Gesichter waren ihr fremd - alles sah sie an mit lauernd kaltem Blick ; Niemand tanzte mit ihr , aus Respekt vor dem Prinzen , dessen Gewalt sie ganz anheim gegeben schien , und so Reden ruhig anhören mußte , die ihr das Blut immer heißer in die Wangen trieben . Endlich , als der Prinz sich einen Augenblick entfernt , um ihr ein Glas Eis zu holen , trat ein ernster junger Mann , der Baron Stein zu ihr und bat sie um einen Tanz . Freudig , als sei sie erlöst von einer großen Qual , sah sie ihn an , und schloß sich , als der Prinz wieder eintrat , fester an seinen Arm . Der junge Mann verstand dies stumme Zeichen der Furcht und flüsterte ihr zu . » Vertrauen Sie mir ; ich schütze Sie , und müßte ich mein Blut für Sie opfern ! « Mit großer Heftigkeit drängte sich der Prinz an den Baron Stein heran - versuchte auf jede Art , ihn zu reizen - und gerieth fast außer sich , als er die Ruhe bemerkte , mit der Stein sich selbst bezwang . Den nächsten Tanz eröffnete er wieder mit der Oburn . Unter dem Vorwand , sie müsse sich in einem kühlen Zimmer durchaus etwas erholen , zog er sie in ein kleines Gemach , über das Orangenblüthen ihren Duft und eine dunkelrothe Kristall-Ampel ihr dämmerndes Licht ausgoß , führte sie zu einem Atlas-Divan , und nahm neben ihr Platz . Stumm saßen beide da ; ihr Busen flog heftig ; die Hände bebten ; sie hatte nicht den Muth , in seine flammenden Augen zu sehen . Stürmisch sprang er auf , kniete vor ihr nieder , und rief in höchster Extase : » Sie sind das göttlichste Weib , das ich je gesehen ! Ich liebe Sie , liebe Sie wahnsinnig , will Sie besitzen um jeden Preis ! Wohin Du auch gehst , süßes Weib , ich werde Dir folgen ; ich werde nicht eher ruhn , bis ich Deine Liebe errungen ! Das schwöre ich Dir bei meiner fürstlichen Ehre ! « Mit leiser , aber fester Stimme erwiederte die Frau , ohne ihre innere Bewegung zu verrathen : » Was hab ' ich Ihnen gethan , mein Prinz , daß Sie es wagen , mich so tief zu kränken ; mir Worte zuzurufen , aus denen ich nur sehe , wie tief Sie mich verachten . Mögen Sie Ihre galanten Phrasen an Damen von Stande richten , die das zu würdigen verstehen ; mir ist eine Liebe , wie sie aus Ihren Worten spricht , gänzlich unverständlich . Sie kennen mich nicht ; was lieben Sie denn an mir ? O , Sie profaniren die heilige Liebe , denn das , weßhalb ich vielleicht werth wäre , geliebt zu werden - das ahnen Sie nicht . Sie lieben die flüchtigen , jungen Reize meines Körpers ; und darin liegt die Schmach und Entwürdigung für mich . « Nach diesen Worten wollte sie sich erheben ; doch er hielt sie gewaltsam zurück , und rief leidenschaftlich : » Weib , so darst Du nicht von mir gehen , um Gottes Willen , Weib , so nicht . Sieh , ich bin reich ; ich bin Fürst ; allen Glanz , alles Glück der Erde lege ich zu Deinen Füßen nieder . Du sollst Herrinn werden über alles , was ich besitze - nur liebe , liebe mich ! Und wenn Dein zögernder Muth Dir nicht hinweghilft über alle Schranken und Hemmnisse zu raschem Entschluß - o so laß mir wenigstens die Hoffnung , daß ich einst nach Wochen , Monaten - oder selbst nach Jahren Dich besitzen werde . « Mit einem prächtigen , stolzen Blick sah die junge Frau den Prinzen an , und erwiederte nur : » Ich verachte Ihren Glanz - und Sie selbst von Herzen ! « Außer sich vor Leidenschaft , umklammerte der Prinz Ihre Kniee und drückte heftige Küsse auf ihr Gewand . In diesem Augenblicke wurde die Thüre leise geöffnet und das schöne , doch maliciöse Gesicht der Gräfinn Lichtenfels schaute hinein . Ein spöttisches Lächeln verklärte gleichsam ihre Züge und bildete den besten Commentar zu ihren Worten : » Entschuldigen Ew . Königl . Hoheit , wenn ich störe ; ich wünschte nur , mich hier an diesem kühlen Ort etwas von der Hitze des Balles zu erholen . « - Gräfinn Sidonie sorgte , nach den Grundsätzen der christlichen Liebe und weiblichen Ritterlichkeit dafür , daß nach wenigen Minuten die ganze Ballgesellschaft über die Liebesscene im Klaren war . Ueberall flüsterte man von der zärtlichen Attitüde , in der Prinz C * * mit Madame Oburn im einsamen Gemach betroffen worden , und fügte natürlich hinzu , daß die Frau den Bewerbungen des Prinzen ein williges Ohr geschenkt . Die Stimmung in der Gesellschaft war hierüber sehr verschieden . Die jungen Fräuleins , nebst den altadligen Müttern , konnten es einer Bürgerlichen nimmer vergeben , zu der Ehre einer fürstlichen Maitresse , nach der sie alle selbst strebten , erhoben zu werden . Darum sprach man das Anathem über sie aus ; aus Neid wurde sie geächtet . Bei den Männern hatte die Frau dadurch an Ansehen gewonnen ; und man war nur unschlüssig , wie man das Betragen gegen sie einrichten müsse , um die hohe Gnade des Prinzen nicht zu verscherzen . Doch auch nicht einem Einzigen in der Gesellschaft schien es möglich , daß eine bürgerliche Frau zu stolz sein könne , Maitresse zu werden . Nur Baron Stein entgegnete dem Grafen Reizenstein , der sich auf seine Prophezeihungen viel zu Gute that : » Nach dem , was ich heute Morgen gehört , werde und kann ich nimmer glauben , daß die Oburn , dem Prinzen gegenüber , sich nur das Geringste vergeben habe ; es ist ein Etwas in dieser Erscheinung , was mich durchaus an eine edle Natur glauben läßt .