Zugegen war niemand , den sie kannte , außer einer alten Magd aus dem Hause , das der Stadtamtmann bewohnte . Diese hatte ihr ein vergoldetes Gesangbuch geliehen und sie auf ihrer Kammer geschmückt , sodaß sie hernach zur Frau Stadtamtmann hintreten konnte und deren ganzen Beifall erntete . Diese neue » gnädige Frau « schenkte ihr ein schwarzes Halsband von Sammt mit einer Stahlschnalle , die auf dem brünetten Halse funkelte wie eine Broche von Diamanten . Ja , als sie aus der Kirche zurückkam , wurde sie sogar mit Chocolade empfangen . Man war gut und freundlich gegen sie . Es war eine sonderbare Welt , in die das nun fast funfzehnjährige Mädchen hier stündlich einblicken konnte . Die Gensdarmen gingen ab und zu , und der Stadtamtmann , der zwar ein für allemal im Hause und wenigstens bei Tisch mit den Vorkommnissen seines Berufes verschont sein wollte , konnte es nicht dahin bringen , daß er ohne Behelligung bis zum Dessert kam . Lucinde bediente ; auch wenn Gäste geladen waren . Sie besaß zwar nicht viel Geschick und machte vieles verkehrt , doch wurde das alles nicht mehr mit der früher erlebten Strenge gerügt . Zerstreut mußte sie schon dies ewige Rapportiren machen von dieser Dieberei und jener Gewaltthat . Ihre Phantasie , die sehr lebhaft war , sah ringsum - sie brauchte schon nur an die doppelten Namen der ihr vorerst entschwindenden » Frau Hauptmännin « zu denken - die Welt voll Lug und Trug , und da sich ' s dabei doch so behaglich essen und trinken ließ , so erschreckte sie keine Thatsache , selbst kein Diebstahl , kein Mord mehr ; sie schüttelte den Kopf darüber , daß die Dinge des Lebens alle so glatt , so höflich und vergnüglich vorwärts gingen , während tausend Hände daran arbeiteten sie zu verwirren , man sah ' s nur so nicht auf den Promenaden , wenn sie mit den Kindern des Stadtamtmanns ausging und die Leute stillstanden und die Kinder bewunderten , d.h. sie selbst und ihre auffallende Erscheinung . Eines Tages erlebte sie aber auch auf der Promenade , daß ein junges Mädchen , das halb bäuerisch , halb städtisch , aber schwarz gekleidet war , auf sie zustürzte . Es war ja ihre nächstälteste Schwester Luise ! Sie trauerte . Um die Geschwister noch ? Um den Vater ! Das liebe , freundliche , immer lächelnde Männlein war nicht mehr ... Luise weinte so laut , daß es ihr Lucinde verbot , » weil ja die Leute still stünden « ... Sie selbst war wieder nur erblaßt wie damals , als sie plötzlich nicht mehr ihre drei Geschwister hatte . Indem kamen noch zwei andere beflorte Kinder von der andern Seite . Es waren August und Gustav , ihre Brüder . Die hatten das Haus des Stadtamtmanns aufgesucht , dort gehört , ihre Schwester wäre auf der Promenade mit zwei Kindern ; nun hatten sie sich vertheilt , und eins hatte von hier , das andere von dort gesucht . Der Vater war todt ... Und wie schmerzlich hatte er geendet ! ... Er war in einen der vier kleinen Bäche gefallen , mit denen Langen-Nauenheim gesegnet ist ... Spät von dem Vorspann war er heimgekommen ... Kein Stern blinkte ... es war ein großer Nebel gewesen , und da hatte er eine von den Brücken verfehlt . Erst Morgens hatten sie ihn gefunden , wie er dalag im kühlen Grunde , aufgehalten von den Wurzeln eines alten Weidenstamms . Lucinde schüttelte düster den Kopf . Dann rief sie mechanisch des Stadtamtmanns Kindern , die sie führte , ein scheltendes Wort ; darauf fragte sie , ob die Geschwister schon gegessen hätten . Luise versicherte es und kam auf das schmerzliche Ende des Vaters zurück . Lucinde fragte , was aus dem Hause , aus dem Garten , aus dem Geräth , den Hühnern , der Ziege , der großen Wandkarte geworden wäre ! Sie erfuhr , daß alles das theils dem Staate , theils dem Dorfe , theils dem Wirth zum Vorspann und einer alten Frau gehörte , bei der sie schon lange oft ihre Betten in Versatz gegeben hatten , wenn sie auf ein paar zusammengerückten Schulbänken hatten schlafen müssen . Luise die wollte nun auch dienen , und die Kinder brächte man vielleicht in einer Fabrik unter . So hatte es der Gemeindevorstand in Langen-Nauenheim gesagt ; sie sollten ' s einmal so versuchen , und » ging ' es nicht , so würde wol anders gesorgt werden « . Gustav war acht Jahre . In einer Spinnerei vorm Thore suchte man Kinder schon von acht Jahren an ; es hatte das in der Zeitung gestanden , in derselben Zeitung , die der Vater immer auf bessere Zukunft zu studiren pflegte , und in deren Beiblatt einst seine Phantasieen über den Beruf eines deutschen Volksschullehrers gestanden hatten . Nec impavidum ferient ruinae ... Latein konnte Lucinde nicht , aber der Stadtamtmann übersetzte so etwas einmal bei Tische , und sie glaubte , es hieß : » Was schadt ' s ! « Es war ein Wahlspruch gewesen , den ein alter Ritter gehabt . Sie nahm ihn schon oft an , und heute nun mußte sie schon . Sie nahm die Kinder , die alle zunächst doch noch Hunger und Durst genug hatten , mit sich ; der Schwester sagte sie gleich die Miethsfrau , wo die wohnte , und wie sie mit der sprechen müsse . Die Frau Stadtamtmann war noch nicht am Ende ihrer Hoffnung , die zwei kleinen Buben vom Lande waren prächtige Jungen , sie gefielen ihr . August und Gustav blieben einen Tag und kamen dann nicht in die Fabrik . Der Stadtamtmann sorgte dafür , daß sie ins Waisenhaus aufgenommen und » gut erzogen « wurden . Und nun sind kaum drei Jahre von dem Langen-Nauenheimer Auszug vergangen , und welche Veränderungen haben wir ! Lucinde fand sich in alles . Sie hatte