allen gemeinschaftlich ertheilt . In freien Stunden suchte die kleine Helena , soviel dieses anging , den beiden Knaben fortwährend zur Seite zu bleiben , und das immer frohe , freundliche Kind wurde auch von ihnen als ein lieber willkommner Spielkamerad betrachtet , dem sie , weil er jünger und schwächer war , manches nachsahen und alles zu Gefallen thaten . Richard , als der älteste und stärkste , bestrebte sich besonders , Helenen überall zu vertreten und sie ritterlich in seinen Schutz zu nehmen , wenn Gefahr oder Unbill ihr drohten . Lebte der gute August Lafontaine noch , und wären seine , fast in der Wiege aufflammenden , jetzt schon halb vergeßnen Kinderlieben noch Mode , welchen Stoff zu den rührendsten und naivesten Liebesscenen hätten die kleine russische Prinzessin und der englische Strumpfwebersbube ihm geboten ! Was könnte romantischer erdacht werden , um ihn zum Ausspinnen einer höchst zart empfundenen Novelle zu verleiten . Doch Richard und Helene waren , die Wahrheit zu gestehen , zu gesunde , zu unverschrobene , zu wahrhaft kindliche , mitunter auch , selbst als sie schon ziemlich herangewachsen waren , zu kindische Kinder , als daß so etwas bei ihnen nur denkbar gewesen wäre ; sie nannten einander Bruder und Schwester , und liebten sich als solche recht ehrlich und offenbar . So vergingen mehrere Jahre ; Richard blieb , was er vom ersten Tage seines Eintritts in dieses Haus gewesen , der Liebling Aller , vom fürstlichen Ehepaar an bis zum Ofenheizer herab ; vor allem aber Eugens innigster unzertrennlichster Freund . Wer beide , ohne sie genauer zu kennen , zusammen sah , mußte für Brüder sie halten ; sie selbst hatten gänzlich vergessen , daß nur Wahlverwandtschaft , nicht Bande des Blutes sie verbänden . Alles hatten sie mit einander gemein , die Liebe der Eltern , die Vortheile welche Reichthum , Stand und Geburt , den Söhnen des Glückes gewähren ; jeden Unterricht , nicht nur im Gebiete der Kunst und Wissenschaft , auch in ritterlichen Übungen , und in Allem was Jünglinge aus den höhern Ständen bedürfen können , um sowohl in den bedeutendsten Stellungen des öffentlichen Lebens , als auf dem glatten Parkette der Salons , mit Anstand und Sicherheit aufzutreten . Daß der arme Richard durch alles dieses viel zu hoch über die bescheidne Sphäre erhoben werde , welche sein Geschick beim Eintritt in das Leben ihm angewiesen hatte , daran dachte Keiner , am wenigsten er selbst ; sogar das Fürstenpaar schien die zwischen dem in Dunkelheit gebornen Fremdling , und den Sprößlingen seines erlauchten Hauses bestehende Scheidelinie , ganz aus den Augen verloren zu haben . Die Fürstin wünschte ihre Kinder , besonders ihre Töchter , das ächte Frühlingsleben der Jugend so lange als möglich genießen zu lassen ; sie führte sie daher später , als sonst wohl geschieht , in die Gesellschaft der großen Welt ein ; versagte ihnen aber , als sie heranwuchsen , keine ihrem Alter angemessne Freude . Sogenannte Kinderbälle , musikalische Übungen , Spazierfahrten im Sommer , Schlittenpartieen an leidlichen Wintertagen , gewährten ihnen Abwechselung und Vergnügen im Überfluß ; sogar ein kleines Theater wurde ihnen im Palast errichtet , auf welchem , anfangs an Geburtstagen und bei ähnlichen festlichen Gelegenheiten , kleine dramatische Vorstellungen von ihnen gegeben wurden , die sich zuletzt zu einem förmlichen Liebhabertheater gestalteten . Alles dieses bot Gelegenheit zu mannigfaltigen Verbindungen mit andern jungen Leuten ihres Standes und Alters . Ganz unbefangen nahm Richard an allen Festen und Vergnügungen thätigen Antheil , und spielte dabei , durch seine persönlichen Vorzüge dazu berechtigt , keinesweges eine untergeordnete , sondern vielmehr eine sehr ausgezeichnete Rolle . Eltern und Heimath wurden über das alles völlig vergessen ; darf man ihn deshalb verdammen ? Doch mitten in diesem Freudentaumel wurde er ganz unerwartet an beide erinnert , und zwar , sonderbarer Weise , von der Fürstin Eudoxia selbst . Die Fürstin liebte es , in müßigen Stunden sich von ihrem Pflegesohne die neuesten Erzeugnisse der französischen Literatur in ihrem Kabinette vorlesen zu lassen , welche aber damals , gegen den romantisch wilden Schwung , den sie in unsern Tagen gewonnen haben , noch ziemlich nüchtern sich ausnahmen . Das neueste Werk des damals noch sehr bewunderten Herrn von Arlincourt war , zu Richards großer Freude , eines Tages beendet , und er , innerlich noch gähnend , eben im Begriff das Buch an seinen Platz zu bringen , als die heute besonders gütig gestimmte Fürstin plötzlich auf den , ihr nie zuvor gekommenen Einfall gerieth , nach seiner Familie sich zu erkundigen . Sie fragte ihn , wie alt seine Mutter sei , wollte die Anzahl seiner Geschwister , Namen und Alter eines jeden derselben von ihm erfahren , lauter Fragen , die Richard nicht zu beantworten im Stande war , und die ihn beängstigten und verwirrten , weil er , nach langem Besinnen , doch nichts fand , was er darauf erwiedern könne . Durch eine schnell ersonnene Antwort rasch aus der Verlegenheit sich zu ziehen , war seinem redlichen Sinne nicht möglich , und doch war ihm nicht unbekannt , mit welcher Innigkeit alle Russen , vom Höchsten bis zum Geringsten , an den Ihrigen hangen , und mit welcher religiösen Pietät sie besonders ihre Eltern und das Andenken derselben ehrfurchtsvoll hochhalten . In diesem Augenblicke erschien das gänzliche Vergessen der Seinigen ihm beinahe wie ein Verbrechen . Ich wurde so jung von den Meinigen getrennt - ich erhalte so selten Nachricht von ihnen , stotterte er endlich , erglühend im ganzen Gesicht ; Thränen traten ihm in die Augen , als er bemerkte , daß der Fürstin seine Verlegenheit nicht entging . Doch sie mochte dieselbe anders sich deuten , als er in seiner tiefen Beschämung es fürchtete ; vermuthlich weil der wahre Grund derselben ihr undenkbar war ; denn sie sah mitleidig lächelnd ihn an . Guter Sohn , sprach sie , freilich liegen mehr als zehn lange Jahre , und Meere und