getrennt hatte . War es doch , als sei Liane ein Alp von der Brust genommen durch die Gewißheit , daß Menschen in der Nähe seien . Die Thür des indischen Hauses war verschlossen . Hinter den Fenstern hingen die steifen Matten , und die zerbrochenen Glasscheiben der Thür waren einstweilen durch Bretter ersetzt . Auf Lianes leises Klopfen wurde mit vorsichtiger Hand eine der Matten ein wenig seitwärts geschoben . Gleich darauf öffnete sich geräuschlos die Thür . » Wäre der Schwarze gekommen , er hätte nicht herein gedurft , « flüsterte Frau Löhn , indem sie den Riegel wieder vorschob . Ueber die Tote auf dem Rohrbette war ein weißes Leinentuch gebreitet , und in einem Lehnstuhl lag Gabriel erschöpft in tiefem Schlafe . Die Beschließern hatte eine wärmende Decke über ihn gelegt , dessen abgehärmtes Antlitz sich totenhaft von dem dunklen Polster abhob . Unruhig flackerte der Lichtschein darüber hin , den ein vielarmiger , mit Wachskerzen besteckter Silberleuchter verbreitete . » Auch ein Rest aus der alten Zeit , den ich vor dem geizigen alten Manne drüben im Schlosse gerettet habe , « sagte die Beschließerin , auf den prachtvollen Leuchter zeigend ; » das arme Ding da ist mehr als jede andere Schloßfrau gewesen , und da soll sie nun auch die letzten Ehren haben . « Mit sanfter Hand schlug sie das Leinentuch zurück . Das Herz der armen Lotosblume schlug nicht mehr , und doch sah es aus , als höbe sich die schöne frische Seerose auf ihrer Brust noch unter gleichmäßigen Atemzügen . Auch über das Kleid und das Kopfkissen der Toten lagen die weißen Wasserblüten hingestreut . » Gabriel hat sie gebracht , « sagte Frau Löhn ; » es waren ihre liebsten Blumen , und der arme Teufel hat manchen Schlag vom Schloßgärtner gekriegt , wenn sie ihn am Teiche › beim Holen ‹ erwischt haben . « Bei diesen Worten hob sie sanft das Köpfchen vom Kissen , während Liane mit bebenden Händen die Kette darüber streifte ; ebenso leicht ließ sich das kleine silberne Buch aus den erkalteten Fingern lösen ; sie leisteten nicht den geringsten Widerstand mehr ... Die junge Frau legte die Kette um den Nacken und steckte das verhängnisvolle Schmuckstück in den Busen . » Morgen ! « sagte sie mit halb erstickter Stimme zu Frau Löhn und ging hinaus . Eine namenlose Beklemmung , das unerklärliche Gefühl , als habe sie mit dem kältenden Silber auf der Brust ihren eigenen Untergang auf sich genommen , machte ihr den Herzschlag stocken ... Umsonst ließ sie ihre Blicke von der Veranda aus über das von Rosengebüsch begrenzte Terrain hinschweifen ; umsonst lauschte sie mit zurückgehaltenem Atem auf irgend ein Zeichen , daß ein menschliches Wesen in ihrer Nähe sei . Der Jäger und sein Mädchen hatten jedenfalls , durch ihr Erscheinen erschreckt , den Garten verlassen . Sie schauerte in sich zusammen bei dem Versuchte , die Verandastufen hinabzusteigen und weiterzugehen , und dennoch schämte sie sich , die Frau , die hinter ihr die Thür wieder verriegelt hatte , abermals herauszuklopfen und um ihre Begleitung zu bitten . Und zögern durfte sie nicht mehr ; jede Sekunde Zeit , die den unnatürlichen Kampf verlängerte , welchen Mainau um sein Kind kämpfen mußte , hatte sie zu verantworten . Sie flog die Stufen hinab durch das Rosengebüsch – da – da stand das Entsetzliche , dessen Nähe sie gefühlt hatte , wie der Vogel die seines Todfeindes – da stand die schwarze Gestalt mit aschbleichen , verwüsteten Zügen , und der geschorene Fleck inmitten der dunkellockigen Haarmassen dämmerte gespenstig , als die unheimliche Erscheinung feierlich grüßend das Haupt neigte . Im ersten Augenblicke machte der Schrecken der jungen Frau das Blut gerinnen , dann aber wallte ein Gefühl der Erbitterung , des Zürnens in ihr auf , wie sie nie solches vorher empfunden . Und dieses Gefühl siegte ; es machte sie hart , schonungslos ... Ihr Kleid mit einer ausdrucksvollen Gebärde an sich heranziehend , als dürfte nicht einmal sein Saum den ihren Weg kreuzenden Mann streifen , wich sie aus und wollte weitergehen , ohne seinen Gruß zu beachten ; aber er vertrat ihr aufs neue den Weg , er wagte sogar seine Hand auf ihren entblößten Arm zu legen , um sie zurückzuhalten ; sie erbleichte bis in die Lippen bei der Berührung . Die Hand mit einer kraftvollen Bewegung von sich schleudernd , nahm sie stumm den kostbaren Spitzenärmel , der von ihrer Schulter niederhing , und strich mit dem Gewebe wiederholt über die Stelle , die seine Finger berührt hatten . » Erbarmungslose ! « stieß er hervor . » Sie kommen von einer Sterbenden – « » Von einer Toten , Herr Hofprediger , von einer , die im Heidentume gestorben ist , und deshalb , wie wir Christen sagen , gestorben ist an Leib und Seele . Ob Gott wirklich die Menschenseelen nur annimmt aus der Hand der Priester , mag sie auch fälschen und vor nichts zurückschrecken , was die Geister als Schemel unter die Füße der Priestermacht zu werfen vermag ? Sie müssen es ja wissen ... Gehen Sie mir aus dem Wege , Herr ! « gebot sie stolz und heftig . » Den echten Predigern des Christentums unterwerfe ich mich in Ehrfurcht – und , Gott sei Dank , wir haben deren noch ! Sie aber haben mich selbst in Ihre verwerflichen karten sehen lassen ; nicht eine Spur von Weihe liegt auf Ihrer Stirn , und deshalb wundere ich mich auch nicht über Theaterphrasen , wie ich sie eben gehört aus Ihrem geistlichen Munde . Lassen Sie mich vorüber ! « » Wozu diese Eile ? « fragte er hohnvoll , aber doch im Tone heftiger innerer Bewegung . » Sie kommen noch rechtzeitig genug , um zu sehen , wie sich der unheilbare Bruch zwischen Onkel und Neffen vollzieht , wie der interessante Herr von Mainau alle alten Bande und Beziehungen von sich