! Welche Verstellung und wie viel erborgter Schein einer Religiosität , die eine solche Seele nimmermehr wahrhaft erfüllen kann ! Unser junger Freund war sonst zurückhaltender in seinem Urtheil über Andere . Eine Zeitlang tobte er so fort ; dann tadelte er sich aber doch über den raschen Ausbruch seines Unmuthes und lachte , des Bruders gedenkend , bald freudig auf . Sein gerechter Sinn sagte ihm sogar , daß doch wol nur die große Verschiedenheit der Richtung und Gesinnung ihn bestimmte , Das als ganz lügnerisch zu verdächtigen , was er eigentlich nur bekämpfen konnte . Er fand sogar in Friederike Wilhelmine von Flottwitz einen gewissen Ausdruck der Seele , der ihn zwang , einen Augenblick langsamer zu gehen und über sie nachzudenken . Dies Mädchen , sagte er sich mit einem leisen Anflug von Ironie , ist wirklich eine mittelalterliche Schwärmerin , ja eine Roland , eine Corday ! Für Das , was sie als besser und richtiger erkannt hat , glüht sie . Sie ist voll Dankbarkeit für die Wohlthaten , die ihre arme Familie vom alten Staate erhalten hat und erhält ! Ohne die gestürzte Regierungsformen , die sie und in gleicher Lage der ganze Reubund wiederhergestellt wünschen , müßte sie vielleicht darben : ihrem alten Vater würde vielleicht etwas von den Subsistenzmitteln entzogen , auf die er nach den schrecklichen Mühseligkeiten des Friedensfußes von 1815 bis jetzt rechnen zu dürfen glaubte ..... Siegbert lachte für sich . Er hätte dem Professor Lüders , der den Empfang des Prinzen Ottokar malte , etwas von der Begeisterung seines Gegenstandes gewünscht ; denn er wußte von diesem Künstler , daß nur die niedrigste Servilität ihn zum Parade- und Uniformmaler gestempelt hatte . Er wußte , daß er das Portrait des inspirirten Fräuleins wol treffen würde in dem Momente , wie sie dem Prinzen Ottokar die Säbelquaste und Leibschärpe küßte , aber von der innern Seele , von ihrer Jeannen d ' Arc-haftigkeit dabei , wußte er , würde der oberflächliche Mann nichts wiedergeben . Mehr aber als alle diese politisch-artistischen Empfindungen , beschäftigten Siegbert das vielfache Erwähnen und die Erinnerung an Melanie Schlurck . Er hatte sich so oft gelobt , dieses Bild von seinem innern Auge wegzubannen . Er hatte so geheimnißvoll selbst dem eigenen theuren , über Alles geliebten Bruder dies Gefühl verborgen gehalten , das er still für sich in seinem Herzen hegte , und so oft , so oft vergebens mit Gewalt ausreißen wollte , und nun mußte er sich mit seinem Heiligsten von dieser Frau profanirt sehen . Diese Trompetta , die seit einem halben Jahre alle Ateliers der Maler beunruhigte , hatte ihm sein Interesse für eine Schülerin des Professor Berg abgelauscht . Einige indiscrete Kunstgenossen , besonders Heinrichson und Reichmeyer , hatten leichtsinnig den Commentar zu jenem Bilde des Max Leidenfrost ausgeplaudert , das ja möglicherweise ganz etwas Anderes bedeuten konnte und im Costüme weit eher für ein Atelier Tizian ' s als eines modernen akademischen Professors paßte . Und auch über dem Einzigen , was ihn für diese so heraufbeschworenen Empfindungen hätte trösten können , seinem schönen , von allen Kennern , wie vom großen Publikum theilnehmend umringten Bilde , dem Feuertode des standhaften und ehrwürdigen Comthurs des Tempelherrnordens Jakob von Molay mit dem edlen Ausdruck der Zeichnung und dem farbensatten Colorit der Ausführung , hingen die trüben Wolken einer Intrigue , wie er aus den Worten jener aller Verhältnisse kundigen Frau nur zu deutlich vernommen hatte . Ach , es trieb ihn nun recht , sich bald an das Herz seines treuen starken Bruders Dankmar zu werfen ! Sehnsucht beflügelte seine Schritte . Er eilte wie Einer , den die Nacht zu überfallen drohte , und doch schlich der milde , goldene Abend nur langsam über die gelben Felder , die des Sonnenlichts nicht satt zu werden schienen . Endlich bei den Gärten und den Wirthshäusern der Vorstadt schon angelangt , entdeckte Siegbert einen Reiter von der Stadt her traben . Er erinnerte ihn sogleich an Dankmar , und er war es auch , der theure , geliebte , seit einem Monat abwesende Bruder . Er kannte sogar das Pferd in der Ferne . Es gehörte dem Stallmeister Lasally , einem fashionablen jungen Mann , der zu den Beaux der Residenz gehörte . Siegbert , um das schnelle Vorbeischießen des Bruders zu verhindern , sprang mitten auf das Straßenpflaster , das hier schon die Chaussée ablöste . Dankmar auf seinem Thiere stutzt , hält an , steigt vom Gaule und fliegt in die Arme seines Bruders , dem er entgegengeritten war . Mensch , wo steckst du , begann sogleich Dankmar . Ich suche dich überall , bis ich höre , du bist in Tempelheide . Ich wollte dir entgegenreiten , ich habe dir Wunderdinge zu erzählen .... Die nicht Zeit hatten bis zum Abend ? fiel Siegbert lachend ein , und hielt dabei den Gaul fest , dessen Zügel Dankmar in der Freude der Begrüßung sich fast hatte entgleiten lassen . Und ohne darauf zu erwidern fiel Dankmar ein : Was thun wir nun mit dem Gaul ? Jetzt ist das Thier fast überflüssig . Du setzst dich wieder auf , meinte Siegbert , und ich gehe ruhig neben dir her . Ruhig ? Nebenher ? Jetzt , wo ich endlich mein Herz von all den Dingen , die ich in Angerode erlebte , ausschütten , erleichtern will ? Ich dachte , ich überrasche dich noch in Tempelheide , stelle den Gaul dort in den Silbernen Mond , gehe mit dir ins Feld oder wir setzen uns in einen Garten , wo ich dir ungestört meine Herrlichkeiten bescheren kann - Das können wir ja noch , fiel Siegbert sich umschauend ein . Hier sind überall Gasthäuser und Ausspannungen . Da der Blaue Engel , hier das Goldene Roß . Pappeln und Linden und Kegelbahnen die Hülle und Fülle ! Wo kein Garten ist , findet sich ein Wirthszimmer .... Sieh ! Da ist der Pelikan unten ! Da