die Angst und die Zärtlichkeit der Mutter handelt , ist doch wohl nur von einem Sohne die Rede . Du vergibst es mir nicht , daß ich mich in das Glück deines Lieblings eingedrängt habe , und ich kenne eine Lösung , die dir wenig Thränen kosten würde . Aber sei ruhig ! Was ich thun kann , einen schlimmen Ausgang zu hindern , das geschieht ; sorge nur , daß Leo mir die Möglichkeit läßt , in ihm den Bruder zu sehen ! Du hast eine unumschränkte Gewalt über ihn ; auf dich wird er hören . Du weißt , ich habe es gelernt , meiner Natur Zügel anzulegen , aber meine Selbstbeherrschung geht nur bis zu einer gewissen Grenze ; reißt Leo mich darüber hinaus , so stehe ich für nichts mehr ein . Er versteht es wenig , fremde Ehre zu schonen , wo er sich beleidigt glaubt . « Sie wurden unterbrochen . Man meldete dem Schloßherrn , draußen stehe ein Unteroffizier des Detachements , das gestern durch Wilicza gezogen war , und verlange ihn dringend und sofort zu sprechen . Waldemar ging hinaus . Er war es seit den letzten Tagen gewohnt , daß diese äußeren Störungen sich gerade dann eindrängten , wenn man am wenigsten in der Stimmung war , ihnen Rechnung zu tragen . Im Vorzimmer stand der Gemeldete . Er brachte einen Gruß des kommandierenden Offiziers und eine Bitte desselben . Das Detachement stand , gleich nachdem es seinen neuen Posten bezogen , der Notwendigkeit gegenüber , einzuschreiten . Während der Nacht hatte drüben ein heftiger Kampf stattgefunden , der mit einer Niederlage der Insurgenten endigte ; sie flohen in größter Unordnung , hitzig verfolgt von den Siegern . Ein Teil der Flüchtlinge hatte sich durch den Uebertritt auf das diesseitige Gebiet gerettet . Sie waren von einer Patrouille angehalten und entwaffnet worden und sollten nach L. gebracht werden . Es befanden sich aber einige Schwerverwundete darunter , von denen man fürchtete , daß sie den Transport nicht aushalten würden ; der Offizier bat um vorläufige Aufnahme derselben in dem nahen Wilicza , Der Wagen mit den Kranken befand sich bereits unten im Dorfe . Waldemar war augenblicklich bereit , der Aufforderung nachzukommen , und ließ drüben auf dem Gutshofe die nötigen Anstalten zur Unterkunft der Verwundeten treffen . Er ging selbst in Begleitung des Unteroffiziers hinüber . Die Fürstin war inzwischen allein zurückgeblieben . Sie hatte die Nachricht nicht gehört und von der Meldung , die ihren Sohn abrief , keine Notiz genommen – es waren ganz andre Gedanken , die sie beschäftigten . Was nun ? Diese Frage erhob sich immer wieder wie ein drohendes Gespenst , das sich nicht bannen läßt ; hinausgeschoben konnte die Entscheidung wohl werden , aber damit wurde sie nicht aufgehoben . Die Fürstin kannte ihre Söhne hinreichend , um zu wissen , was zu erwarten stand , wenn sie sich als Feinde begegneten , und Todfeinde mußten sie von dem Augenblicke an werden , wo Leo die Wahrheit entdeckte . Er , dessen Eifersucht schon bei einem ersten unbestimmten Verdachte aufflammte , daß sie ihn fast seiner Pflicht abwendig machte , wenn er jetzt erfuhr , daß der Bruder ihm in der That die Liebe seiner Braut geraubt hatte , wenn Waldemars nur äußerlich gebändigte Wildheit bei dem Streite mit ihrer alten Macht hervorbrach – die Mutter bebte zurück vor dem Abgrunde , der sich mit diesem Gedanken vor ihr aufthat . Sie mußte , daß sie dann machtlos sein würde , auch ihrem Jüngstgeborenen gegenüber , daß in diesem Punkte ihre Gewalt über ihn zu Ende war . Waldemar wie Leo hatten das Blut ihrer Väter in den Adern , und welche Kontraste Nordeck und Fürst Baratowski auch sonst gewesen sein mochten , in einem waren sie gleich , in der Unmöglichkeit , die einmal aufgereizten Leidenschaften zu zügeln . Die Thür des Nebengemaches wurde geöffnet . Vielleicht kehrte Waldemar zurück ; er war ja mitten aus der Unterredung abgerufen worden , aber der Schritt war schneller , unruhiger als der seinige . Jetzt rauschten die Falten der Portiere , die von dem Eintretenden hastig beiseite geschoben wurde , und mit einem Schrei des Schreckens und der Freude fuhr die Fürstin von ihrem Sitz empor . » Leo ! Du hier ! « Fürst Baratowski lag in den Armen seiner Mutter . Er erwiderte die Umarmung wohl , aber er hatte kein Wort des Grußes . Schweigend und heftig preßte er sie an sich ; die Bewegung verriet nichts von der Freude des Wiedersehens . » Woher kommst du ? « fragte die Fürstin , bei der schon im nächsten Augenblicke die Besinnung und damit auch die Besorgnis die Oberhand gewann . » So plötzlich , so unerwartet ! Und wie kannst du so unvorsichtig sein , bei hellem Tage in das Schloß zu kommen ? Du weißt ja , daß dir hier überall die Verhaftung droht . Die Patrouillen streifen durch unser ganzes Gebiet . Warum wartest du nicht bis zum Eintritte der Dunkelheit ? « Leo richtete sich aus ihren Armen empor . » Ich habe lange genug gewartet . Seit gestern abend bin ich fort – die ganze Nacht habe ich wie auf der Folter gelegen ; es war unmöglich , die Grenze zu passieren – ich mußte mich verborgen halten . Endlich beim Tagesgrauen gelang es mir hinüber zu kommen und die Wälder von Wilicza zu erreichen – und dann kostete es neue Anstrengung , bis ich das Schloß gewann . « Er stieß das alles aufgeregt und abgebrochen hervor . Die Mutter sah erst jetzt , wie bleich und verstört er aussah . Sie zog ihn fast gewaltsam auf einen Sessel nieder . » Erhole dich ! Du bist zu Tode erschöpft von dem Wagnis . Welche Tollkühnheit , Leben und Freiheit aufs Spiel zu setzen um eines kurzen Wiedersehens willen ! Du mußtest dir doch sagen , daß bei uns die Angst um dich jede Freude überwiegt