ihr Verlangen , aber ohne Erfolg ; ich blieb stumm und niedergeschlagen , und sie ließ es für diesmal bewenden , da sie mein Benehmen für eine gewöhnliche Kinderlaune hielt . Am folgenden Tage wiederholte sich der Auftritt , und sie wurde nun ernstlich bekümmert und sagte : » Warum willst du nicht beten ? Schämst du dich ? « Das war nun zwar der Fall , ich vermochte es aber nicht zu bejahen , weil , wenn ich es getan , es doch nicht wahr gewesen wäre in dem Sinne , wie sie es verstand . Der gedeckte Tisch kam mir vor wie ein Opfermahl , und das Händefalten nebst dem feierlichen Beten vor den duftenden Schüsseln wurde zu einer Zeremonie , welche mir alsobald unbesieglich , widerstand . Es war nicht Scham vor der Welt , wie es der Priester zu nennen pflegt ; denn wie sollte ich mich vor der einzigen Mutter schämen , vor welcher ich , bei ihrer Milde nichts zu verbergen gewohnt war ? Es war Scham vor mir selber ; ich konnte mich selbst nicht sprechen hören und habe es auch nie mehr dazu gebracht , in der tiefsten Einsamkeit und Verborgenheit laut zu beten . » Nun sollst du nicht essen , bis du gebetet hast ! « sagte die Mutter , und ich stand auf und ging vom Tische weg in eine Ecke , wo ich in grolle Traurigkeit verfiel , die mit einigem Trotze vermischt war . Meine Mutter aber blieb sitzen und tat so , als ob sie essen würde , obgleich sie es nicht konnte , und es trat eine Art düstrer Spannung zwischen uns ein , wie ich sie noch nie gefühlt hatte und die mir das Herz beklemmte . Sie ging schweigend ab und zu und räumte den Tisch ab ; als jedoch die Stunde nahte , wo ich wieder zur Schule gehen sollte , brachte sie mein Essen , indem sie sich die Augen wischte , als ob ein Stäubchen darin wäre , wieder herein und sagte : » Da kannst du essen , du eigensinniges Kind ! « worauf ich meinerseits unter einem Ausbruche von Schluchzen und Tränen mich hinsetzte und es mir tapfer schmecken ließ , sobald die heftige Bewegung nachließ . Auf dem Wege zur Schule ließ ich es nicht an einem vergnügten Dankseufzer fehlen für die glückliche Befreiung und Versöhnung . Als ich in späteren Jahren im Heimatdorfe auf Besuch war , wurde ich an das Ereignis lebhaft erinnert durch eine Geschichte , welche sich vor mehr als hundert Jahren mit einem Kinde dort zugetragen hatte und einen tiefen Eindruck auf mich machte . In einer Ecke der Kirchhofmauer war eine kleine steinerne Tafel eingelassen , welche nichts als ein halbverwittertes Wappen und die Jahrzahl 1713 trug . Die Leute nannten diesen Platz das Grab des Hexenkindes und erzählten allerlei abenteuerliche und fabelhafte Geschichten von demselben , wie es ein vornehmes Kind aus der Stadt , aber in das Pfarrhaus , in welchem dazumal ein gottesfürchtiger und strenger Mann wohnte , verbannt gewesen sei , um von seiner Gottlosigkeit und unbegreiflich frühzeitigen Hexerei geheilt zu werden . Dieses sei aber nicht gelungen ; vorzüglich habe es nie dazu gebracht werden können , die drei Namen der höchsten Dreieinigkeit auszusprechen , und sei in dieser gottlosen Halsstarrigkeit verblieben und elendiglich verstorben . Es sei ein außerordentlich feines und kluges Mädchen in dem zarten Alter von sieben Jahren und dessenungeachtet die allerärgste Hexe gewesen . Besonders hätte es erwachsene Mannspersonen verführt und es ihnen angetan , wenn es sie nur angeblickt , daß selbe sich sterblich in das kleine Kind verliebt und seinetwegen böse Händel angefangen hätten . Sodann hätte es seinen Unfug mit dem Geflügel getrieben und insbesondere alle Tauben des Dorfes auf den Pfarrhof gelockt und selbst den frommen Herrn verhext , daß er dieselben öfters inbehalten , gebraten und zu seinem Schaden gespeist habe . Selbst die Fische im Wasser habe es gebannt , indem es tagelang am Ufer saß und die alten klugen Forellen verblendete , daß sie bei ihm verweilten und in großer Eitelkeit vor ihm herumschwänzelten , sich in der Sonne spiegelnd . Die alten Frauen pflegten diese Sage als Schreckmännchen für die Kinder zu gebrauchen , wenn sie nicht fromm waren , und fügten noch viele seltsame und phantastische Züge hinzu . Im Pfarrhause hingegen hing wirklich ein altes dunkles Ölgemälde , das Bildnis dieses merkwürdigen Kindes enthaltend . Es war ein außerordentlich zart gebautes Mädchen in einem blaugrünen Damastkleide , dessen Saum in einem weiten Kreise starrte und die Füßchen nicht sehen ließ . Um den schlanken feinen Leib war eine goldene Kette geschlungen und hing vorn bis auf den Boden herab . Auf dem Haupte trug es einen kronenartigen Kopfputz aus flimmernden Gold- und Silberflittern , von seidenen Schnüren und Perlen durchflochten . In seinen Händen hielt das Kind den Totenschädel eines andern Kindes und eine weiße Rose . Noch nie habe ich aber ein so schönes , liebliches und geistreiches Kinderantlitz gesehen wie das blasse Gesicht dieses Mädchens ; es war eher schmal als rund , eine tiefe Trauer lag darin , die glänzenden dunklen Augen sahen voll Schwermut und wie um Hilfe flehend auf den Beschauer , während um den geschlossenen Mund eine leise Spur von Schalkheit oder lächelnder Bitterkeit schwebte . Ein schweres Leiden schien dem ganzen Gesichte etwas Frühreifes und Frauenhaftes zu verleihen und erregte in dem Beschauenden eine unwillkürliche Sehnsucht , das lebendige Kind zu sehen , ihm schmeicheln und es liebkosen zu dürfen . Es war auch der Erinnerung des alten Dorfes unbewußt lieb und wert , und in den Erzählungen und Sagen von ihm war ebensoviel unwillkürliche Teilnahme als Abscheu zu bemerken . Die eigentliche Geschichte war nun die , daß das kleine Mädchen , einer adeligen , stolzen und höchst orthodoxen Familie angehörig , eine hartnäckige Abneigung gegen Gebet und Gottesdienst jeder Art zeigte , die Gebetbücher zerriß , welche man ihm gab , im Bette