hat mich beauftragt , dir , als der einzigen Erbin des Völdernschen Besitztums , im neunzehnten Lebensjahre das Geheimnis mitzuteilen , gleichviel , ob die Großmama diesen Zeitpunkt erlebe oder nicht . Wenn ich um ein Jahr vorgreife , so trägst du selber die Schuld – es gilt , Torheiten deinerseits vorzubeugen ... Deine Mutter hat ferner gewünscht , daß du in strengster Abgeschiedenheit erzogen werdest – jetzt wirst du wissen , daß nicht alleine deine Kränklichkeit den einsamen Aufenthalt in Greinsfeld nötig gemacht hat ... Der letzte Wille deiner Mutter verlangt ein völlig entsagendes Leben von dir , Gisela – du wirst ihn ehren ! ... Der Gedanke , daß durch dich dereinst das schwere Unrecht ausgeglichen werden könnte , ohne daß der teure Name Völdern befleckt werde , hat ihr noch im letzten Augenblick ein Lächeln der Befriedigung abgerungen . « Er zögerte ; es wurde ihm jedenfalls nicht leicht , den Schwerpunkt der Mitteilungen in die geeignete Form zu kleiden . » Wären wir in A. « , fuhr er etwas rascher fort , während er zwischen den Fingerspitzen die Enden seines Schnurrbartes drehte , » dann bedürfte es meiner Auseinandersetzungen nicht ; ich gäbe dir die Papiere , die deine Mutter in meine Hand gelegt hat ; sie enthalten alles , was mir jetzt Mühe und – Schmerz macht , auszusprechen ... Deinem jungen Leben werden von nun an engere Grenzen gezogen als bisher – armes Kind ! ... Der vollständige Ertrag jener Güter , die du unrechtmäßigerweise besitzest , soll für die Armen im Lande verwendet werden ; ich bin ausersehen , sie zu verwalten ; dagegen habe ich die Verpflichtung , dir über Heller und Pfennig alljährlich Rechenschaft abzulegen . Bei deinem Eintritt in die Abgeschiedenheit sollst du mich scheinbar als deinen Erben bezeichnen ; ich aber habe sodann in meinem Testament die fraglichen Güter als › dankbarer Freund ‹ dem Fürstenhaus zu hinterlassen . « Die Hände des jungen Mädchens waren vom Gesicht niedergesunken . Sie wandte mechanisch langsam den Kopf , und die erloschenen Augen hefteten sich starr auf den Mund des Sprechenden , der ein leises nervöses Beben in den Winkeln nicht zu unterdrücken vermochte . » Und wie heißt die Abgeschiedenheit , in die ich eintreten soll ? « fragte sie , jedes Wort schwer betonend . » Das Kloster , meine liebe Gisela ! ... Du sollst auch für die Seele deiner Großmutter beten und sie von ihrer schweren Schuld erlösen . « Jetzt schrie sie nicht auf – ein irres Lächeln flog über ihr Gesicht . » Wie , ins Kloster will man mich stecken ? Zwischen vier enge hohe Mauern ? Mich , die ich im grünen Wald aufgewachsen bin ? « stöhnte sie . » Ich soll , solange ich lebe , nur das eingeschlossene Stückchen Himmel über mir sehen ? Ich soll ein ganzes Leben lang Tag und Nacht Gebete hersagen , immer dieselben Worte , die schon in den ersten Tagen eine sinnlose Plapperei werden ? Ich soll mich zwingen , nicht mehr Gottes Ebenbild zu sein , sondern eine stumpfe Maschine , der man das Herz ausgerissen und den Geist zertreten hat ? ... Nein , nein , nein ! ... « Sie sprang auf und steckte ihrem Stiefvater gebieterisch den Arm entgegen . » Wenn du wußtest , was mir bevorstand , dann mußte auch von meinem ersten Denken an alles geschehen , mich mit meiner furchtbaren Zukunft vertraut zu machen ; so aber habt ihr mich meinen eigenen Gedanken und Schlüssen überlassen , und ich will dir sagen , wie ich über das Kloster denke ! ... Hat sich je der Mensch von Gott und der klaren Vernunft weit verirrt , so ist es in dem Augenblick gewesen , da er das Kloster erfunden hat ! Es ist Wahnsinn , eine Anzahl Menschen in ein Haus zusammenzustecken , um Gott zu dienen ! ... Sie dienen ihm nicht , sie verdrehen seine Absichten , denn sie lassen die Kräfte in Nichtstun verwelken , die ihnen zur Arbeit gegeben sind . Sie schlagen das Pfund tot , das er ihnen hinter die Stirn gelegt hat , und je weniger sie denken , desto hochmütiger sind sie und halten ihre Stumpfheit für Heiligkeit . Sie arbeiten nicht , sie denken nicht , sie nehmen von der Welt und geben ihr nichts zurück – sie sind ein isolierter , unnützer , träger Menschenhaufen , der sich von den Arbeitsamen füttern läßt ... « Der Minister stand auf ; sein Gesicht war fahl wie das einer Leiche . Er ergriff den Arm des jungen Mädchens und bog ihn nieder . » Besinne dich , Gisela , und bedenke , was du lästerst ! Es sind geheiligte Institutionen – « » Wer hat sie geheiligt ? Die Menschen selbst ... Gott hat nicht gesagt , als er den Menschen schuf : Verstecke dich hinter Steinen und verachte alles , was ich der Welt Schönes und Herrliches gegeben habe . « » Schlimm für dich , mein Kind , daß du in dein neues Leben eine solche Philosophie mitbringst ! « sagte der Minister achselzuckend . Er stand mit verschränkten Armen vor ihr . Einen Moment maßen sich die vier Augen , als wolle jedes die Kraft des anderen angesichts des ausbrechenden Sturmes prüfen . » Ich werde nie in dieses neue Leben eintreten , Papa ! « Diese Erklärung , die der blasse Mund des jungen Mädchens so entschieden und unumwunden hinwarf , entzündete eine wilde Flamme in den weitgeöffneten Augen Seiner Exzellenz . » Du wärst in der Tat so entartet , den Wunsch und Willen deiner sterbenden Mutter zu mißachten ? « fuhr er auf . Gisela trat vor das Bild ihrer Mutter . » Ich habe sie nicht gekannt , und doch weiß ich , wie sie gewesen ist « , sagte sie . Ihre Lippen zuckten und ihr ganzer Körper fieberte , aber die Stimme klang fest und sanft . » Sie