daß er gewinnen müsse . Ein diabolischer Hohn grinste aus seinen Beulen und Schrammen . Das Scheusal wußte , daß es auch noch den Nachfolger des armen , schwindsüchtigen Mannes überleben könne ; es machte sich nicht das geringste aus dem Schimmel und Schwamm des Spritzenhauses . Hans Unwirrsch trat mit keineswegs sentimentalen Gefühlen in die Gemeinschaft und das Gewimmel der Armenschule . Nachdem die erste Verblüffung und Blödigkeit überwunden war , nachdem er sich halbwegs hereingefunden hatte , zeigte er sich nicht besser als jeder andere Schlingel und nahm nach besten Kräften teil an allen Leiden und Freuden dieser preiswürdigen Staatseinrichtung . Er orientierte sich bald . Die Freunde und Feinde unter den Knaben waren schnell herausgefunden : gleichgeartete Gemüter schlossen sich an ihn , entgegenstehende Naturen suchten ihn an den Haaren aus seiner Weltanschauungsweise herauszuziehen , und im Einzelkampf wie in der allgemeinen Prügelei kam manches Leid über ihn , das er aber als anständiger Junge ertrug , ohne sich hinter dem Lehrer zu verkriechen . Als anständiger Junge hatte er in dieser Lebensepoche gegen das weibliche Geschlecht auf den Bänken zur Rechten des Ganges im allgemeinen eine heilsame Idiosynkrasie . Er klebte den Mädchen gern Pech auf ihre Plätze und knüpfte ihnen noch lieber paarweise verstohlen die Zöpfe zusammen ; er verachtete sie höchlichst als untergeordnete Geschöpfe , die sich nur durch Geschrei wehrten und durch die der Lehrer mehr über die linke Hälfte seiner Schule erfuhr , als den Buben lieb war . Von ritterlichen Regungen und Gefühlen fand sich anfangs in seiner Brust keine Spur , doch die Zeit , wo es in dieser Hinsicht anfing zu dämmern , war nicht fern , und bald machte wenigstens ein kleines Geschöpfchen von der andern Seite der Schule her seinen Einfluß auf Hans Unwirrsch geltend . Es kam die Zeit , wo er eine kleine Mitschülerin nicht weinen sehen konnte und wo er einen unbestimmten Hunger empfand , der nicht auf die großen Butterbrote und Kuchenstücke der benachbarten Straßenjugend gerichtet war . Doch für jetzt steckte er frech die Hände in die Taschen der Pumphose , spreizte die Beine voneinander , stellte sich fest auf den Füßen und suchte sich soviel als möglich von der absoluten Herrschaft der Weiber zu befreien . Nicht mehr wie sonst saß er still und artig zu den Füßen der Base Schlotterbeck und horchte andächtig ihren Lehren und Ermahnungen , ihren Märchen und Kalendergeschichten , ihren biblischen Vorlesungen . Zum großen Mißbehagen der guten Alten fing er an , täglich mehr Kritik zu üben . Die Kalendergeschichten wußte er allesamt auswendig ; kein Märchen konnte die Base beginnen , ohne daß der Bengel ihr ins Wort fiel , um Verbesserungen anzubringen oder nichtsnutzige , ironische Fragen zu stellen ; gegen ihre guten Ermahnungen rückte er immer mit verwirrenden Einwänden hervor , welche die Base öfters ganz und gar aus der Fassung brachten . Wenn sich die treue Seele nach ihrer Art in einem langatmigen Geschlechtsregister der Bibel verwickelt hatte , so hatte Hans eine wahrhaft diabolische Lust daran und suchte die Arme immer tiefer und hülfloser in das Dorngestrüpp zu treiben , so daß sie oft ganz ärgerlich und giftig das Buch zuklappte und das einstige » kleine Lamm « eine » nichtsnutzige , naseweise Kröte « nannte . Hinter ihrem Rücken spielte er ihr allerlei Possen , ja er entblödete sich nicht , vor einem ausgewählten Publikum der Kröppelstraße , das mit ihm im gleichen Alter stand , eine Vorstellung zu geben , in der er die Art der Base aufs komischste nachäffte . Kurz , Hans Jakob Nikolaus Unwirrsch hatte jetzt eine Lebensstufe erreicht , auf welcher liebende Verwandte ihren hoffnungsvollsten Sprößlingen und jugendlichen Bekannten mit finster-melancholischen Blicken und warnenden Handbewegungen eine düstere Zukunft , den Bettelstab , das Gefängnis , das Zuchthaus und zuletzt , zum angenehmen Beschluß , den schimpflichen Tod am Galgen vorhersagen , Es ist auch in diesem Falle ein Glück , daß Prophezeiungen gewöhnlich nicht in Erfüllung gehen . Hans zog eben in dieser Epoche das bewegte Leben der Gasse mit seinen Einzelheiten dem häuslichen Glück , dem stillen , ungestörten Frieden der vier Wände bei weitem vor . O du schöne Zeit der schmutzigen Hände , der blutenden Nasen , der zerrissenen Jacken , der zerzausten Haare ! Wehe dem Mann , der dich nicht kennenlernte ! Es wäre ihm besser gewesen , er hätte manches andere nicht kennengelernt , welches die liebenden Verwandten und Freunde mit den finster-melancholischen Blicken ihm als sehr löblich , lieblich und rühmlich priesen und anempfahlen . Naturgemäß hielt sich Hans jetzt mehr an den Oheim Grünebaum als an die Mutter und die Base . Der wackere Flickschuster hatte manches , was ein jugendliches Gemüt anziehen konnte . In der Gesellschaft dieses würdigen Mannes wurde dem Neffen selten die Zeit lang . Sehr schmutzig und vernachlässigt erschien jedem ordentlichen Weibe die Haushaltung und Umgebung des Oheims Grünebaum . In seiner Werkstatt sah es aus , als hätten die Hutzelmännchen nicht wohlwollend , sondern in grimmigster Erzürnung darin gehaust . Ein tolleres Kopfüber-Kopfunter kann man sich nicht leicht vorstellen , und wenn jemand hätte das Suchen lernen wollen , so hätte er hier die beste Gelegenheit dazu gehabt . Der Oheim Grünebaum verbrachte aber auch den größten Teil des Tages und seiner Arbeitszeit im vergeblichen Suchen . Das Gerät , das er eben brauchte , war fast niemals zu finden , und das Wühlen und Rumoren danach brachte keine größere Ordnung in den Wirrwarr . Dazu schrien , pfiffen und sangen von den Wänden aus großen und kleinen Käfigen Vögel mannigfacher Art ; ein Laubfrosch zeigte in seinem Glase am Fenster das Wetter an . Das politische Wetter aber zeigte sich der Meister Grünebaum selber an , indem er sich und seinen Vögeln den » Postkurier für Stadt und Land « mit lauter Stimme vorlas , was ebenfalls einen ziemlichen Teil seiner Arbeitszeit wegnahm . Der wackere Oheim Grünebaum schusterte nur gerade so eifrig und so lange , als nötig