Blick an Blick hängend , wie Stern an Stern , miteinander ein Sonnensystem , das , wie alle Systeme , etwas Ausschließendes hat . Denn Du merkst und weißt gleich , ob dies Gesicht , dem Du begegnest , Dir in Dein Sonnensystem gehört , und gegen viele arme Gesichter bist Du ein strenger Systematiker , und rufst und grüßest sie nicht , wenn sie an Dir vorübergehen , und ihr schwingt euch niemals um eine Sonne . Eine strenge Systematik der Neigung ! Dies böhmische Mädchen mußte mir wahrlich in mein Sonnensystem gehören , denn ich konnte ihr nicht genug nachblicken und nachdenken . Daß sie ein böhmisches Mädchen war , verriethen die Augen und die Nase , zwei untrügliche Kennzeichen an jeder Böhmin , und doch hatte sie wieder in ihrer Weise , sich zu tragen , etwas Fremdartiges oder wenigstens Vornehmeres , als ihre übrigen Wallfahrtsgenossinnen . Sie hatte weder , wie man sonst oft an den Landmädchen sieht , den Kopf ganz in das zu einer Kappe verschlungene Tuch eingehüllt , noch trug sie die eigenthümliche böhmische Kappenhaube , die sich von den ältesten Zeiten her nationell auf die Töchter des Landes vererbt hat , und nicht selten mit kostbaren Stickereien , Spitzenbesätzen und den im Nacken flatternden Bandschleifen einen stattlichen Schmuck der Schönen abgiebt . Meine Systemverwandte hatte sich ein feines , weißes , städtisches Häubchen , das sie einfach zierte , auf die braunen Locken gesetzt , und schaute daraus mit ihren scharfen , dunkeln , süßen , seltsamen Augen bedeutsam hervor . Sie sah blaß aus , sie schien nicht glücklich zu sein . Auch glaubte ich zu bemerken , daß sie nicht mitsang mit den Uebrigen , sondern schweigend in dem geräuschvollen Zuge fortging , dem sie gewissermaßen nur nothgedrungen gefolgt zu sein schien . Hatte sie ihrer Madonna gar nichts zu sagen und zu singen ? Oder hatte sie ihr schon tiefere Geheimnisse des Herzens zu beichten , die sich nicht so vor aller Welt und auf offener Straße heraussingen ließen ? Noch lange sah ich ihr nach , bis in der Ferne der letzte Ton der andächtig kreischenden Stimmen verklang . War es die jungfräuliche Madonna selber gewesen , die in rührender Mädchenschönheit unter die Frommen des Landes herabgestiegen ? - - Der alte silberhaarige Laienbruder , der mich durch das Kloster der Cisterzienser geleitete , hatte nie einen gläubigern Hörer und Schauer in den geheiligten Räumen seiner Abtei umhergeführt . Ich war in einer Stimmung , in der ich ihm geradehin Alles glaubte , was er von Wundern der Heiligen wußte , und selbst die Wandgemälde in den Kreuzgängen sahen mich wie wahre Meisterstücke der Malerkunst an . Einige dieser Bilder , Heiligengeschichten aller Art vorstellend , überraschten mich in der That durch Ausdruck und Lieblichkeit der Composition ; sie schienen erst kürzlich frisch aufgemalt zu sein , und die Namen ihrer ersten Urheber waren vergessen worden . Die Stiftskirche selbst , so wie der Convent , sind außerordentlich schön und prachtvoll , und bieten überall Anblicke der Kunst und Denkmäler einer sinnreichen Frömmigkeit dar . Nachdem früher Rudolph von Habsburg und später die Hussiten diese Abtei gänzlich zerstört hatten , und sie darauf zwei Jahrhunderte lang in Schutt und Trümmern niedergelegen , erhob endlich im siebzehnten der Schutzpatron der Cisterzienser sein heiliges Haupt wieder , das er so lange , wahrscheinlich in bekümmerten Gedanken über die Reformation , hatte hängen lassen . Er baute sich Stift und Convent wieder von Grund aus , herrlicher als jemals , richtete die verlassenen Altäre auf , zündete die Weihkerzen an und die erloschen gewesene ewige Lampe , und streckte die hohe Kuppel gegen die Wolken aus , um sich im Lande wieder umzuschaun . Was sah der heilige Bernhard ? Er mußte wahrhaftig noch den Pulverdampf sehen und riechen können , der von der Schlacht am weißen Berge über den Höhen des Böhmerlandes wirbelte , und diesen noch nicht verzogenen Dampf roch der heilige Bernhard gern im Dunstkreise der Böhmen . So wurde dies Kloster in seiner jetzigen Gestalt das schönste und prächtigste , welches die Zeit nach der Reformation hat wieder erstehen sehen , und ich lasse meinen Kopf darauf , es wäre nicht wieder erbaut worden , wenn man nicht bei Prag am weißen Berge eine Schlacht geschlagen hätte . Ich setzte mich in einen mit geschnitztem Täfelwerk herrlich ausgelegten Chorstuhl auf den Platz eines der guten Mönche , und stützte meinen Kopf auf die gelben Blätter seines großen lateinischen Gebetbuches , das aufgeschlagen auf seinem Pulte lag , und ließ meine Augen und Gedanken in der wunderschönen Kirche umherschweifen . Woran dachte ich ? Gott weiß es . An den heiligen Bernhard , wie er den Pulverdampf von der Schlacht beim weißen Berge als eine den Glauben stärkende Prise in die Nase zog ? An die Madonna , die mir gerade am Tage ihrer Heimsuchung in einer so glänzenden Jungfrauengestalt am Wege begegnet war ? Da fühlte ich , daß mich der alte Laienbruder sacht auf die Schulter klopfte , um mich ins Refectorium zu führen . Ein Refectorium in einem Kloster hat von jeher einen großen Reiz gehabt , und wenn es wahr ist , daß Noth beten lehrt , so muß es doch nicht minder wahr sein , daß Beten einen gesunden Appetit verursacht . Dies läßt sich aus der Geschichte des Mönchthums aller Zeiten beweisen , und der Speisesaal einer frommen Abtei hat daher gewissermaßen ein psychologisches Interesse . Man wird klarer über den vielbesprochenen , dichten Zusammenhang von Leib und Seele , wenn man sieht , wie leibliches und geistliches Bedürfniß sich hier die Schwesterhände reichen , und in unserer abstracten Zeit , wo Einem mitunter zu Muthe ist , als sei man schon aus der Haut gefahren , und schlottere nur noch so mit den Knochen um seine ins Absolute eilende Seele herum , ich sage , in dieser abstracten Zeit muß es wahrhaft wohlthuend und tröstlich sein , einen tüchtigen Embonpoint in