den Ellbogen auf den Tisch und die Stirn in die Hand gestützt . Jetzt lehnte er sich in seinem Sessel zurück und sprach , ohne Halwig anzusehen : » Es ist schön , ganz schön . « » Ich danke , Freund ! Ein solches Lob von Ihnen , das tut wohl ... Aber Sie - Fräulein Lotti ... Sie schweigen - Sie