ich nun den erwachsenen Jahren schon näher erfuhr , daß es wirklich von einem Verfasser herrühre , der noch lebe und auch andere Sachen geschrieben habe . In welchem Dämmerlichte erschienen mir Clavigo , Claudine , Erwin , Stella : gleichsam wie von kranker Natur gegen jene Fülle herrlicher Gesundheit , und ich dachte mir ihren Verfasser lange Zeit als melancholisch und im Sterben . Auch das geliebte Frankenland wurde mir zuerst durch dieses Gedicht teuer , und im schönsten Sonnenglanze schwebten die Maingegenden , Jaxthausen und Bamberg vor meinen Augen . « » Wir sind also einig ? « fragte der Baron . Leonhard gab ihm die Hand , und sagte : » Ja ! « - » So reisen wir also morgen früh . « - » Schon morgen ? « - » Es kann nicht anders sein , ich muß an einem gewissen Tage dort eintreffen , um das Gut zu übernehmen , alle Gerichtspersonen sind schon eingeladen . « - » So sei es denn « sagte der Tischler , und entfernte sich mit schwerem Herzen , weil er noch nicht einsah , auf welche Weise er seinen veränderten Entschluß seiner Gattin vortragen solle . Er traf sie geschäftig in ihrer Wirtschaft , er half ihr eintragen und einrichten , und war mit der größten Freundlichkeit um sie bemüht . Sie ließ ihn bald dieses , bald jenes holen , und er konnte den Augenblick nicht finden , ihr sein Vorhaben anzubringen . Endlich nahm sie ihm ein Stück Silber aus der Hand , stellte es in den Schrank , stemmte die beiden Hände auf Leonhards Schultern , und sahe ihm freundlich lachend ins Gesicht . » Was ist dir ? « fragte er . » Mir nicht « , antwortete sie , » aber was ist dir ? Warum bist du denn so freundlich und zutätig , und mengst dich in Dinge , die dich gar nichts angehen ? Also ist es denn beschlossen , du machst dich wieder auf und davon ? « - » Woher weißt du es denn ? « fuhr er fort zu fragen . - » Sowie du in die Haustüre tratest , wußte ich es schon . Gingst du auf deine Stube und maultest etwa ein wenig mit mir , worauf ich mich schon gefaßt gemacht hatte und was ich billig fand , so wußte ich , daß du bliebst , und daß du mir dein Hierbleiben hoch anrechnen wolltest . Wie ich aber sah , wie sacht du hereintratest , wie leise du die Haustür wieder anlehntest , daß sich kaum die Klingel hören ließ , wie freundlich , beinahe demütig , du mich grüßtest : da erkannte ich auch dein böses Gewissen . Je nun , ich fordere auch vielleicht zu viel , daß du deine Leidenschaft so ganz bezwingen sollst , reise denn in Gottes Namen , und komme wenigstens , so bald als möglich , wieder . « Dem jungen Gatten war durch diese Rede das Herz erleichtert , er umarmte die freundliche Frau auf das innigste und küßte sie zärtlich . » Mache nur « , sagte sie , » dem Altgesellen deine Abwesenheit recht dringend , damit du nicht die Autorität bei den Leuten verlierest , vielleicht kannst du auch unterweges einige vorteilhafte Holzankäufe schließen , und deine Arbeit dort wird dir doch wohl so viel einbringen , als du hier versäumst . Ist es dir nicht überhaupt wunderlich , wenn du daran denkst , daß du ein Familienvater bist , vor dem eine eigensinnige Frau , ein Pflegesohn , vier Gesellen und fünf Lehrbursche Respekt haben sollen ? « Das Essen war aufgetragen und man wollte sich zu Tische setzen . Indem trat ein fremder alter Mann mit schlichtem bräunlichen und greisen Haar herein , in schwarzem Oberrock schwarzen Strümpfen und zugebundenen Schuhen . Leonhard ging ihm entgegen , um zu fragen , was zu seinem Befehl sei , als er zu seinem Erstaunen den Magister erkannte . Die übrigen waren nicht weniger verwundert . Er verbeugte sich anständig und grüßte alle , dann gab er dem Meister die Hand und sagte : » Ich will fortan ein Mensch anstatt eines Magisters sein , und mir die citationes aus denen autoribus classicis , wo möglich , ganz abgewöhnen . Die Sünde der Hoffart ist mit Gottes Hilfe und durch Ihr Beispiel von mir gewichen . « Man setzte sich , und der junge Martin erlaubte sich heute keine lachenden Blicke und Mienen ; alle , selbst Leonhard und seine Gattin , schienen zu ihrem alten Freunde in ein neues Verhältnis gesetzt ; er sprach dreister und weniger verwickelt und man verwunderte sich über seine verständige Gesprächigkeit . Früher als sonst erhob man sich vom Tische , weil Leonhard noch mancherlei Einrichtungen zu besorgen hatte ; er nahm seinen ältesten Arbeiter beiseite , und unterrichtete ihn , wie er es in seiner Abwesenheit mit den Bestellungen und noch zu fertigenden Arbeiten zu halten habe ; er bezahlte einige Rechnungen und ging dann zu seinem kleinen Freunde , dem Tischlermeister , der nach seiner Wirtschaft sehn und unvorhergesehene Fälle schlichten sollte . Mit diesem kam er am Abend zurück , und der Magister war wieder von der Gesellschaft . » Wir wollen heute noch einmal recht vergnügt sein « , fing Leonhard an , » denn es ist möglich , daß einige Wochen vergehen , ehe ich wiederkomme . « - » Werde mich aber hüten müssen « , sagte der Magister , » wie gestern im Enthusiasmus , so viel von dem starken Weine zu trinken . Fürchte , schöne Frau Leonhard , daß ich in Ihrer Achtung ein merkliches verloren , denn , ob ich es gleich gut meinte , so habe ich mich doch narrenhaft bezeigt . « Die Frau versicherte das Gegenteil , und daß ein Mann , wie er , nur immer Achtung einflößen müsse . - » Rührung , Erhebung der Seele und Wein , meine Freunde «