Ist er dort oben daheim ? O wie schön so hoch oben ! Warum schreit er so ? « fragte Heidi weiter . » Weil er muß « , erklärte Peter . » Wir wollen doch dort hinaufklettern und sehen , wo er daheim ist « , schlug Heidi vor . » O ! o ! o ! « brach der Peter aus , jeden Ausruf mit verstärkter Mißbilligung hervorstoßend ; » wenn keine Geiß mehr dorthin kann und der Öhi gesagt hat , du dürfest nicht über die Felsen hinunterfallen . « Jetzt begann der Peter mit einemmal ein so gewaltiges Pfeifen und Rufen anzustimmen , daß Heidi gar nicht wußte , was begegnen sollte ; aber die Geißen mußten die Töne verstehen , denn eine nach der anderen kam heruntergesprungen , und nun war die ganze Schar auf der grünen Halde versammelt , die einen fortnagend an den würzigen Halmen , die anderen hin-und herrennend und die dritten ein wenig gegeneinanderstoßend mit ihren Hömem zum Zeirvertreib . Heidi war aufgesprungen und rannte mitten unter den Geißen umher , denn das war ihm ein neuer , unbeschreiblich vergnüglicher Anblick , wie die Tierlein durcheinandersprangen und sich lustig machten , und Heidi sprang von einem zum anderen und machte mit jedem ganz persönliche Bekanntschaft , denn jedes war eine ganz besondere Erscheinung für sich und hatte seine eigenen Manieren . Unterdessen hatte Peter den Sack herbeigeholt und alle vier Stücke , die drin waren , schön auf den Boden hingelegt in ein Viereck , die großen Stücke auf Heidis Seite und die kleinen auf die seinige hin , denn er wußte genau , wie er sie erhalten hatte . Dann nahm er das Schüsselchen und melkte schöne , frische Milch hinein vom Schwänli und stellte das Schüsselchen mitten ins Viereck . Dann rief er Heidi herbei , mußte aber länger rufen , als nach den Geißen , denn das Kind war so in Eifer und Freude über die mannigfaltigen Sprünge und Erlustigungen seiner neuen Spielkameraden , daß es nichts sah und nichts hörte außer diesen . Aber Peter wußte sich verständlich zu machen , er rief , daß es bis in die Felsen hinaufdröhnte , und nun erschien Heidi und die gedeckte Tafel sah so einladend aus , daß es um sie herumhüpfte vor Wohlgefallen . » Hör auf zu hopsen , es ist Zeit zum Essen « , sagte Peter , » jetzt sitz und fang an . « Heidi setzte sich hin . » Ist die Milch mein ? « fragte es , nochmals das schöne Viereck und den Hauptpunkt in der Mitte mit Wohlgefallen betrachtend . » Ja « , erwiderte Peter , » und die zwei großen Stücke zum Essen sind auch dein , und wenn du ausgetrunken hast , bekommst du noch ein Schüsselchen vom Schwänli und dann komm ' ich . « » Und von wem bekommst du die Milch ? « wollte Heidi wissen . » Von meiner Geiß , von der Schnecke . Fang einmal zu essen an « , mahnte Peter wieder . Heidi fing bei seiner Milch an , und so wie es sein leeres Schüsselchen hinstellte , stand Peter auf und holte ein zweites herbei . Dazu brach Heidi ein Stück von seinem Brot ab , und das ganze übrige Stück , das immer noch größer war , als Peters eigenes Stück gewesen , das nun schon samt Zubehör fast zu Ende war , reichte es diesem hinüber mit dem ganzen großen Brocken Käse und sagte : » Das kannst du haben , ich habe nun genug . « Peter schaute das Heidi mit sprachloser Verwunderung an , denn noch nie in seinem Leben hätte er so sagen und etwas weggeben können . Er zögerte noch ein wenig , denn er konnte nicht recht glauben , daß es dem Heidi Ernst sei ; aber dieses hielt erst fest seine Stücke hin , und da Peter nicht zugriff , legte sie es ihm aufs Knie . Nun sah er , daß es ernst gemeint sei ; er erfaßte sein Geschenk , nickte in Dank und Zustimmung und hielt nun ein so reichliches Mittagsmahl , wie noch nie in seinem Leben als Geißbub . Heidi schaute derweilen nach den Geißen aus . » Wie heißen sie alle , Peter ? « fragte es . Das wußte dieser nun ganz genau und konnte es um so besser in seinem Kopf behalten , da er daneben wenig darin aufzubewahren hatte . Er fing also an und nannte ohne Anstoß eine nach der anderen , immer je mit dem Finger die betreffende bezeichnend . Heidi hörte mit gespannter Aufmerksamkeit der Unterweisung zu , und es währte gar nicht lange , so konnte es sie alle von einander unterscheiden und jede bei ihrem Namen nennen , denn es hatte eine jede ihre Besonderheiten , die einem gleich im Sinne bleiben mußten ; man mußte nur allem genau zusehen , und das tat Heidi . Da war der große Türk mit den starken Hörnern , der wollte mit diesen immer gegen alle anderen stoßen , und die meisten liefen davon , wenn er kam , und wollten nichts von dem groben Kameraden wissen . Nur der kecke Distelfink , das schlanke , behende Geißchen , wich ihm nicht aus , sondern rannte von sich aus manchmal drei- , viermal hintereinander so rasch und tüchtig gegen ihn an , daß der große Türk öfters ganz erstaunt da stand und nicht mehr angriff , denn der Distelfink stand ganz kriegslustig vor ihm und hatte scharfe Hörnchen . Da war das kleine , weiße Schneehöppli , das immer so eindringlich und flehentlich meckerte , daß Heidi schon mehrmals zu ihm hingelaufen war und es tröstend beim Kopf genommen hatte . Auch jetzt sprang das Kind wieder hin , denn die junge , jammernde Stimme hatte eben wieder flehentlich gerufen . Heidi legte seinen Arm um den Hals des Geißleins und fragte ganz teilnehmend : » Was hast du ,