nun Reinhard in ihrem elterlichen Hause vorgestellt worden , hatten ihr sein Aeußeres und sein ganzes Wesen auf ungewohnte Weise Beachtung geboten . Weit über die gewöhnliche Größe , schlank und doch sehr kräftig gebaut , hatte er eine jener Gestalten , unter denen man sich die Ritter der deutschen Vorzeit zu denken pflegte . Hellbraunes , weiches Haar , und große blaue Augen , bei graden regelmäßigen Zügen , machten das Bild des Deutschen vollkommen , und ein Ausdruck von melancholischem Nachdenken gab ihm in Jenny ' s Augen noch höhere Schönheit . Er bewegte sich ungezwungen , sprach mit einer ruhigen Würde , für die er fast zu jung schien , doch ließen sich seine große Abgeschlossenheit , seine sichtbare Zurückhaltung nicht verkennen , die er selbst der Freundlichkeit entgegensetzte , mit der man ihn im Meierschen Hause empfing . Therese und Jenny , welche man ihm als seine künftigen Schülerinnen vorstellte , behandelte er mit einer Art Herablassung , die Therese nicht bemerkte , von der aber Jenny , durch die Huldigungen Steinheim ' s und Erlau ' s bereits verwöhnt , sich so betroffen fühlte , daß sie ganz gegen ihre sonstige Weise sich scheu zurückzog und weder durch Reinhard ' s Fragen , noch durch Eduard ' s und der Eltern Zureden in das Gespräch und aus ihrer Befangenheit gebracht werden konnte . Nach einigen Tagen hatte der Unterricht begonnen , und beide Theile waren sehr mit einander zufrieden gewesen . Reinhard fühlte sich durch die ursprüngliche Frische in Jenny ' s Geist angenehm überrascht , und die ruhige , stille Aufmerksamkeit Theresens machte ihm Freude . Was Jene plötzlich und schnell erfaßte , mußte diese sich erst sorgsam zurechtlegen und klar machen , dann aber blieb es ihr ein liebes , mühsam erworbenes Gut , dessen sie sich innig freute , während Jenny des neuen Besitzes nicht mehr achtete , wenn er ihr Eigenthum geworden war , und immer eifriger nach neuen Kenntnissen strebte . Diese unruhige Eile machte , daß sie sich ihres geistigen Reichthums kaum bewußt ward und sich und Andere damit in Verwunderung setzte , wenn sie gelegentlich veranlaßt wurde , ihn geltend zu machen . Für Reinhard war der Unterricht doppelt anziehend . Er hatte wenig in Gesellschaften gelebt , wenig mit Frauen verkehrt , und ihr eigenthümliches Gemüthsleben , die ganze innere Welt desselben , war ihm fremd . Mit erhöhter Begeisterung las er die deutschen Klassiker mit den Mädchen , wenn er Jenny , hingerissen durch die Schönheit der Dichtung , roth werden und ihr Auge in Thränen schwimmen sah . So hatte er ihnen einst das erhabene Gespräch zwischen Faust und Gretchen vorgetragen , das mit den Worten beginnt : » Versprich mir , Heinrich ! « und das schönste Glaubensbekenntniß eines hohen Geistes enthält . Reinhard selbst fühlte sich wie immer lebhaft davon ergriffen , und als Jenny bei den Versen : » Ich habe keinen Namen dafür ! Gefühl ist Alles . Name ist Schall und Rauch , umnebelnd Himmelsglut ! « weinend vor Wonne dem Lehrer beide Hände reichte , ihm zu danken , hatte er dieselben schnell und warm in die seinen geschlossen , obgleich er es einen Augenblick später schon bereute . In Folge dieser Stunde und eines dadurch entspringenden Gesprächs war Reinhard zu der Erkenntniß gekommen , daß Jenny , obgleich tief durchdrungen von dem Gefühl für Schönheit und Recht und von dem zartesten Gewissen , dennoch in seinem Sinne aller religiösen Begriffe entbehrte . Ihre Familie hatte sich von den jüdischen Ritualgesetzen losgesagt ; Jenny hatte daher von frühester Kindheit an sich gewöhnt , ebenso die Dogmen des Judenthums als die des Christenthums bezweifeln und verwerfen zu hören , und es war ihr nie eingefallen , daß es Naturen geben könne , denen der Glaube an eine positive geoffenbarte Religion Stütze und Bedürfniß sei . Ja , sie hatte ihn , wo ihr derselbe erschienen war , mitleidig wie eine geistige Schwäche betrachtet . Um so mehr mußte es sie befremden , daß Reinhard , vor dessen Geist und Charakter ihr Bruder so viel Verehrung hatte , daß ihr Lehrer , der ihr so werth geworden war , einen Glauben für den Mittelpunkt der Bildung hielt , den sie wie ein leeres Märchen , wie eine den wahren Kern verhüllende Allegorie zu betrachten gelernt hatte . Reinhard behauptete geradezu , daß ein weibliches Gemüth ohne festes Halten an Religion weder glücklich zu sein , noch glücklich zu machen vermöge . Absichtlich führte er deshalb die Unterhaltung mit seinen Schülerinnen häufig auf christlich-religiöse Gegenstände , so daß in seinem Unterricht Religion und Poesie Hand in Hand gingen , wodurch den Lehren des Christenthums ein leichter und gewinnender Einzug in Jenny ' s Seele bereitet wurde . Ihr und Reinhard unbewußt war aber mit dem neuen Glauben nur zu bald eine leidenschaftliche Liebe für den Lehrer desselben in des Mädchens Herzen entstanden , für den begeisterten jungen Mann , der ihr wie ein Apostel des Wahren und des Schönen gegenüberstand . Aus Liebe zu ihm zwang sie sich , die Zweifel zu unterdrücken , die immer wieder in ihrem Geiste gegen positive Religionen aufstiegen , und sich nur an die Morallehren zu halten , die dem Gläubigen in dem Christenthume geboten werden . Reinhard seinerseits hatte nicht eigentlich daran gedacht , seinem Glauben eine Proselytin zu gewinnen , diese Schwäche lag ihm fern , denn er ließ jeden Glauben gelten , weil er Geltung für den seinen forderte ; nur einem dringenden Mangel in dem Herzen seiner Schülerin hatte er abhelfen wollen . Er war überzeugt , daß der Glaube in Jenny den geistigen Hochmuth zerstören , ihr Wesen milder machen müsse , und war sehr erfreut , wirklich diese Resultate zu erblicken , ohne zu ahnen , daß ihre weichere Stimmung , die er für das Werk der Religion gehalten , nur eine Folge ihrer Liebe zu ihm war . Jenny fühlte das Bedürfniß , an einen Gott zu glauben ,