nicht wenig lobende Gesundheitspolizei , die Sitten sind andere und bessere geworden , selbst der Ungebildete weiß , daß grüne Pflaumen und Gurkensalat zur Zeit der Brechruhr nicht zu den gesunden Nahrungsmitteln gehören . Gesundheitstlanell , wollene Leibbinden und Korksohlen werden täglich in den Intelligenzblättern angeboten und von den verständigen Leuten gekauft . Selbst der Ungebildete vermag , wenigstens in Deutschland , die Intelligenzblätter zu lesen , für die Gebildeten haben Lessing , Herder , Schiller , Goethe und Jean Paul gelebt , und - um so erstaunlicher ist es , wie nahe wir trotz alledem doch noch dem Schüdderump stehen ! Wer sich eingehender damit beschäftigt , dem vermischen sich endlich die Vorstellungen derartig , daß er kaum noch die Vergangenheit von der Gegenwart zu unterscheiden Vermag . Es war ein schönes , halbnacktes Mädchen , dem nicht einmal der schwarze Tod alle Reize hatte nehmen können , und selbst auf dem Schüdderump wehrte es sich noch gegen die scheußliche Grube , gegen die Verwesung mit und in dem Haufen der andern Leichen . Ich habe sie im Traume gesehen ; - die im letzten Krampf starr und steif gewordenen Arme klemmten sich zwischen den Leisten der Seitenwände des schwarzen Wagens , ein Nagel hatte ihr Gewand gefaßt und es ihr von den Schultern gezogen . Als die wilden , rohen Knechte den Karren umstülpten , schien diese Tote allein den andern Leichnamen nicht folgen zu wollen . Die Knechte mußten sie mit ihren eisernen Haken losreißen und sie den übrigen nachschieben , und sie lachten dabei und wiesen die Zähne und die Zungen ; denn es war ein sehr schönes Mädchen und war noch schön auf dem Schüdderump - und so ist auch Marie Häußler , die Tochter des Dorfbarbiers zu Krodebeck , ein sehr schönes Mädchen gewesen . Zieht den Hut ; der eigentliche Held und Triumphator dieser Geschichte erscheint für einen Augenblick im Hintergrund und schleicht leise über die Bühne ! Dietrich Häußler wurde zu Anfang des Jahrhunderts in Krodebeck geboren . Er verheiratete sich im Anfange der zwanziger Jahre und zeugte die schöne Marie . Im Jahre achtzehnhundertneununddreißig starb seine Frau , nachdem er im Jahre vorher mit seiner Tochter aus dem Dorfe verschwunden war . Die schöne Marie kam im Jahre fünfzig mit ihrer kleinen Antonie zurück nach Krodebeck ; der Stammherr des Geschlechtes Häußler Von Haußenbleib , dem freilich Schild und Schwert sogleich mit in die Grube gegeben werden muß , wird im Jahre einundsechzig zurückkommen , wenn Antonie Häußler eine schöne Jungfrau geworden ist , und dann - dann wird der Titel des Buches seine volle Lösung finden . Dietrich Häußler hatte mit dem Kollegen von Sevilla nur die leichte Hand , doch nicht den leichten Sinn gemein . Er rasierte eigentlich vortrefflich ; allein da er den Gott in seinem Busen kannte und eine Ahnung davon hatte , zu welch großen Dingen er berufen sei , so rächte er sich für jetzt dadurch an seiner niedrigen Lebensstellung und an der Menschheit , daß er so schlecht als möglich rasierte . Blutgierig zog er an jedem Sonnabend den Bauern von Krodebeck die Haut ab , machte in dieser Hinsicht sein Handwerk wirklich zur Kunst und konnte so mit ganzer Seele sich seinem Geschäft hingeben , grad wie in früheren Jahrhunderten ein schwärmerisch entflammter Folterknecht dem seinigen . Er war gewiß nicht dumm , sondern ein hinterlistiger , heimtückischer Gesell , welcher seine Lehrzeit und drei Jahre drüber in Berlin zugebracht hatte und einen großen Teil seiner Lebensanschauungen und Grundsätze auf diese fromme und vergnügte Zeit begründete . Sein Weib und seine Kinder führten ein gar elendes Leben unter seinem Regimente . Sein Weib , von dem weiter nichts zu sagen ist , starb , und seine Kinder verdarben bis auf diese Marie , welche man in Krodebeck die schöne nannte und welche ebenfalls starb und verdarb , aber auf eine andere Art als die übrigen , denn die übrigen versanken nach einem kurzen Taumeln und Quälen in Krodebeck selbst ; Marie aber kam in die weite Welt hinaus und erlebte viele Dinge , ehe sie nach Krodebeck zurückgebracht wurde , um ebenfalls daselbst unterzugehen . Wie gesagt , hatte Dietrich die Verhältnisse der großen Stadt , da seine eigenen Neigungen schlecht waren , von der schlechtesten , erbärmlichsten Seite angesehen , und noch dazu von der erbärmlichsten Seite in der geringen Sphäre , in welche ihn sein Schicksal hingestellt hatte . Aber er war dazu mit einer gewissen Phantasie begabt , welche ihm die Dinge oft in einem absonderlichen Lichte erscheinen ließ . Er konnte so gut wie ein anderer träumen und die Wirklichkeit idealisieren und die Welt vollständig auf sich als den Mittelpunkt der Welt beziehen und in seinen einsamen Stunden gradeso glücklich sein wie ein anderer . Das ist das erfreuliche am Leben , daß der Mensch für seine Natur kaum verantwortlich zu machen ist , und so werden wir gewiß nicht auf den Meister Dietrich Häußler um das , was er war , und um das , was er wurde , mit zu finsterm Auge und zu tiefem Stirnrunzeln blicken . Nun hat ein Barbier in einer großen Stadt , der sich auch ein wenig aufs Frisieren versteht , Gelegenheit , allerlei zu sehen und zu hören , worüber sich nachdenkliche Betrachtungen anstellen lassen , Das Ideal tritt in erstaunlichen Formen auf , und schon in Berlin lag das Ideal für Dietrich in der Vorstellung , eine schöne Tochter zu haben und beliebig über dieselbe verfügen zu dürfen . Da er ein ganz stattlicher Bursche war , gelang es ihm , in der preußischen Hauptstadt in ein Geschäft hineinzuheiraten und dasselbe in zwei Jahren zu ruinieren . Er kam nach Krodebeck zurück , imponierte den Bauern mächtig in der ersten Zeit , log fürchterlich und wurde allmählich zu einer Persönlichkeit , welcher das Dorf alles in der Welt zutraute , jedoch nicht das Allergeringste anvertraute . Man lachte über ihn und fürchtete ihn ausnehmend , man glaubte seiner Versicherung