Wahrheit nicht übers Herz gebracht , seinen Protektor in der Not zu verlassen ; Maurice Ettelmann war verwundet worden ; Mendele brachte ihn bei barmherzigen Glaubensgenossen unter und pflegte ihn , bis er genesen war . Dann zogen beide in der üblichen Judentracht bis Thorn , wo sie schieden ; der Sergeant schlug sich nach dem Westen durch und Mendele wandte sich nun endlich nach Kowno . Zweites Kapitel Er kam zu spät . Frau Chane war nun schon zwei Jahre tot ; im Hause waltete eine junge Stiefmutter , ein halbjähriges Bübchen auf dem Arm . Mendeles Vater , der alte Sender Glatteis , hatte sein Weib herzlich lieb gehabt und seine Trauer um ihren Verlust war eine aufrichtige und tiefe gewesen , gleichwohl hatte er nicht einmal das Trauerjahr abgewartet , um ihr eine Nachfolgerin zu geben . Denn so gebot es seine Anschauung von den Pflichten des Frommen und wie er hienieden für seine künftige Seligkeit vorzusorgen habe . Nichts ist dem Herrn wohlgefälliger , als die Vermehrung seines Volkes . Nur einen Sohn und lauter Töchter zu haben ist ein Unglück , aber keinen » Kadisch « zu hinterlassen , eine Sünde . So heißt das Gebet , welches der Sohn alljährlich am Sterbetag seinen Eltern zu widmen hat ; wie hoch diese Pflicht steht , wie sehr der Fromme ersehnt , daß sie an ihm geübt werde , erweist eben der Sprachgebrauch , der den Sohn kurzweg als » Kadisch « bezeichnet . Der alte Sender hatte keinen mehr ; Mendele war nach einem gottlosen Streich in die Welt gelaufen , hatte nie wieder von sich hören lassen ; der Schmerz um ihn hatte seiner Mutter die letzten Jahre vergällt , die Sorge um ihn die letzten Stunden der Sterbenden verdüstert - Sender war es der Toten und sich selbst schuldig , einen » anderen Kadisch « zu zeugen . Der Himmel war ihm gnädig gewesen ; der Sechzigjährige erlebte noch die Geburt eines Sohnes . Nun mochte ihn der Herr rufen , wann ihm beliebte ; seine Pflicht auf Erden hatte er erfüllt . Mendele aber war für ihn tot . So tot , daß er den Heimgekehrten nicht einmal schmähte , geschweige denn schlug . Er legte ihm hundert Rubel hin , genüge ihm dieses Erbteil nicht , so möge er ihn bei der Gemeinde verklagen , und wies ihm die Tür . Das Flehen des Reuigen blieb vergeblich ; auch seine Beteuerung , daß er geschrieben und die Erlaubnis zur Heimkehr erbeten habe , verhallte ohne Wirkung . » Vielleicht lügst du nicht « , war die Antwort . » Dann hat eben Gott nicht gewollt , daß deine Reue noch fruchte . Geh ! « Die junge Frau suchte zu vermitteln . Sie fürchtete sich vor dem bösen Leumund der Stiefmutter und daß die Gemeinde ihrem Einfluß die Verstoßung des Sohnes zuschreiben würde . » Da irrst du « , war die Antwort . » In unserem Kowno herrscht Gottesfurcht . Kein Vater würde anders handeln . Was würde es auch nützen , wenn ich schwach sein wollte ? ! Nach einigen Wochen liefe er wieder davon . Ein Schnorrer ist er und ein Schnorrer wird er bleiben ; ihm ist vorbestimmt , hinter der Hecke zu sterben . « Und dann wieder zu Mendele : » Geh ! « Der Verstoßene ging . Die Rubel ließ er liegen , auch verklagte er den Vater nicht auf Herausgabe eines größeren Erbteils . Ihn erfüllte nur ein Gedanke : » Der alte Mann soll nicht recht behalten ! Er soll einst erkennen , wie hart und töricht seine Prophezeiung war , und unter Freudentränen soll er mich als seinen Kadisch segnen ! « In Kowno war freilich seines Bleibens nicht . Aber wie ernst seine guten Vorsätze waren , bewies der einzige Besuch , den er machte , ehe er die Heimatstadt verließ . Er ging zu seinem einstigen Lehrer , bat ihn für seine Knabenstreiche um Vergebung und teilte ihm seinen Entschluß mit , auf der besten Jeschiwa in Rußland binnen wenigen Jahren die Würde eines » Rabbi « zu erwerben . Der gutmütige Mann verzieh ihm gern und riet ihm , die Schule zu Berditschew aufzusuchen ; ein Vater , dessen Sohn von dort die Würde eines Rabbi heimbringe , erfahre dadurch ein so großes Glück , eine so hohe Ehre , daß sie jeden früheren Fehler des Jünglings tilge . » Gut , so komme ich denn als Berditschewer Rabbi wieder « , sagte Mendele und bat dann , ihm den Todestag seiner Mutter zu sagen . » Sei überzeugt « , schloß er , » und sagt es auch meinem Vater : solang ' ich lebe , wird auch meine Mutter an diesem Tag ihren Kadisch haben ! « Diese Zusage hat Mendele Glatteis getreulich eingehalten , aber als Berditschewer Rabbi ist er nicht heimgekehrt . Es mag auch daran gelegen haben , daß Berditschew gar so weit von Kowno liegt - Hunderte von Meilen , tief im Süden des Reiches - und daß es nicht in der Natur dieses Jünglings lag , seine Zunge zu hüten . Er erzählte auf dem Wege jedermann , wie sich sein Leben gefügt habe , und warum er nun gerade die beste Schule aufsuchen müsse . So erfuhr es auch sein alter Gönner , Rabbi Meyer von Wilna , und beeilte sich , den Rabbi von Berditschew vor der Aufnahme dieses Sünders zu warnen ; vielleicht beschwor er ihn darum bei seinem Barte . Gewiß ist , daß der Brief seine Wirkung tat . Als Mendele den großen Berditschewer aufsuchte , empfing ihn dieser nur , um ihm eine donnernde Strafpredigt zu halten und den Aufenthalt in seiner Stadt für immer zu verbieten . Vernichtet setzte Mendele seinen Stecken weiter ; noch flackerte zuweilen sein Ehrgeiz auf , und häufiger noch sein Trotz , aber einen ernsten Anlauf , seine Studien fortzusetzen , nahm er doch nicht mehr . Vielleicht unterlag