und Färbungen desselben ineinandergeflochten , ohne Kenntnis und Beurteilung ihrer natürlichen Stellung unter- und gegeneinander . Dem Rationalismus hing die romantische Caprice am Arm , das Schillersche Pathos und der britische Humor , Jean Paulsche Religiosität und Heinesche Eulenspiegelei schillerten durcheinander wie eine Schlangenhaut ; die Beschwörungsformeln aller Richtungen hatte er im Gedächtnis und sah darum begeistert das vor ihm liegende Land als einen großen alten Zaubergarten an , in welchem er als ein willkommener Wanderer mit jenen Stichworten köstliche Schätze heben und wieder in seine Berge zurücktragen dürfe . Neugierig schaute Heinrich , näher hinzufahrend , in die dämmernde Waldnacht hinein , welche nur spärlich vom Mondlicht durchschienen ward , und als ein Reh aus dem Busche an das Ufer trat , ein in der Schweiz schon seltenes Tier , da begrüßte er es freudigen Mutes als einen freundlichen Vorboten . Es war übrigens gut , daß er keine solidere und gefährlichere Schmuggelware in seinem leichten Fahrzeuge führte als solche Hoffnungen ; denn ein Wächter des deutschen Zollvereins war dem Schifflein schon geraume Zeit mit gespanntem Hahn nachgeschlichen , um zu spähen , wo es etwa landen möchte . Sein Rohr blinkte hin und wieder matt vom Scheine der mondbeglänzten Wellen . Der Ostermontag sah den jungen Pilger schon früh den Rhein hinauf und Hussens Brandstätte vorbei über den weithin leuchtenden Bodensee fahren . Das schöne Gewässer , welches vom Mai bis zum Weinmonat der paradiesischen Landschaft zur Folie dient , machte jetzt noch seinen Reiz und seine Klarheit für sich selbst geltend , und das mehr und mehr im blauen Dufte verschwindende Ufer des Thurgaus schien nun bloß um der schönen Umgrenzung des Sees willen dazusein . Sanft und rasch trugen die Fluten das Schiff an das fremde Gebiet hinüber , und erst als eine Schar grämlich-höflicher Bewaffneter den plötzlich Gelandeten umringte und von allen Seiten musterte , tat es ihm fast weh , daß an der Schwelle seines Vaterlandes ihn gar niemand um sein Weggehen befragt und besichtigt hatte . Ein Fuhrmann mit einer leer dastehenden alten Reisekutsche trug Heinrich für wenig Geld die Weiterbeförderung an , und bald kutschierte dieser tief in das » Land der Zukunft « hinein . Die Sonne schien tapfer , er saß hoch auf dem Bock , immer noch die verwelkte Primel auf der Mütze , und führte die Zügel der beiden mageren Gäule , während der Fuhrmann neben ihm sich einem süßen Müßiggange überließ und mit den befreundeten Stallknechten aller Gasthäuser am Wege geläufige Witz- und Schimpfworte austauschte . Das Land wurde bald flach und kornreich , doch die Ortschaften lagen unverbunden und einsam da , das Volk war schweigsam und eintönig in seinem Aussehen . Aber Heinrich besaß eine unverwüstliche Pietät für die Natur ; wo keine Gebirge und Ströme waren , da fand er jedes Gehölz , einen stillen Ackergrund , einen besonnten Hügel reizend um der » Stimmung « willen , die darauf lag , und seine Verbündeten waren hiebei die Atmosphäre und die Sonne , welche ihm jeden Busch zu etwas gestalten halfen . Und schon früh hatte er , ohne theoretische Einpflanzung , unbewußt , die glückliche Gabe , das wahre Schöne von dem bloß Malerischen , was vielen ihr Leben lang im Sinne steckt , trennen zu können . Diese Gabe bestand in einem treuen Gedächtnis für Leben und Bedeutung der Dinge , in der Freude über ihre Gesundheit und volle Entwicklung , in einer Freude , welche den äußern Formenreichtum vergessen kann , der oft eigentlich mehr ein Barockes als Schönes ist . So war er imstande , einen mächtig in den Himmel strebenden Tannenbaum mit frohem Auge zu betrachten , während ein anderer denselben sogleich auf die Kunst bezog und die störende steife Linie hinwegwünschte und irgendeinem recht zerrissenen verkrüppelten Birnbaum nachlief . Das glänzende ungebrochene Grün einer Wiese , eines Buchenwaldes im Frühling erquickte seinen Blick , indessen jener den » giftigen Ton « beklagte und ein Stück faulen Sumpf bewunderte . In dieser Weise , die Natur zu ergreifen , war er über das malerische Verständnis hinaus zum allgemeinen Dichterischen zurückgelangt , welches vom Anfang an in jedem Menschen liegt , und dieses zeigte ihm auch noch etwas Schönes , wo der Maler darbte . Deswegen ließ Heinrich auch jetzt seine Augen schweifen , links und rechts vom Wege , und guter Laune wurde in einem ansehnlichen Dorfe haltgemacht . Der arme fahrende Schüler sah sich an den runden Sondertisch des Gasthauses versetzt und begann eben , still auf seinen Teller schauend , an die heimatliche Mittagstafel zu denken , als ein herrschaftlicher Wagen mit Wappen und Bedienten heranfuhr und seine Inhaber unter großem Geräusch der Wirtsleute in die Stabe traten . Es waren eine schöne Dame von etwa dreißig , ein noch schöneres Mädchen von funfzehn Jahren und ein großer feiner Herr im besten Mannesalter , welcher von dem Wirt untertänigst Herr Graf genannt wurde . Diese Umstände waren hinreichend , um für den unerfahrenen Heinrich ein kleines Abenteuer zu sein . Obgleich er sich gegen allen ungebührlichen Respekt gewappnet fühlte , konnte er doch nicht umhin , einige neugierige Blicke nach diesen überbürgerlichen Wesen hinzuwerfen , von denen er noch keines in der Nähe gesehen hatte und die jetzt am gleichen Tische Platz nahmen . Das nahe Rauschen und Knistern der seidenen Gewänder machte ihn befangen und behaglich zugleich , und während er sich mit seinen Händen und seinem Eßwerkzeuge möglichst enge zusammenhielt , hätte er sich doch um keinen Preis ganz von seinem Plätzchen hinweglocken lassen ; denn wie zwei Frühlingssonnen ruhten die offenen kindlichen Augen des jungen Mädchens auf ihm . Er wagte auch bald das zweite Paar Blicke auszusenden , welche diesmal auf die ältere Dame trafen , wie sie ihn mit einem eiskalten , merkwürdigen Gesichte ansah und gar nicht zu bemerken schien , daß er sie ebenfalls betrachtete . Nachdem sie den rotgewordenen Heinrich eine Weile angesehen hatte , wandte sie ihre Augen wieder von ihm , wie wenn sie nur auf einem