selbstverständlich dieses „ da wollte ich bei Dir sein “ , aber Raven verstand die ganze unendliche Hingebung , die in den wenigen Worten lag . Er blickte schweigend nieder auf das junge Wesen , das er eben noch so bitter angeklagt , für so schwankend und unselbstständig gehalten hatte und das sich jetzt so entschlossen allen Banden entriß , um an seine Seite zu eilen und mit ihm unterzugehen . Mitten durch all die Nacht , die ihn umgab , brach es wie ein strahlender Triumph , sich so geliebt zu wissen . Der goldene Lichtstrom verschwand allmählich , als die Sonne tiefer sank , nur einzelne Strahlen suchten sich noch ihren Weg durch das Fenster , endlich erloschen auch diese und nur ein matter , röthlicher Schimmer erfüllte das Gemach , der Abglanz der Abendröthe . Arno und Gabriele achteten nicht darauf . Er hatte sie an seine Seite gezogen und sprach zu ihr , aber nicht von Gefahr oder Untergang – sie hatten beide vergessen , daß so etwas existirte , sie dachten nicht mehr daran . Zum ersten Male lag kein Schatten , kein Mißverständniß zwischen ihnen ; zum ersten Male konnten und durften sie einander angehören . Vergangenheit und Zukunft versanken ihnen in diesem Bewußtsein ; sie fühlten nur , daß sie sich liebten und daß sie grenzenlos glücklich waren . „ Herr Oberst Wilten , “ meldete der eintretende Diener in gewohnter förmlicher Weise . Raven sah auf , als werde er aus einem Traume geweckt , und fuhr mit der Hand über die Stirn . „ Oberst Wilten ? “ wiederholte er langsam . „ Ja so – das hatte ich vergessen . “ Gabriele wurde aufmerksam . „ Mußt Du den Oberst heute noch sprechen ? “ fragte sie , wie von einer unbestimmten Ahnung ergriffen . „ Deine Empfangsstunden sind ja längst vorüber . “ Der Freiherr stand auf . Der eben noch so strahlende Ausdruck seiner Züge war verschwunden . „ Ich habe ihn erwartet ; es handelt sich um eine nothwendige Besprechung . – Ich lasse den Herrn Oberst bitten , mich im Salon zu erwarten . Ich bin sogleich bei ihm . “ Der Diener entfernte sich . Ich muß Dich verlassen , Gabriele ; „ Du weißt nicht , was es mich kostet , Dich jetzt auch nur eine Minute lang von meiner Seite zu lassen , “ sagte er gepreßt , „ aber was mir Wilten bringt , muß erledigt werden , wenn ich für den Abend frei sein will . Dann gehören wir uns allein , und dann soll Niemand uns stören . Komm ’ ! Ich geleite Dich in Dein Zimmer ! “ Er nahm ihren Arm und führte sie durch die Bibliothek und über den Corridor nach dem anderen Flügel hinüber . Wenige Minuten später trat er in den Salon , wo der Oberst ihn erwartete . Die Unterredung dauerte nur kurze Zeit . Nach kaum einer Viertelstunde verließ Wilten wieder das Schloß , und der Freiherr zog sich in sein Arbeitszimmer zurück , wo er sich von Neuem an den Schreibtisch setzte . Er hatte die Wahrheit gesagt : es kostete ihn unendlich viel , Gabriele auch nur auf Minuten zu entbehren , und doch entzog er sich ihr auf eine volle Stunde . Sie konnte doch nicht an seiner Seite sein , während er den Abschiedsbrief an sie schrieb . – Im Schlosse hatte die unerwartete Ankunft der Baroneß Harder allerdings Befremden erregt , um so mehr , als sie ohne ihre Mutter eintraf , aber der alte Diener , der sie begleitete , gab die nöthige Auskunft darüber . Der Freiherr hatte seine Schwägerin und deren Tochter brieflich zu sich gerufen . Die Frau Baronin war aber leider wieder erkrankt und noch zu angegriffen , um die Reise zu unternehmen ; sie hatte deshalb das Fräulein vorausgesanndt und wollte in einigen Togen nachkommen . Die Baronin hatte dieses Auskunftsmittel ergriffen , als sie die Unmöglichkeit einsah , ihre Tochter zu halten . Sie selbst war in der That nicht wohl , die Nachrichten des Grafen Selteneck hatten ihr einen erneuten Nervenanfall zugezogen , der sie hinderte , zu reisen , zur großen Erleichterung Gabrielens , die nur zu gut wußte , wie unwillkommen ihre Mutter dem Freiherrn in solchen Stunden war . Sie fügte sich geduldig dem Vorwande , und die einfache , natürliche Erklärung ihrer Abreise fand dort wie hier Glauben . Der Abend war inzwischen hereingebrochen . Gabriele befand sich allein in ihrem Gemache und harrte auf die besprochene Rückkehr Arno ’ s. Der Besuch des Oberst Wilten fiel ihr nicht besonders auf , denn vor ihrer Abreise hatten ja so häufig Conferenzen zwischen ihm und dem Freiherrn stattgefunden . Sie hatte das Fenster geöffnet . Träumend lehnte sie in der Fensterbrüstung , als endlich der ersehnte Schritt sich hören ließ . Sie flog dem Kommenden entgegen , und er schloß sie in die Arme , als sei diese Stunde eine endlose Trennung gewesen . Textdaten zum vorherigen Teil < < < > > > zum nächsten Teil zum Anfang Autor : W. Heimburg Titel : Um hohen Preis aus : Die Gartenlaube 1878 , Heft 34 , S. 561 – 563 Fortsetzungsroman – Teil 26 [ 561 ] „ Jetzt bin ich frei ! “ sagte der Freiherr eintretend . „ Ganz frei , meine Gabriele . Jetzt gehöre ich Dir allein . “ Gabriele sah zu ihm auf . Sein Antlitz war bleicher als sonst , aber es lag eine tiefe , ernste Ruhe darauf . „ Der Oberst hat Dir doch nichts Unangenehmes gebracht ? “ fragte sie besorgt . „ Nein , nur etwas Nothwendiges ! “ erwiderte Raven mit vollster Gelassenheit , aber zugleich entzog er sich , wie zufällig , dem hellen Lichtkreise der Lampe und trat mit dem jungen Mädchen an das Fester . Die Luft wogte herein , kühl zwar , aber mild wie an einem Frühlingsabende , und draußen