in eine Schneiderwerkstatt umgewandelt ; der tiefe Höllenwinkel - des Mannes erster Blick ! - , er ist mit dem riesigen Kachelofen verschwunden . Auf dem Platze in der Kammer , wo damals der Sarg des Majors gestanden , steht heute eine Wiege . Angstvolle Gebärden und zornige Scheltworte begrüßen den Eindringling , den man für einen Betrunkenen oder Tollen hält . Indessen waren auch die Nachbarn , die vor den Türen Dämmerstunde feierten , auf des Fremden seltsames Gebaren aufmerksam geworden ! Der Lärm lockte spielende Kinder , Mägde vom Brunnen herbei , eine dichte Gruppe bildete sich vor dem Tore . Die Frauen näherten sich dem abgezehrten Mädchen , das sich ermattet neben demselben niedergekauert hatte . - » Wie heißt du , Kleine ? « fragte eine Nachbarin . - » Hardine , « lispelte das Kind mit schwacher Stimme . - » Ist der Mann dein Vater ? « - Das Kind nickte . - » Wie heißt er ? « - Das Kind schüttelte das Köpfchen . - » Was will er ? « » Wen sucht er in diesem Hause ? « - » Fräulein Hardine ! « » Fräulein Hardine ! « Die Nachbarn steckten bei dem Namen die Köpfe zusammen . Als aber nun auch der Vater , gefolgt von der Schneiderfamilie , von Gesellen und Lehrlingen , aus dem Hause zurückkehrte und immer den nämlichen Namen wiederholte , da entstand ein Rumor , ein Gewirr von Kreuz- und Querfragen , das endlich in der Kürze zu folgendem Abschluß führte : Die älteren unter den Bürgern des Städtchens hatten in der Tat ein Fräulein , das Hardine hieß , gekannt , das einzige , das jemals unter ihnen diesen Namen getragen . Fräulein Hardine war in diesem Hause geboren und erzogen ; die Leiche ihres Vaters , der als Major in dem Gefechte bei Saalfeld geblieben , war auf dem städtischen Kirchhofe begraben , und die Tochter hatte ihm ein Monument errichten lassen , das die Stadt zu ihren vornehmsten Sehenswürdigkeiten zählte . Der Name Fräulein Hardines hatte überhaupt einen stolzen Klang in ihrer Vaterstadt . Der Magistrat ging damit um , ihr einen Ehrenbürgerbrief zu votieren , für welche Auszeichnung man sich denn ganz unverhohlen auf ein testamentarisches Legat zugunsten einer städtischen Stiftung Rechnung machte , denn die vielgepriesene Dame , die reichste Grundbesitzerin der Provinz , ermangelte jeglichen berechtigten Erbens und stand in den Jahren , wo man sein Haus zu bestellen pflegt . Daß hingegen Fräulein Hardine jemals ein fremdes Kind - von einem eigenen war natürlich nicht die Rede - in einem Waisenhause versorgt haben sollte , wollte zu den von ihr gang und gäben Erinnerungen und Vorstellungen nicht im entferntesten passen . Fräulein Hardine stand in dem Rufe einer großen und klugen Dame , aber nicht in dem einer Samariterin . August Müllers Erinnerungen sprachen indessen allzu deutlich für einen immerhin möglichen Fall , auch empfahlen die kriegerischen Narben und Dekorationen den ehemaligen Schützling ihrer Landsmännin , und so war man denn allseitig bereit , ihm eine gastliche Herberge in ihrer Vaterstadt zu gewähren . Die kleine Hardine , reichlich beköstigt und reinlich ausstaffiert , schlief so sanft wie noch nie auf der ganzen Reise in dem Bettchen , das ihr die Schneidersfrau neben der Wiege in der Kammer aufgeschlagen hatte . Vater Müller aber dacht gar nicht an ein Bett ; er durchzechte die kurze Sommernacht an der Tafel des Schloßkellerwirts nebenan und belohnte das freihaltende Publikum mit dem köstlichen Humor seiner spanischen Erinnerungen und der Erwartungen seines Türkenzuges . Ein so tapferer Landsmann , der sich so weit in der Welt umhergetrieben hatte und noch ferner umherzutreiben gedachte , ein Krüppel , der , seinem Elend zum Trotz , so lustig zu erzählen verstand , er durfte aber nicht ohne einen anständigen Zehrpfennig in das Gebiet der auserkorenen Ehrenbürgerin entlassen werden . Und so endete der Rasttag in Fräulein Hardines Vaterstadt als ein Freuden- und Erntetag für den ehemaligen Waisenknaben , der dieses Fräuleins Schutz genossen hatte . Den Himmel voller Geigen und mit reichlich gefüllter Tasche holte er am andern Morgen sein kleines Mädchen aus dem Nachbarhause ab , drückte den vor den Türen harrenden Bürgern zu Dank und Abschied die Hand und - besann sich erst jetzt , daß er vergessen hatte , nach Namen und Wohnort der Dame zu fragen , deren Wohltat er genossen haben und von neuem beanspruchen wollte ! Möglich , daß er beide gestern in seinem Freudenrausche überhörte ; so oder so jedoch gleichviel ! Er kannte den Namen » von Reckenburg « nicht , er wußte kein Wort von dem Stammsitze der Familie , der reichsten Herrschaft , dem Stolze der Provinz ! Wer vermöchte das verdrießliche Staunen unserer freigebigen Bürger zu beschreiben ! War der Mann mit dem ehrlichen Soldatengesicht , mit seinen Orden und Narben , seinen Fahrten und Schwänken , mit der Berufung auf Fräulein Hardine ein tollköpfiger Abenteurer , ein Betrüger , der ihre Leichtgläubigkeit benutzt hatte , um seinen Säckel zu füllen ? Es währte Wochen , bevor unsere Bürgerschaft über den ärgerlichen Streich zur Ruhe kam ; nur aber um von einem Erstaunen in das andere zu fallen und ihr Ehrendiplom vorderhand zu sistieren . Währenddessen wanderte der Wachtmeister Müller wohlgemut seines Weges . Sie hieß das Fräulein von Reckenburg , sie wohnte kaum zwölf Meilen fern auf Schloß Reckenburg , und jedes Kind wußte ihm den Weg nach Schloß Reckenburg anzugeben . Er konnte auf diesem Wege seine Zehrung bezahlen ; er hatte Weile , zechend zu rasten , wo ihm beliebte , und ihm beliebte , mancherorten zechend zu rasten . So währte es denn eine Woche , ehe er den Strom erreichte , an dessen jenseitigem Ufer das Reckenburger Gebiet beginnen sollte . Je näher er nun aber seinem Ziele rückte , um so anziehender wurde die Auskunft , die er über die Schloßdame von Reckenburg erhielt . Es waren natürlich nur kleine Leute , die er in