Abendmilch wurde mir eiskalt gereicht , und wenn ich aus dem ersten Schlaf auffuhr , da war ich mutterseelenallein in dem weiten , unheimlichen Zimmer . Ich fürchtete mich und schrie auf , und dann kam Fräulein Streit in ihrem weißen Kleide wie ein Gespenst hereingeflogen , schalt mich , steckte mir ein Bonbon in den Mund , deckte mich zu bis über die Nase und schlüpfte wieder hinaus . Außerdem berührten mich die » himmlischen Erinnerungen « meiner Erzieherin sehr wenig ; ich schlief meist darüber ein und erwachte erst wieder , wenn ich unbarmherzig an den Haaren gezogen wurde . Mit derselben Konsequenz , wie die graublonden Löckchen , wurden auch meine langen , schwarzen Haare allabendlich aufgewickelt , und dann mußte ich für meinen fernen Vater beten , auf dessen Gesicht ich mich bei aller Anstrengung nicht besinnen konnte . So vergingen einige Jahre und Fräulein Streit wurde von Tag zu Tag unruhiger und weinte immer herzbrechender . Sie stand auch wohl draußen im Baumhof , breitete ihre Arme weit aus und rief mit zärtlich dünner Stimme gen Himmel : » Eilende Wolken ! Segler der Lüfte ! Wer mit euch wanderte , mit euch schiffte ! « - und als ihr eines Tages ein Zahn ausfiel - er polterte bei Tische auf ihren Teller nieder und war zu meiner starren Verwunderung kein leibhaftiger , sondern ein eingesetzter Zahn - da wusch sie ihre Hände und packte schleunigst den Koffer . » Ich bin es mir selbst schuldig , gute Ilse - man hat hier so gar keine Aussichten ! « verabschiedete sie sich von Ilse , während Thränenströme ihr ältliches Gesicht überrieselten . Gar keine Aussicht in der weiten , weiten Heide ! Ich war wie versteinert bei dieser Anschuldigung meiner vergötterten Heimat . Heinz fuhr den Koffer bis ins nächste Dorf , und ich ging auch ein Stück Weges mit . Nach dem Abschied blieb ich stehen und sah der Fortziehenden nach , bis ihr wehendes Kleid weit , weit drüben im Walde verschwand . Nun nahm ich den Hut vom Kopfe und warf ihn hoch in die blaue Luft , dann streifte ich das enge , drückende Jäckchen ab , ohne welches Fräulein Streit mich nie ins Freie entlassen hatte ... Ei , wie wonnig der laue Wind über Nacken und Arme hinstrich ! ... So kam ich heim . Da hatte Ilse schon das gepolsterte Sofa in die anstoßende Kammer geschoben und der Schonung wegen mit Decken überhangen , und die blau und weiß gestreiften Vorhänge faltete sie eben fein säuberlich zusammen , um sie im Kasten aufzuheben . » Ilse , abschneiden ! « sagte ich und hielt meine langen unbequemen Locken hin . Und sie schnitt hindurch mit kreischender Schere , daß es eine Lust war . Die Lockenwickel flogen ins Feuer , das Jäckchen paradierte im Schranke , und ich ging von da an in Rock und Mieder wie Ilse . Das glitt mir alles durch die Seele , während ich unter der Föhre stand und unverwandten Auges die drei forteilenden Gestalten verfolgte . Es dämmerte bereits , ich konnte sie kaum noch von dem dunklen Buschwerk unterscheiden ; auch waren sie schon so weit entfernt , daß ich ihr Weiterschreiten nicht mehr bemerkte ; aber ich wußte ja , daß sie sich ebenso sputeten , wie einst Fräulein Streit , die mißachtete Heide möglichst schnell im Rücken zu haben ... Was hätte der junge Herr wohl gesagt der Thatsache gegenüber , daß die alte Frau mit dem roten Gesicht auf dem Dierkhof einst eine volkreiche Stadt verlassen hatte und in die Heide gegangen war , um nie wieder zurückzukehren ! Fräulein Streit meinte freilich immer , meine Großmutter sei tiefsinnig , und fürchtete sich unsäglich vor ihrem scheuen Blick ; für mich aber war das wunderliche Wesen der alten Frau bis zu diesem Augenblick unzertrennlich von ihrer ganzen Erscheinung gewesen , und wenn es sich später verschärft und verstärkt hatte , so war es ebenso leise und allmählich geschehen , wie ich in die Höhe wuchs - ich hatte immer gemeint , so seien eben alle Großmütter . Wie kam es doch , daß ich jetzt nachdenklich wurde über Dinge , die mir bisher als selbstverständlich gegolten hatten ? Das maßlose Erstaunen der Fremden über die » seltsame alte Frau , die kein Geld im Hause litt « , hatte mich aufmerksam gemacht ... Und war es nicht auch seltsam , daß meine Großmutter im Lauf der Jahre völlig verstummte ? Daß sie jeder Begegnung mit ihren Hausgenossen auswich und mir einen furchtbar strafenden Blick zuwarf , wenn ich ja einmal ihren Weg kreuzte ? Daß sie nie auch nur einen Bissen aus fremder Hand aß ? ... Die Eier , von denen sie hauptsächlich lebte , nahm sie eigenhändig aus den Nestern ; sie molk die Kuh selbst , damit keine andere Hand das Milchgefäß berühre , kein fremder Atem über den Trank hinstreiche , den sie genoß , und Fleisch und Brot rührte sie nie an ... Nur im ersten Jahr hatte sie mich hier und da geliebkost - später schien sie ganz vergessen zu haben , wer ich sei . Mein Vater schickte keine neue Erzieherin , für meine Großmutter existierte ich nicht , und der weit abseits wohnende Dorfschullehrer war kein Hexenmeister . Das sei zu schlimm für mich , meinte Ilse . - Sie schickte mich nicht in die Schule und setzte sich abends selbst auf den Lehrstuhl - es wurde ihr sauer genug . Sie las mir meist einzelne Kapitel aus der Bibel vor , aber stets mit gedämpfter Stimme , und es entging mir nicht , daß sie sich öfter jäh unterbrach und ängstlich gespannt nach dem Zimmer meiner Großmutter hinhorchte . Ich wurde auch vom alten Pfarrer des Kirchspiels konfirmiert ; denn ich hatte bei Ilse entsetzlich viel auswendig gelernt ; damals stahl sie sich förmlich mit mir aus dem Dierkhof , während Heinz daheim Wache hielt , und ich kniete