und Wahrheit auch die Anbetung zu kurz kommen müsse . Zu jeder Andachtsübung , die Levin mit ihren Söhnen machte , zuckte sie die Achseln oder lächelte sie mitleidig oder schaute mit kalter Gleichgiltigkeit zu . Wie ein ertötender Reif fiel diese Frostigkeit des Gemütes auf jene Keime , die Levin so gern zu Blüten in den Seelen seiner Neffen entwickelt hätte . Aber er ließ sich nicht entmutigen . Er flüchtete sein einsames , tausendfach betrübtes Herz an das einsame leidenvolle Herz seines Heilandes und opferte in der Vereinigung mit Ihm jeden Tag und jede Stunde seines Lebens für diejenigen auf , die so wenig sein Opfer verstanden . So legte er in anscheinend geringe und von der Welt verkannte Tat eine Fülle der reinsten , umfassendsten Liebe nieder . Die Knaben konnten sich einer gewissen Zuneigung für den Onkel Levin nicht erwehren ; er war ihnen angenehmer als die herzlose Mutter , die auch sie immer in kühler Entfernung hielt . Sie hatten Vertrauen zum Onkel Levin bei ihren kleinen Freuden und Leiden , denn niemals hatten sie ihn teilnamslos gefunden . Nur ging die Zuneigung nicht so weit , um seinen Ermahnungen Gehör zu geben und seine Ratschläge anzunehmen , sobald dieselben Selbstverleugnung von ihnen forderten . Sie fanden es recht schön , daß er ein solches entsagendes Leben führe ; aber sehr unnütz , seinem Beispiele zu folgen . Juliane erntete im reichen Maß den Egoismus ein , den sie in den Herzen ihrer Söhne hatte wuchern lassen . Beide machten ihr den Kummer , den sie am schmerzlichsten empfand : sie brachten ihr als Schwiegertöchter und ohne sie zu Rate zu ziehen ganz unbemittelte Mädchen . Von Damian hätte sie sich eine solche Wahl gefallen lassen , da er ja bereits Besitzer des großen Windeck ' schen Majorates war ; aber von Gratian fand sie es empörend , weil sie fürchtete , er wolle schon bei ihren Lebzeiten den Mitgenuß ihres Vermögens haben - das nach ihrem Tode ihm zufiel - und dadurch ihr Einkommen verringern und ihre Stellung in der Gesellschaft möglicherweise gefährden . Gratian hatte sich allerdings auf das Vermögen seiner Mutter verlassen und war nicht minder empört über ihre frostige Kargheit , als sie über seine Rücksichtslosigkeit . Damian wurde in die mütterliche Ungnade verwickelt , weil beide junge Frauen Schwestern waren und weil Juliane behauptete , Damians schlechtes Beispiel , eine Frau zu wählen , die nichts habe , als ihr schönes Gesicht , sei ansteckend für Gratian gewesen . Genug , diese beiden Heiraten stifteten großen Unfrieden zwischen Mutter und Söhnen , und niemand litt mehr darunter , als die jungen Frauen , die immer von der Schwiegermutter und zuweilen von ihren Männern darüber viel Bitteres hören und leiden mußten . Es waren zwei sanfte , liebe Wesen , sehr gut erzogen , sehr fromm , jedoch dermaßen im Gefühl und in der Phantasie lebend , daß ihre Männer sie , wenigstens in den ersten Jahren , als unmündige Kinder betrachteten und ihnen wenig Einfluß einräumten . Familienbilder So blühte denn abermals ein neues Geschlecht um Levin auf ; aber ein solches , worin er Kinder seiner Seele erkennen konnte . Damians Frau , Gräfin Kunigunde , schloß sich mit zärtlicher Ehrfurcht ihm an und sah in seinem Auftenhalt zu Windeck eine besondere Gnade Gottes . Ihre Schwiegermutter hatte sich nach ihrer Herrschaft Stamberg im Odenwald begeben , richtete das Schloß prächtig ein , machte große Gartenanlagen , neue vortreffliche Bauten und wurde noch kälter gegen ihre Söhne als früher , indem sie mit der größten Trockenheit behauptete : wären Söhne verehlicht , so würden sie gleichgiltig für die Mütter . Gratian , der als nachgeborner Sohn nur eine unbedeutende Apanage hatte und freilich sehr leichtsinnig in die Ehe getreten war , würde nicht im Stande gewesen sein , mit einer Familie zu existieren , da seine Mutter ihm nur das Jahrgeld gab , welches er schon auf der Universität von ihr empfing , wenn sich nicht Damian sehr brüderlich benommen und ihm eine seiner Besitzungen ganz in der Nähe von Windeck gegeben hätte , deren Herr Gratian so lange sein sollte , bis sich seine äußeren Verhältnisse besser gestalteten . Diese Großmut Damians rührte Gräfin Juliane nicht im mindesten ; auch nicht die große Eintracht , in welcher beide Familien lebten . Sie äußerte gegen Freunde : » Nun ja , es sind ein paar harmlose Geschöpfe , meine Schwiegertöchter , und ich glaube gern , daß sie ihren Männern nichts in den Weg legen , sondern eher zu viel Nachsicht mit ihnen haben und ganz gewiß ohne Einfluß auf sie sein werden ; allein mir ist dies zärtliche , empfindsame , weichliche Wesen antipathisch . Ich finde keinen Berührungspunkt mit ihnen ; sie sind unbrauchbar für einen großen Wirkungskreis . « Unter » großem Wirkungskreis « verstand Juliane immer den , welchen sie selbst ausfüllte , und ihr Talent für Verwaltung und Finanzen war freilich den jungen Frauen fremd . Beide überließen das ihren Männern . Gratian sagte einst zu seinem Bruder : » Wenn nur die Mama nicht wieder heiratet . « » Possen ! « rief Damian , » was könnte die Mama dazu bewegen ! ein zärtliches Herz gewiß nicht . Onkel Levin ! haben Sie gehört , was Gratian befürchtet ? « » Eure Mutter war immer eine sehr verständige Frau , die sich in ihrem Witwenstande vortrefflich benommen hat , « entgegnete Levin mild . » Ich begreife nicht , weshalb Gratian diesen Scherz macht . « » Weil die Mama jemand haben muß , den sie hofmeistern kann , Onkel Levin ! Das ist nun einmal ihr Fach . Das hat sie an dem guten Vater gezeigt und dann an uns . Sie könnte jetzt freilich unumschränkt ganz Stamberg beherrschen und hofmeistern und sich damit begnügen ; allein was soll sie im häuslichen Leben anfangen ? Da ist eine Lücke und die erschreckt mich ; zuerst für die Mama und dann für