hohen Kletten- und Brennesselbüsche im Graben . Aus dem Wunderbaum erschallt noch ein flehend klägliches Stimmchen : » Ach Gott , Fritz ? ! « Ich reiche beide Arme an der Leiter empor , um das ängstliche Vöglein aus dem Baum im Notfall im Fall auffangen zu können . » Da rennen sie schon über die Wiese nach dem Walde ! Mach rasch , Evchen ! « » Ach Gott , ja ! Sie hören ja nun wieder nicht ! Und ich ginge doch so gern erst hin und sagte es zu Hause , wo wir geblieben sind . « » Wir sind ja zu vier , Evchen ! Und einer wird doch wohl übrigbleiben und Nachricht bringen , wenn drei von uns zu Schaden kommen . « » Ja , und ihr wollt dann , daß ich das bin ! Mein Vater ängstigt sich wohl nicht ; der kommt vielleicht auch erst zum Abendessen heim . Aber deine Mutter ! ... Und Irenes Vater ? ! « » Das ist nun zu spät . Sie rufen schon vom Walde her ; hörst du ? « Sie rufen wirklich , und wir kommen . Wir folgen der glücklichen , seligen Spur durch den Tau der Wiese ; und nun sind auch wir , Eva Sixtus und ich , in dem kühlen Schatten der Buchen , und - wunderte ! - ein Gewissen hatten wir bis eben , aber nun ist es uns gleichfalls abhanden gekommen . Sie haben alle kein Gewissen in den Gebrüdern Grimm , und wir stecken voll und ganz darin , in dem Märchen , in der Wonne des Abenteuers der Kinderwelt - ganz und gar darin wie die zwei anderen , Ewald Sixtus und Irene Everstein ! Was geht in der Menschheit Behagen über diese ganze volle Gewissenslosigkeit des Märchens oder noch besser der Jugendzeit ? - Die » ewige Seligkeit « ; denn die wird freilich in einem noch etwas höheren Grade gewissenslos sein . Sechstes Kapitel Sie hatten vom Walde , dem großen Walde her gerufen ; und hinter dem Walde saß der Vetter - der Vetter Just Everstein und wenn es für Namen kein besser Sieb gibt als ein Konversationslexikon in der Reihenfolge seiner Auflagen , so ist es sehr schade , daß der Vetter durch einen der gewöhnlichen Zufälle nicht hineingekommen ist . Er gehörte von Rechts wegen hinein und von Gottes Gnaden darin zum eisernen Bestande irdischen guten Gerüchtes . Jenseits unseres Waldes und jenseits des Flusses hatte sich da eine Seiten-Seitenlinie des Geschlechtes derer von Everstein allgemach von Generation zu Generation , von Glückswechsel zu Glückswechsel in den Bauernstand zurückverloren . Schon vor hundertundfünfzig Jahren , gerade als eben dem Bruchteil von Adams Geschlechte auf Schloß Werden das Grafentum als höhere Betitelung von oben zufiel , hatten die Vettern drüben den letzten Ring , der sie an den Adel des deutschen Volkes knüpfte , fallenlassen . Das Wörtlein von war ihnen abhanden gekommen , wie ein Taler in die Stubenritze rollt . Sie wußten selber nicht recht anzugeben , wie es eigentlich zugegangen war . » Das einzige , was ich gewiß darüber weiß , ist , daß wir damals scheußlich auf dem Hunde waren « , sagte der Vetter Just . » Was will ein Kotsasse , dem der Siebenjährige Krieg die letzte Kuh aus dem Stalle holt , mit einem adeligen Wappen über seiner Stalltür ? Sich bei den anderen Bauern und alle Abend im Kruge lächerlich machen ? Das kann er ! Siehst du , Fritze , das ist eben die Sache beim Kriege , daß er den einen zum Kaiserlichen Feldmarschall-Leutnant macht , wenn ' s beim anderen um die letzte Kuh gilt . Studiere du deine mittelalterlichen Geschichtsquellen ruhig weiter ; aber meine laß mir lieber doch unaufgerührt . Ich meine , der alte Brunnen kommt immer doch noch klar genug aus der Tiefe in die Höhe . Nur immer kühl und klar , das ist die Hauptsache ; am Ende bleibt alles , was dem Menschen überhaupt auf dieser Erde passieren kann , in der Verwandtschaft , und das ist ein Trost ; - nicht etwa ? « » Jawohl , jawohl ! « holte ich die Antwort tief aus der Seele herauf . Das war aber alles nicht an dem Morgen , an dem wir wieder einmal von dem Nußbaum zum Vetter Everstein jenseits des Flusses » durchgingen « , sondern lange , beschwerliche Jahre später . - Der Nußbaum oder die Nußbäume waren damals längst ebenso unmotiviert umgehauen worden wie die , welche den Legationssekretär Werther in solche Wut gegen die neue Frau Pfarrern zu St. Brachten ; - » wie kühn und wie herrlich die Äste waren ! ... Abgehauen ! Ich möchte rasend werden , ich könnte den Hund ermorden , der den ersten Hieb dran tat ! ... Siehst du , ich komme nicht zu mir ! ... O wenn ich Fürst wäre ! Ich wollt die Pfarrern , den Schulzen und die Kammer - - - « Eine neue Chaussee führt über die Stelle weg , wo meine Nußbäume standen , und wer weiß , wie bald auch über diesen Weg sich ein Eisenbahndamm hinlegt und wie bald die Personen- und Güterzüge vom und zum Rhein über die Stätte brausen und keuchen . Es ändern sich stets die äußerlichen Umstände , unter denen die Natur und der Mensch ihren Adel gewinnen oder verlieren ! ... » Passierte es nur einmal , so wäre es freilich schlimm « , sagte der Vetter Just . » Aber da es immerdar sich so ereignet hat und sich auch fernerhin nicht anders machen lassen will , so stelle ich mich auch hier auf den Fuß der Philosophie , nachdem ich mich geärgert habe . « - Das sagte er aber von den Nußbäumen . Selbst auf die Vetternschaft mit dem vornehmen Schloß Werden erhuben die Mannen jenseits des Flusses ihrerseits nicht den geringsten Anspruch mehr . Der » Vetter « war auch