Lydia zurück . Als sie in ihr Zimmer getreten war , schritt sie sogleich auf eine Nische zu , welche durch ein hohes , aus glänzend weißem Elfenbein gearbeitetes Kruzifix ausgefüllt wurde . Sie knieete auf den rothsammtnen Betschemmel nieder , senkte den Kopf in ihre beiden Hände und schien bald in ein tiefes und inbrünstiges Gebet versunken . Der Mond warf sein volles Licht auf die schöne Beterin und die weißen Gebeine des Christusbildes , während der übrige Theil des Zimmers fast ganz in Dunkel gehüllt war . Von Zeit zu Zeit , wenn sie ihr thränenfeuchtes Antlitz zum Gekreuzigten emporrichtete , mit den von Schwermuth und holdem Irrsinne erfüllten Augen , zeichnete sich das reine und jungfräuliche zarte Profil in wunderbarer Schönheit auf dem dunkeln Hintergrunde ab . O , wer sie in diesem Augenblicke geschaut , mit dem von ungehörten Seufzern geschwellten Busen und den zarten ineinander gerungenen Händen - gegenüber dem kalten , unempfindlichen Christusbilde , das mit derselben kunstvoll kalten Schmerzensmiene herabblickte auf den lebendigen heißen Schmerz der sündenlosen , geknickten Madonna : Wer hätte da noch den Glauben bewahren können an Andacht und göttliche Vorsicht - ? Konnte ein Gott der Barmherzigkeit kalt bleiben gegen diese Schmerzen , konnte der Vater des Himmels sein väterliches Ohr verschließen vor diesen Seufzern ? - Ungetröstet und klagelos erhob sie sich . Noch einen Blick warf sie , einen Blick voll tiefer , unaussprechlicher Wehmuth auf den Gekreuzigten - dann nahm sie ihr Gebetbuch , warf rasch den Mantel um die Schultern , zog den Schleier über das Gesicht und verließ das Zimmer . Sie ging zur Messe . Als sie aus dem Hause trat , mochte sie sich wohl daran erinnern , daß es schon zu spät sei , um ohne Begleitung sich in die Straßen zu wagen . Sie zauderte einen Augenblick und war im Begriff zurückzukehren , da sah sie an der Balustrade des Perrons eine Gestalt lehnen , welche jetzt , durch ihre zaudernde Stellung aufmerksam gemacht , auf sie zutrat und in gebrochenem Deutsch fragte , ob » Sennora « etwas befehle . Lydias Furcht verschwand , als sie sich überzeugte , daß es ein Knabe in Livrée war , der vermuthlich hier auf seinen Herrn warte . - Ein unerklärliches Gefühl von Neugierde trieb sie an , ihn zu fragen , auf wen er hier warte . Der Knabe , in dem der Leser schon längst unsern Salvador erkannt haben wird , gerieth durch diese Frage in augenscheinliche Verlegenheit , endlich erwiederte er , Pater Angelikus habe ihn hier her bestellt , auf ihn zu warten . - Willst Du mich nach der Kirche begleiten , mein Kind ? - fragte Lydia . - O , wie gern , Sennora , erwiederte Salvador . Lydia gab ihm , ohne weiter ein Wort mit ihm zu wechseln , ihr Meßbuch und ging rasch auf den Stephansplatz zu . Salvador war - obgleich Südländer , noch ein ganz unbefangenes Kind . Doch kam er heute zum ersten Male darüber zum Nachdenken , daß die » Sennora « ihn Kind genannt , und er stellte an sich die Frage , ob er denn noch sehr » kindisch « aussehe . Auch war er zwar von dem Vertrauen der » Sennora « zu ihm - denn es konnte ja eine Lüge sein , daß er im Dienste des Paters sei - gerührt ; gleichwohl dünkt es ihn , als ob seine Rührung noch größer sein würde , wenn sie weniger schnell Vertrauen zu ihm gefaßt hätte . Diese Widersprüche , welche er sich gar nicht erklären konnte , beschäftigten ihn , während er still neben Lydia daher schritt , so sehr , daß er fast vergessen hätte , beim Eintritt in die Kirche die Finger ins Weihwasser zu tauchen und ein frommes Kreuz auf Brust und Stirn zu zeichnen . Die Kirche war fast leer ; vereinzelt knieten hier und dort einige Beter , unbeweglich und stumm , so daß man versucht gewesen wäre , sie für eine jener leblosen Steingruppen zu halten , mit denen die Nischen und Pfeiler der Kirche geschmückt waren , wenn nicht zuweilen ein tiefer Seufzer ihrer Brust entstiegen und mit dem Schmerz der Reue auch das Leben in ihr kund gethan . Lydia kniete hinter einer Säule , die ihren breiten Riesenschatten über sie hinwarf , so daß sie unbemerkbar bleiben konnte . Salvador ließ sich hinter ihr auf ein Kniee nieder . Der harmonische Donner der mächtigen Orgel , welche ihre vollen Klangmassen durch die weiten Hallen der Kirche wälzte , wiegte sie in jenes verführerische Entzücken , welches mit der Ueberzeugung göttlicher Erregung das Herz in alle Reize einer hingebungsvollen , glühenden Einbildungskraft versenkt . Denn das Herz - wie rein und schuldlos oder wie befleckt von Begierden es sein mag - bedarf des Gefühls einer vollen Hingabe . Es ist sein Beruf , sich aufzulösen in ein Meer von selbstgeschaffner und selbstgewährter Wonne ; und es ist nur eine Täuschung , wenn wir glauben , daß die Hingabe eines gläubigen Herzens an den Zauber der Musik und der andern Künste , welche die katholische Kirche mit so feiner Raffinerie zur Ehre des » Herrn « zu gebrauchen versteht , eine andere Art der Erregung voraussetzt , als etwa die Hingebung des Herzens an den Geliebten . Darum hatte Alice recht , zu sagen , es hieße nur eine Schwärmerei gegen eine andre eintauschen , wenn man den süßen Schmerz der Liebe durch den schmerzensreichen Trost religiöser Schwärmerei heilen wolle . Eine halbe Stunde mochte bereits verflossen sein , und immer noch lag Lydia auf den harten , kalten Fliesen , ihre Hände , denen das Meßbuch entfallen war , hingen schlaff in den Schooß herab , die Augen waren halb geschlossen , aber wer einen Blick zwischen diese noch von den Thränen feuchten Lider hätte thun können , würde erschreckt worden sein von der innern Glut , welche sich in ihnen concentrirt hatte , jedoch mehr