und sie drückte die Hand des jungen Arztes im Vorbeigehen . Weiter erfuhren auch weder Tante Emilie noch die Mutter etwas über den Schloßhauptmann von Kerkow , überhaupt niemand . Dagegen erfuhr Aenne etwas anderes , nichts mehr und nichts weniger , als daß sie die rückhaltlose Erlaubnis habe , ihrem Berufe wieder nachzugehen und zwar in Begleitung der Tante Emilie . Und als letztere sich erbot , doch lieber bei der Schwägerin bleiben zu wollen hörte sie die Antwort : „ Danke ! Ich habe schon an Lieschen Weidner telegraphiert , sie kommt ganz zu mir – als Tochter . Ihr könnt ja nun völlig leben , wie ihr wollt in Dresden , braucht euch meinetwegen nicht zu sorgen ! “ Im übrigen hüllte sich Frau Rat in Schweigen , und selbst der Doktor existierte augenblicklich nicht für sie , denn dieser Mensch war das undankbarste Geschöpf , das je in ihrer Nähe gelebt ! Anstatt anzuerkennen , wie sehr sie beflissen gewesen , seine Wünsche zu fördern , hatte er sie angedonnert . ‚ Wie , Frau Rat , sie wußten , daß das Herz Ihrer Tochter nicht mehr frei ist , und wollten sie trotzdem überreden , mich zu heiraten ? Haben Sie denn eine Ahnung , hochverehrte Frau Rat , daß das – geradezu gesagt – perfide gegen mich , ja , gegen mich , gehandelt ist ? ‘ So drehte dieser kratzbürstige Mensch auf einmal die Geschichte um , als Lohn für ihre mütterliche Gesinnung . Hätte sie nur einen andern Mieter in Aussicht , dieser Doktor sollte schon dran glauben , leider aber waren die zahlungsfähigen Junggesellen in Breitenfels sehr rar ! Die alte Dame packte mit undurchdringlichem Gesicht Aennes Sachen ein , fügte fast mehr als sie entbehren konnte an Leinenzeug dazu , wie jemand , der nur um Gottes willen reichlich und vollgemessen giebt , damit er dereinst nicht Vorwürfe zu erdulden braucht . Und als am Begräbnistage Heinis Aenne und Tante Emilie vom Kirchhofe zurückkehrten , war nicht nur alles aufs gewissenhafteste geordnet und eingepackt , es lag auch ein Couvert neben Aennes Tasse , das einen Tausendmarkschein enthielt . Dein mütterliches ’ Erbe ’ stand darauf geschrieben , mit großen Buchstaben . [ 312 ] „ Aber , Mama ? “ sagte Aenne peinlich erregt , „ warum denn das ? “ „ Nimm es nur , dann ist zwischen uns alles erledigt ! Du kannst nun thun und lassen , was du willst , und bist keiner Seele eine Verantwortung schuldig , ich möchte sie auch nicht tragen , diese Verantwortlichkeit – du hast es so gewollt ! Ich kann nur noch den lieben Gott bitten , daß er dich ’ s nie bereuen läßt , den Weg gegangen zu sein , der dir der rechte schien . “ Am folgenden Vormittage reiste Aenne ab , unversöhnt mit der alten , nach deren Meinung so schwer gekränkten Frau . Die Thränen rannen über ihr blasses Gesichtchen – die Augen der Mutter blieben trocken . Sie würde sich hüten , dem trotzigen Ding zu zeigen , daß ihr das Herz beinahe brach ! – Der Doktor war vor Tau und Tag schon über Land gefahren . Abschiednehmen galt ihm im allgemeinen schon für etwas Schreckliches , in diesem Falle dünkte es ihm unmöglich . Der Wagen rollte an dem Schloßgarten vorüber . Aenne schaute noch einmal hinauf zu dem Erker , unwillkürlich , obgleich nichts dort zu sehen war als herabgelassene Vorhänge . Das Licht würde dort oben nicht mehr flimmern abends , der Schloßhauptmann von Breitenfels war gestern , gleich nach dem Begräbnis , zum Herzog gereist , um seine Entlassung zu erbitten . Tante Emilie wußte es . „ Was er wohl anfangen wird ? “ fragte sie , zu Aenne gewendet . „ Ich habe keine Ahnung , Tante . “ „ Es sind doch alle Berufsklassen so überfüllt , und er ist so gar nicht mehr gewohnt , zu arbeiten – “ Aennes aufleuchtende Augen trafen sie plötzlich , und ein stolzes Lächeln ließen einen Augenblick ihre Zähne aufblitzen . „ Der Heinz Kerkow ? Um den ist mir nicht bange Tante Emilie . “ „ Was sagst du ? “ stotterte die alte Frau . Aber Aenne schwieg und sah ernst in die Ferne hinaus , in deren Dunst die Türme der Stadt schimmerten , von welcher aus die Eisenbahn sie entführen sollte , der Arbeit , der ungewissen Zukunft entgegen . Barg diese Zukunft auch ein Glück für sie ? Ach , hoffentlich ! Hoffentlich ! [ 336 ] In einem Zimmer des vierten Stockwerkes in einem Miethause der Christianstraße zu Dresden saß Tante Emilie und wartete auf Aenne , die aus der Musikschule heimkommen mußte . Die alte Dame war heute noch ungeduldiger , als wenn sonst die fünfte Stunde schlug , denn der Postbote hatte ein kleines Paket abgegeben , und außerdem war ein Brief gekommen vom Doktor Lehmann aus Breitenfels . Aenne korrespondierte nämlich mit ihm ganz regelmäßig ; jede Woche langte solch ein Schreiben an . Ja , vier Jahre waren vergangen , seitdem Frau Rat ihrer einzigen Tochter die Erlaubnis zum „ Wandeln “ ihrer eigenen Wege gleichsam aufgedrungen hatte , und wahrlich , leichte Wege waren es nicht gewesen . Die alte halsstarrige Frau in dem fernen Bergstädtchen ahnte gar nicht , wie sehr das Herz ihres Kindes sich um sie sorgte und bangte , wie es litt unter der stets verweigerten Annahme seines Besuches . Ein einziges Mal in all der Zeit war Aenne nach Breitenfels gereist , damals , als eine böse Influenza Frau Rat auf das Krankenlager geworfen , und da hatte Aenne sie gehegt und gepflegt mit dem Doktor um die Wette , hatte ihr jede mögliche Stärkung verschafft , hatte mit tausend guten Worten um ihre Gunst geworben ; als aber die alte Frau wieder in ihrem Lehnstuhl am Fenster sitzen konnte , merkte Aenne , daß ihr noch nicht vergeben war ,