ja ein Knabe und schien mir schon deshalb jedes Vorzugs wert , je höher mir nach und nach die Wirksamkeit und Tatkraft des Mannes erschien . Ich weinte nur zuweilen im stillen darüber , daß ich ein Mädchen war , eins der unbedeutenden Wesen , von welchen die Geschichte so wenig sagt , während die Taten der Männer jedes Blatt füllen . Nur als Opfer werden sie genannt . Iphigenia , Virginia - nur Opfer für große Zwecke . So glaubte ich , leidende Geduld sei die notwendige Eigenschaft des Weibes ; aber mein leidenschaftliches Gemüt stand mit dieser Stimmung im ewigen Widerspruch und störte die Harmonie in meinem Charakter . Mein Vater wurde sehr aufmerksam auf mich und fing an , sich mit Ernst um meine Bildung zu bekümmern . Von ihm lernte ich schon früh Englisch , späterhin auch etwas Deutsch . Ich las unsere vorzüglichsten Dichter und auch die der Ausländer in ihrer Sprache . Mein Gemüt war früh poetisch gestimmt , wozu wohl der provenzalische Himmel vieles beitrug . Doch waren es nicht die leichten Liebeslieder meiner Landsleute , woran ich Geschmack fand , mir stellte sich alles zuerst von der erhabenen Seite dar . Eine Ode über den Krieg war meine erste , sehr geheimgehaltene Arbeit ; soweit ich mich ihrer erinnere , freilich sehr fehlerhaft , doch durchaus ohne Vorbild . Überhaupt war ich meist sehr ernst und in mich gekehrt , worüber mich die kleinen Mädchen , meine Gespielen , oft neckten . Ich schwärmte wohl mit ihnen umher und hatte sie alle von Herzen lieb , aber ich war doch nie so ganz Kind als sie . Es machte mir Freude , Blumen mit ihnen zu pflücken und Kränze zu winden , lieber aber saß ich doch mit meinem Vater abends unter unsern Kastanienbäumen und blickte nach dem zahllosen Sternenheere des dunkelblauen Himmels auf . Da war ich unerschöpflich an Fragen , und mein guter Vater antwortete so gern . Er nannte mir die Sternbilder , machte mich aufmerksam auf die Unzählbarkeit der Sonnensysteme , auf die Unendlichkeit des Raumes und der Zeit und knüpfte daran den Begriff von der überschwenglichen Größe und Erhabenheit des Schöpfers . Oft überraschte uns noch die Mitternacht bei diesen Gesprächen , über welche meine Mutter längst eingeschlafen war . Sie liebte diese Unterhaltungen nicht sehr , sahe auch meine fortschreitende Ausbildung nicht allzu gern . Ihre Kindheit hatte sie , nach der Sitte der Zeit , in einem Kloster verlebt . Weibliche Arbeiten , etwas Lesen und Schreiben und häufige Religionsübungen waren dort alle zu erlangenden Kenntnisse gewesen . Mit diesen hatte sie ausgereicht und nun in meinem Vater das Glück ihres Lebens gefunden ; daher bildete sie sich ein , alles , was darüber , sei überflüssig , wo nicht gar vom Übel . Mein Vater ließ sich nicht gern mit ihr in Erörterungen über diesen Punkt ein . Er liebte sie von ganzem Herzen , und sie verdiente es im hohen Grade . Sie war schön und voll Grazie , hatte das beste Herz von der Welt , liebte ihn über alles , war unermüdet für seine kleinen Bedürfnisse besorgt , eine gute Mutter , eine gute Hausfrau , eine Wohltäterin der Dürftigen . Was hätte das Herz eines Mannes noch mehr fordern können ? Auch fühlte sich das Herz meines Vaters völlig befriedigt . Doch sein philosophischer Geist empfand nach und nach immer mehr das Bedürfnis eines Wesens , das in seine Ideen eingehen , mit dem er sich über die Gegenstände unterhalten könnte , die ihm die wichtigsten waren . Er hatte oft versucht , sie dafür auszubilden , aber mit wenig Erfolg . In mir drang sich ihm ein bildsamer Stoff ganz von selbst auf , und mit schöpferischer Liebe legte er Hand an , ohne auf die Menge der Bedenklichkeiten Rücksicht zu nehmen , welche ihn allenfalls davon hätten abmahnen können . Emil , drei Jahre jünger als ich , wurde bald mein treuer Spielgefährte ; wir waren ein Herz und eine Seele . Mein Vater schien seine Zärtlichkeit ganz gleichmäßig zwischen uns zu teilen , so wie seine belehrende Sorgfalt . Es war aber sehr natürlich , daß ich einen starken Vorsprung behielt , auch war der Knabe immer mehr in der Sinnenwelt als in der Ideenwelt zu Hause . Es gibt Augenblicke , wo ich ihn deshalb glücklich preise . Aber ach , die Richtung unsrer Seele liegt außer unsrer Macht , geschieht schon , ehe wir uns dieser bewußt werden , und ist fast angeboren . Wir trieben uns fleißig in der umliegenden Gegend umher und spielten manches verwegene Spiel ; ich im romantischen Sinne ritterlicher Vorzeit , er nach wilder Knabenart . So schaukelten wir uns oft in einem Fischernachen auf der wilden Durance und arbeiteten uns mit Stangen längs den Uferkrümmungen hin ; Emil , um seine Kräfte zu messen mit der Gewalt des Stromes oder um ein Entennest aufzusuchen , im Schilfe ; ich , weil ich in Gedanken Kolumbus begleitete , eine neue Welt zu entdecken und in einer unbekannten Bucht zu landen . Mein Vater kaufte nach einigen Jahren die Ländereien eines benachbarten Klosters , nachdem dieses längst aufgehoben und feilgeboten war . Der Großvater in Aix war gestorben , und ein Teil des Vermögens meiner Mutter konnte nicht vorteilhafter genutzt werden . Diese fühlte wohl anfangs einige Gewissensskrupel darüber , doch wußte sie der Weltgeistliche unsres Kirchsprengels , ein konstitutioneller Priester , zu heben . Überdies bildete sich bei meiner Mutter der Sinn für Erwerb und Besitz mit den Jahren immer mehr aus . Sie wurde eine äußerst emsige Wirtin und ging in die geringsten Kleinigkeiten ein . Mein Vater ließ sie gewähren ; sein Glück ruhete nur auf das Ganze . Ihm war nicht darum zu tun , was er persönlich gewann , sondern wieviel allgemeiner Wohlstand , durch diese oder jene Anlage , verbreitet werden konnte . Für diese seine höheren Zwecke aber war er rastlos tätig , und