- sondern eine rächende Vergeltung findet . Wie gesagt ich hing mit quälender Anhänglichkeit an Paul . Ich ging wohin er ging , ich stand wo er stand , ich blickte wohin er blickte . Wäre er nicht so grenzenlos in mich verliebt gewesen , so hätte er mich unerträglich finden müssen , denn ich beging eine Indiscretion über die andre , blätterte in seinen Papieren , besah seine Bücher , durchwühlte seine Portefeuilles - nicht aus kindischer Neugier allein ( obwol Alles was er hatte und was ihn umgab mir ganz neu war ) sondern um mich aus allen Kräften mit ihm zu identifiziren , um seinen Geschmack zu kennen , seine Wünsche zu errathen , seine Neigungen mir einzuimpfen . Miß Johnson verwies mir einmal ich weiß nicht mehr welche Frage oder Bitte die ich an Paul richtete . Er rief lebhaft : » O stören Sie sie nicht ! mit solchen unschuldigen Augen ist man nie indiscret . « Und er fuhr fort mir Alles mitzutheilen was mein flammendes Interesse für ihn begehrte . Dennoch war ich nicht glücklich , denn mich quälte ein Gedanke - nämlich der , daß er Amalie vergessen hatte . Darüber nachsinnend blickte ich ihn eines Tages so lange an bis mir die Thränen in die Augen traten . Er las die Zeitung . Als er meine Thränen bemerkte warf er das Blatt fort , nahm mich in seine Arme und fragte zärtlich was mir geschehen sei . Ich sagte ihm den Grund meiner Betrübniß , und daß ich mir einen ebenso lebhaften Vorwurf über mein Vergessen Heinrichs mache . » Wir haben Amalie und Heinrich nicht vergessen , entgegnete er sanft . Wir gedenken ihrer mit wehmüthiger Liebe . Aber Empfindungen an die keine Pflichten sich knüpfen genügen unsrer Thatkraft und unserm Liebesbedürfniß nicht . Erinnerungen nehmen einen Platz in unserm Leben ein ohne es ganz auszufüllen , und in edler Weise es auszufüllen suchen ist keine Untreue , meine Sibylle , sondern eine ernste und würdige Aufgabe . « Diese ruhigen klaren Worte beschwichtigten mich und berührten mich zugleich wie mit kältendem Hauch . Mein Unverstand sträubte sich gegen jene Anschauung welche das Leben zu einer ernsten Aufgabe macht . Ich wollte einen ununterbrochenen Seligkeitsrausch daraus machen . Der meine ging zu Ende als Paul uns nach drei Wochen verlassen und zurück nach England mußte . So weit fort , und übers Meer , und bis Ende Oktobers - ich meinte es nicht überleben zu können , und ich empfand eine Art von Verachtung gegen mich selbst , daß ich es dennoch überlebte . Er versprach mir fleißig zu schreiben - und er hielt Wort ! damals aber flogen noch keine Dampfschiffe zwischen England und dem Continent hin und her , das machte den Briefwechsel unsicher und unberechenbar , und diese Unsicherheit versetzte mich in ein Fieber von Angst . Wenn ich meine oder Pauls Briefe auf der See wußte lief ich wol zehnmal täglich an den Strand um den Wind zu beobachten , gänzlich vergessend daß er anders an der Küste , anders auf hohem Meere wehe , daß ein Unterschied zwischen der Nord- und der Ostsee statt finden könne - und dann verloren sich die Gedanken in die Unermeßlichkeit des Meeres hinein , das mir wie ein Bild meiner Zukunft erschien und meinen Wünschen , meinem Streben , meinen Ahnungen ein Symbol grenzenloser Verheißung darbot . War es die Gemüthsbewegung welche meine Mutter in dieser Zeit gehabt oder überhaupt eine Krisis in ihrem Leidenszustand - genug , es regte sich wieder einige Lebensthätigkeit in ihrem Nervensystem und unser Hausarzt erklärte daß eine Reise nach Gastein nothwendig zu unternehmen sei . Der Bruder meines Vaters , der Bischof von Würzburg war , hatte schon längst in seinen Briefen meiner Mutter diese Heilquelle empfohlen und sie eingeladen sich auf der Hin- und Rückreise bei ihm in Würzburg auszuruhen . Bis dahin hatte ihr Zustand es unmöglich gemacht ; jezt erklärte sie selbst es für möglich eine so weite Reise zu unternehmen . Die Hofnung auf ihre Genesung beseligte mich , und die Reiseanstalten die ich eifrig betrieb warfen ein glückliches Gegengewicht in die Schaale meiner Sehnsucht nach Paul . Aber ich machte mir aus diesem getheilten Interesse einen Vorwurf und fragte mich selbst mit trübem Erstaunen , ob ich denn eines exclusiven Gefühls gänzlich unfähig sei ? Daß der Mensch in zahllos verschiedenartigen Verhältnissen zu leben hat , daß die heterogensten Beziehungen Ansprüche an ihn machen zu deren Berücksichtigung er gestählt und bereit sein muß , daß das Menschenherz rundum tausend Berührungspunkte hat durch die es zugänglich und bewegbar wird - oder eigentlich : daß mein Herz , soll ich sagen zu meinem Heil oder zu meinem Unheil , keines Gefühls fähig war wodurch es absolut ausgefüllt wurde - dies Alles hatte ich damals noch nicht erkannt . Zu Ende des Frühlings fand meine Confirmation statt . Meine glühende Seele erfüllt von Liebe zu Paul , von Hofnung für meine Mutter , von Erinnerung an meine Todten , von Ahnung eines liebedurchglühten Daseins - so unschuldig daß Liebe und Veredlung , Glück und Tugend ihr synonym klangen und ihr als das hohe Ziel erschienen , zu dem jeder Mensch unablässig mit festem Gang und klarem Willen vorschreite - meine Seele bedurfte nicht der kirchlichen Belehrungen , welche der Prediger ihr ziemlich trocken zukommen ließ , um sich freudig zu Gott aufzuschwingen und ihre Geschicke aus seiner segnenden Hand zu empfangen . Ich genoß das Abendmal als das Symbol des heiligen Bundes , welcher von Christus gestiftet sei um die ganze Menschheit zu Kindern Gottes auszubilden . Einige Tage später reisten wir ab in zwei große Wagen vertheilt : meine Mutter , Miß Johnson , Sedlaczech , ich , zwei Kammerjungfern , und zwei Diener . Die Kranke machte diesen Schwarm der Bedienung nothwendig , und er veranlaßte wiederum Sedlaczechs Begleitung , welcher als Reisemarschall fungiren sollte . Für mich , die ich nie größere Städte als Eutin und Kiel ,