auf den Weg , und eilte der Pforte des Gartens zu . Unterdessen hatte die Prinzessin Abends beym Auskleiden den theuren Stein in ihrem Halsbande vermißt , der ein Andenken ihrer Mutter und noch dazu ein Talisman war , dessen Besitz ihr die Freyheit ihrer Person sicherte , indem sie damit nie in fremde Gewalt ohne ihren Willen gerathen konnte . Dieser Verlust befremdete sie mehr , als daß er sie erschreckt hätte . Sie erinnerte sich , ihn gestern bey dem Spazierritt noch gehabt zu haben , und glaubte fest , daß er entweder im Hause des Alten , oder auf dem Rückwege im Walde verloren gegangen seyn müsse ; der Weg war ihr noch in frischem Andenken , und so beschloß sie gleich früh den Stein aufzusuchen , und ward bey diesem Gedanken so heiter , daß es fast das Ansehn gewann , als sey sie gar nicht unzufrieden mit dem Verluste , weil er Anlaß gäbe jenen Weg sogleich noch einmal zu machen . Mit dem Tage ging sie durch den Garten nach dem Walde , und weil sie eilfertiger ging als gewöhnlich , so fand sie es ganz natürlich , daß ihr das Herz lebhaft schlug , und ihr die Brust beklomm . Die Sonne fing eben an , die Wipfel der alten Bäume zu vergolden , die sich mit sanftem Flüstern bewegten , als wollten sie sich gegenseitig aus nächtlichen Gesichtern erwecken , um die Sonne gemeinschaftlich zu begrüßen , als die Prinzessin durch ein fernes Geräusch veranlaßt , den Weg hinunter und den Jüngling auf sich zueilen sah , der in demselben Augenblick ebenfalls sie bemerkte . Wie angefesselt blieb er eine Weile stehn , und blickte unverwandt sie an , gleichsam um sich zu überzeugen , daß ihre Erscheinung wirklich und keine Täuschung sey . Sie begrüßten sich mit einem zurückgehaltenen Ausdruck von Freude , als hätten sie sich schon lange gekannt und geliebt . Noch ehe die Prinzessin die Ursache ihres frühen Spazierganges ihm entdecken konnte , überreichte er ihr mit Erröthen und Herzklopfen den Stein in dem beschriebenen Zettel . Es war , als ahndete die Prinzessin den Inhalt der Zeilen . Sie nahm ihn stillschweigend mit zitternder Hand und hing ihm zur Belohnung für seinen glücklichen Fund beynah unwillkührlich eine goldne Kette um , die sie um den Hals trug . Beschämt kniete er vor ihr und konnte , da sie sich nach seinem Vater erkundigte , einige Zeit keine Worte finden . Sie sagte ihm halbleise , und mit niedergeschlagenen Augen , daß sie bald wieder zu ihnen kommen , und die Zusage des Vaters sie mit seinen Seltenheiten bekannt zu machen , mit vieler Freude benutzen würde . Sie dankte dem Jünglinge noch einmal mit ungewöhnlicher Innigkeit , und ging hierauf langsam , ohne sich umzusehen , zurück . Der Jüngling konnte kein Wort vorbringen . Er neigte sich ehrfurchtsvoll und sah ihr lange nach , bis sie hinter den Bäumen verschwand . Nach dieser Zeit vergingen wenig Tage bis zu ihrem zweyten Besuche , dem bald mehrere folgten . Der Jüngling ward unvermerkt ihr Begleiter bey diesen Spaziergängen . Er holte sie zu bestimmten Stunden am Garten ab , und brachte sie dahin zurück . Sie beobachtete ein unverbrüchliches Stillschweigen über ihren Stand , so zutraulich sie auch sonst gegen ihren Begleiter wurde , dem bald kein Gedanke in ihrer himmlischen Seele verborgen blieb . Es war , als flößte ihr die Erhabenheit ihrer Herkunft eine geheime Furcht ein . Der Jüngling gab ihr ebenfalls seine ganze Seele . Vater und Sohn hielten sie für ein vornehmes Mädchen vom Hofe . Sie hing an dem Alten mit der Zärtlichkeit einer Tochter . Ihre Liebkosungen gegen ihn waren die entzückenden Vorboten ihrer Zärtlichkeit gegen den Jüngling . Sie ward bald einheimisch in dem wunderbaren Hause ; und wenn sie dem Alten und dem Sohne , der zu ihren Füßen saß , auf ihrer Laute reitzende Lieder mit einer überirdischen Stimme vorsang , und letzteren in dieser lieblichen Kunst unterrichtete : so erfuhr sie dagegen von seinen begeisterten Lippen die Enträthselung der überall verbreiteten Naturgeheimnisse . Er lehrte ihr , wie durch wundervolle Sympathie die Welt entstanden sey , und die Gestirne sich zu melodischen Reigen vereinigt hätten . Die Geschichte der Vorwelt ging durch seine heiligen Erzählungen in ihrem Gemüth auf ; und wie entzückt war sie , wenn ihr Schüler , in der Fülle seiner Eingebungen , die Laute ergriff und mit unglaublicher Gelehrigkeit in die wundervollsten Gesänge ausbrach . Eines Tages , wo ein besonders kühner Schwung sich seiner Seele in ihrer Gesellschaft bemächtigt hatte , und die mächtige Liebe auf dem Rückwege ihre jungfräuliche Zurückhaltung mehr als gewöhnlich überwand , so daß sie beyde ohne selbst zu wissen wie einander in die Arme sanken , und der erste glühende Kuß sie auf ewig zusammenschmelzte , fing mit einbrechender Dämmerung ein gewaltiger Sturm in den Gipfeln der Bäume plötzlich zu toben an . Drohende Wetterwolken zogen mit tiefem nächtlichen Dunkel über sie her . Er eilte sie in Sicherheit vor dem fürchterlichen Ungewitter und den brechenden Bäumen zu bringen : aber er verfehlte in der Nacht und voll Angst wegen seiner Geliebten den Weg , und gerieth immer tiefer in den Wald hinein . Seine Angst wuchs , wie er seinen Irrthum bemerkte . Die Prinzessin dachte an das Schrecken des Königs und des Hofes ; eine unnennbare Ängstlichkeit fuhr zuweilen , wie ein zerstörender Strahl , durch ihre Seele , und nur die Stimme ihres Geliebten , der ihr unaufhörlich Trost zusprach , gab ihr Muth und Zutrauen zurück , und erleichterte ihre beklommne Brust . Der Sturm wüthete fort ; alle Bemühungen den Weg zu finden waren vergeblich , und sie priesen sich beyde glücklich , bey der Erleuchtung eines Blitzes eine nahe Höhle an dem steilen Abhang eines waldigen Hügels zu entdecken , wo sie eine sichere Zuflucht gegen die Gefahren des Ungewitters zu finden hoften , und eine Ruhestätte für ihre erschöpften