überall auseinander zu sprengen , was Menschen verbunden hält . Der Dreizehnte bei Tisch zu sein , das befrachtet er als seine Mission ; Situationen , in denen es nichts zu sprengen gibt , erscheinen ihm höchst banal . « Eine Dame trat an den Flügel . Sie sang mit voller , tiefer , gut geschulter Stimme ; aber es war schauerlich , sie anzusehen ; denn ihr Kopf glich einem Totenschädel , über den nur die Haut gespannt war . Herrlich war ihr Gesang , - aber ihr weit geöffneter Mund , aus dem die Töne drangen , bot einen erschreckenden Anblick . » Was bedeutet das alles ? « fragte Olga . » Wir haben heute den dreizehnten Mai , « erklärte Justus , mit einer Stimme , die plötzlich prophetisch erhoben klang , - » das ist jener Tag , den die Römer feierten , um die Seelen jener wesenlosen Geister , die als Gespenster umherirrten und die Lebenden beunruhigten , - zu beschwören ... es ist heute das Fest der Lemuren ... « Olga war es , als sei jede Kraft in ihr vernichtet , als wäre jede Energie verzehrt , - als hätte diese Atmosphäre sie in sich aufgesogen ... Der Angstschweiß stand ihr auf der Stirn . » Was bedeutet das ? « fragte sie nochmals . Wieder erhob sich die Stimme des Justus zur Deutung , aber die Sängerin mit dem Totenkopf sang immer lauter , immer stär-ker - - - bis Olga erwachte . Sie rieb sich die Augen , sprang aus ihrem Bett ; eilig zog sie die Jalousien hoch . Draußen strahlte die Maiensonne , und ihr Gold floß in breiten Strömen in den jungen Morgen ... Zehntes Kapitel Prüfungen » Sinke nicht - und wenn der ganze Orkus auf dich drückte . « Kleist . Olga hatte sich beeilt , Eva die gute Mitteilung zu machen . Sie schrieb ihr von der Stellung , die sich ganz ohne Mühe für sie gefunden hatte . Eva brach sogleich ihren Aufenthalt in Genf ab und eilte , mit kurzem Aufenthalt in Stuttgart , ihrer Vaterstadt , nach Berlin . In Stuttgart brachte sie bei nahen Verwandten vorläufig ihre kleine Tochter unter , die sie holen wollte , wenn sie in Berlin erst seßhaft war . Sie war dieselbe . Die Grazie ihres Wesens strahlte unverändert aus jeder ihrer Gesten , - die heitere Freiheit ihres Gemütes aus all ihren Worten . Von ihrer Ehe und deren jähem Abschluß sprach sie mit der überzeugten Beruhigung eines Menschen , der eine lösende Katastrophe erwartet hat , ohne sie zu beschleunigen , und der erleichtert aufatmet , als sie endlich eintrifft . » Wissen Sie noch , wie wir davon sprachen , daß man bei solchen entscheidenden Lösungen etwas - wie eine unzweideutige Erlaubnis abwarten müsse , bevor man sie unternähme ? « fragte sie und wandte ihr ruhig heiteres Antlitz der Freundin zu . » Zu groß wären sonst die Selbstvorwürfe . Nur , was man tun muß - darf man tun ... Da haben Sie wieder meine große Weisheit . « Und sie erhob sich , und die schlanken zierlichen Glieder schienen sich zu strecken , - wie erlöst . Es war der Tag , an dem die erste Sitzung der redaktionellen Kommission stattfand . Man sollte im reservierten Klubzimmer eines Cafés zusammenkommen . Olga ging nicht mit Eva zusammen , - denn sie hatte eine Karte erhalten , auf welcher Dr. Wallentin sie bat , eine Stunde vor Beginn der Sitzung ihn in jenem Café zu treffen , nicht im reservierten Klublokal , sondern vorn , im allgemeinen Saal des Cafés . Sie ging also früher fort , und Eva , die vorläufig bei ihr wohnte , sollte zur Stunde der Sitzung nachkommen und auf diese Art gleich in ihr neues Amt eingeführt werden . Diese Karte war schon am Morgen gekommen und hatte ein brausendes Frohgefühl in die Seele des Mädchens ergossen . Ihr war , als ob ihr Blut mit wunderbarer Leichtigkeit durch ihre Adern perlte ... Länger als sonst dauerte es , bevor sie sich nachmittags zum Ausgehen fertig machte . Sie hatte sich für die Zeit der Trauer zwei schwarze Kleider machen lassen , und nun zog sie das schönere bedächtig an . Die weiche Seide , von mattem , glanzlosen Schwarz schmiegte sich , in fließenden Falten , die schleppend zur Erde fielen , an ihren Leib . Aus dem viereckigen Ausschnitt hob sich der schlanke , sehnige , edel geschwungene Hals , vom leuchtenden Weiß der Rothaarigen . Das Gesicht war in letzter Zeit voller geworden , die scharf geschwungene Nase war nun entsprechend umrahmt , und der Kopf schien , gerade durch sie , von unverkennbarer Bedeutung . Die schwarzen Augen glänzten , als wäre frischer Tau auf sie gefallen . Das Haar trug sie schon längere Zeit nicht mehr schlicht geknotet , sondern in breiten Flechten , unter denen hervor sich schimmernde Wellen um das Gesicht drängten . Wenn ihr dieses Spiegelbild jetzt zulachte , so konnte es an jenes andere ihrer frühen Jugend nur gemahnen , wie an eine dürftige Skizze ihres eigenen Wesens , die nun endlich Bildnis geworden , reif in Form und Farbe , durchleuchtet vom Glanze frauenhafter Blüte . Sie kam noch vor der festgesetzten Zeit . Aber das schadete nichts , sie konnte ja warten . Sie setzte sich in eine Ecke des kleinen Saales , nahm Zeitungen zur Hand und behielt dabei die Tür fest im Auge . Warum , warum hatte er sie hierher gebeten ? Sie allein , bevor man sich mit den anderen traf ? Durch jene Tür würde er nun gleich eintreten . Ihre Nerven spannten sich in Erwartung , ihre geschärften Blicke würden seinen Schatten erkannt haben , wenn er an den hellen Gardinen , die die Spiegelscheiben verhüllten , vorübergeeilt wäre . Das Rondell drehte sich fast unaufhörlich , Leute traten ein , - Leute ... Nie war es ihr