gern nach . Leontin hatte nach seiner raschen , fröhlichen Art bald eine wahre Freundschaft zu ihm gefaßt , und sie verabredeten miteinander , einen Streifzug durch das nahe Gebirge zu machen , das manches Sehenswerte enthielt . Die Ausführung dieses Planes blieb indes von Tage zu Tage verschoben . Bald war das Wetter zu neblicht , bald waren die Pferde nicht zu entbehren oder sonst etwas Notwendiges zu verrichten , und sie mußten sich am Ende selber eingestehen , daß es ihnen beiden eigentlich schwerfiel , sich , auch nur auf wenige Tage , von ihrer hiesigen Nachbarschaft zu trennen . Leontin hatte hier seine eigenen Geheimnisse . Er ritt oft ganz abgelegene Wege in den Wald hinein , wo er nicht selten halbe Tage lang ausblieb . Niemand wußte , was er dort vorhabe , und er selber sprach nie davon . Friedrich dagegen besuchte Rosa fast täglich . Drüben in ihrem schönen Garten hatte die Liebe ihr tausendfarbiges Zelt aufgeschlagen , ihre wunderreichen Fernen ausgespannt , ihre Regenbogen und goldenen Brücken durch die blaue Luft geschwungen , und rings die Berge und Wälder wie einen Zauberkreis um ihr morgenrotes Reich gezogen . Er war unaussprechlich glücklich . Leontin begleitete ihn sehr selten , weil ihm , wie er immer zu sagen pflegte , seine Schwester wie ein gemalter Frühling vorkäme . Friedrich glaubte von jeher bemerkt zu haben , daß Leontin bei aller seiner Lebhaftigkeit doch eigentlich kalt sei und dachte dabei : was hilft dir der schönste gemalte oder natürliche Frühling ! Aus dir selber muß doch die Sonne das Bild bescheinen , um es zu beleben . Zu Hause , auf Leontins Schlosse , wurde Friedrichs poetischer Rausch durch nichts gestört ; denn was hier Faber Herrliches ersann und fleißig aufschrieb , suchte Leontin auf seine freie , wunderliche Weise ins Leben einzuführen . Seine Leute mochten alle fortleben , wie es ihnen ihr frischer , guter Sinn eingab ; das Waldhorn irrte fast Tag und Nacht in dem Walde hin und her , dazwischen spukte die eben erwachende Sinnlichkeit der kleinen Marie wie ein reizender Kobold , und so machte dieser seltsame , bunte Haushalt diesen ganzen Aufenthalt zu einer wahren Feenburg . Mitten in dem schönen Feste blieb nur ein einziges Wesen einsam und anteillos . Das war Erwin , der schöne Knabe , der mit Friedrich auf das Schloß gekommen war . Er war allen unbegreiflich . Sein einziges Ziel und Augenmerk schien es , seinen Herrn , den Grafen Friedrich , zu bedienen , welches er bis zur geringsten Kleinigkeit aufmerksam , emsig und gewissenhaft tat . Sonst mischte er sich in keine Geschäfte oder Lust der andern , erschien zerstreut , immer fremd , verschlossen und fast hart , so lieblich weich auch seine helle Stimme klang . Nur manchmal , bei Veranlassungen , die oft allen gleichgültig waren , sprach er auf einmal viel und bewegt , und jedem fiel dann sein schönes , seelenvolles Gesicht auf . Unter seine Seltsamkeiten gehörte auch , daß er niemals zu bewegen war , eine Nacht in der Stube zuzubringen . Wenn alles im Schlosse schlief und draußen die Sterne am Himmel prangten , ging er vielmehr mit der Gitarre aus , setzte sich gewöhnlich auf die alte Schloßmauer über dem Waldgrunde und übte sich dort heimlich auf dem Instrumente . Wie oft , wenn Friedrich manchmal in der Nacht erwachte , brachte der Wind einzelne Töne seines Gesanges über den stillen Hof zu ihm herüber , oder er fand ihn frühmorgens auf der Mauer über der Gitarre eingeschlafen . Leontin nannte den Knaben eine wunderbare Laute aus alter Zeit , die jetzt niemand mehr zu spielen verstehe . Eines Abends , da Leontin wieder auf einem seiner geheimnisvollen Ausflüge ungewöhnlich lange ausblieb , saßen Friedrich und Faber , der sich nach geschehener Tagesarbeit einen fröhlichen Feierabend nicht nehmen ließ , auf der Wiese um den runden Tisch . Der Mond stand schon über dem dunkeln Turme des Schlosses . Da hörten sie plötzlich ein Geräusch durch das Dickicht brechen und Leontin stürzte auf seinem Pferde , wie ein gejagtes Wild , aus dem Walde hervor . Totenbleich , atemlos , und hin und wieder von den Ästen blutig gerissen , kam er sogleich zu ihnen an den Tisch und trank hastig mehrere Gläser Wein nacheinander aus . Friedrich erschütterte die schöne , wüste Gestalt . Leontin lachte laut auf , da er bemerkte , daß ihn alle so verwundert ansahen . Faber drang neugierig in ihn , ihnen zu erzählen , was ihm begegnet sei . Er erzählte aber nichts , sondern sagte statt aller Antwort : » Ich reise fort ins Gebirge , wollt ihr mit ? « - Faber sagte überrascht und unentschlossen , daß ihm jetzt jede Störung unwillkommen sei , da er soeben an dem angefangenen großen Gedichte arbeite , schlug aber endlich ein . Friedrich schwieg still . Leontin , der ihm wohl ansah , was er meine , entband ihn seines alten Versprechens , ihn zu begleiten ; er mußte ihm aber dagegen geloben , ihn auf seinem Schlosse zu erwarten . Sie blieben nun noch einige Zeit beieinander . Aber Leontin blieb nachdenklich und still . Seine beiden Gäste begaben sich daher bald zur Ruhe , ohne zu wissen , was sie von seiner Veränderung und raschem Entschlusse denken sollten . Noch im Weggehen hörten sie ihn singen : » Hinaus , o Mensch , weit in die Welt , Bangt dir das Herz in krankem Mut ! Nichts ist so trüb in Nacht gestellt , Der Morgen leicht macht ' s wieder gut . « Am Morgen frühzeitig blickte Friedrich aus seinem Fenster . Da sah er Leontin schon unten auf der Waldstraße auf das Schloß seiner Schwester zureiten . Er eilte schnell hinab und ritt ihm nach . Als er auf Rosas Schlosse ankam , fand er Leontin im Garten in einem lauten Wortwechsel mit seiner Schwester . Leontin war nämlich hergekommen