inbrünstig ihre Finger . Anna sprach zuerst . » Du warst im Garten ? « fragte sie . » Ja , ich war im Garten . « » Ich habe dich von oben herunterkommen gesehen vor einiger Zeit . « » Du sollst lieber gar nichts reden , Anna . Strengt es dich nicht an ? « » Die paar Worte , o nein . Aber du kannst mir ja was erzählen ... « Er hielt ihre Hand immer in der seinen und betrachtete ihre Finger . Dann sagte er : » Weißt du eigentlich , daß da oben am Ende des Gartens ein kleines Lusthäuschen steht ? Ja , natürlich weißt du ... ich meine nur , wir haben es nie so recht bemerkt . « » In den ersten Tagen war ich einigemale drin « , sagte Anna . » Schön ist es nicht . « » Nein , wahrhaftig . « » Hast du heut vormittag was gearbeitet ? « fragte sie dann . » Was fällt dir ein , Anna . « Sie schüttelte ganz leicht den Kopf . » Und gerade in der letzten Zeit ist es dir so gut damit gegangen . « » Ja , wirklich wahr , Anna , du hast dich sehr rücksichtslos benommen . « Er lächelte , sie blieb ernst . » Du warst gestern in der Stadt ? « fragte sie . » Du weißt ja . « » Hast du Briefe vorgefunden ? Ich meine , wichtige ? « » Du sollst gewiß nicht so viel reden , Anna , ich erzähl dir schon alles . Also : Ich hab keine Briefe von Bedeutung vorgefunden . Auch aus Detmold ist keiner gekommen . Dieser Tage geh ich übrigens wieder zu Professor Viebiger . Aber wir können wirklich ein andermal über diese Dinge reden , glaubst du nicht ? Und was das Arbeiten anbelangt ... in den Tristan hab ich heute morgens noch ein wenig hineingesehen . Den kenn ich aber wirklich bis ins kleinste . Ich würde mich getrauen , ihn heut zu dirigieren , wenn ' s drauf ankäme . « Sie schwieg und sah ihn an . Er erinnerte sich des Abends , an dem er mit ihr in der Münchener Oper gesessen hatte , wie eingehüllt in einen durchsichtigen Schleier von geliebten Klängen . Aber er sprach nichts davon . Es dämmerte . Die Züge Annas begannen ihm zu verschwimmen . » Fährst du heute noch in die Stadt ? « fragte sie . Er hatte gar nicht daran gedacht . Jetzt aber war ihm , als winkte damit eine Art von Erlösung . Ja , er wollte hinein . Was konnte er auch hier heraußen noch tun ? Aber er antwortete nicht gleich . Anna begann wieder : » Ich denke , du wirst vielleicht deinen Bruder sprechen wollen . « » Ja , das möcht ich recht gern . Und du wirst wohl bald schlafen ? « » Ich hoffe . « » Wie müd mußt du sein « , sagte er , indem er ihre Hand streichelte . » Nein , es ist etwas anderes . Ich bin so wach ... ich kann dir gar nicht sagen , wie wach ich bin . Mir ist , als wär ich in meinem ganzen Leben nicht so wach gewesen . Und weiß zugleich , daß ich so tief schlafen werde , wie noch nie ... wenn ich nur erst die Augen geschlossen habe . « » Ja gewiß wirst du das . Aber nun darf ich doch wohl noch eine Weile bei dir bleiben ? Am liebsten möcht ich so lange hier sitzen , bis du eingeschlafen bist . « » Nein , Georg , wenn du da bist , kann ich ja doch nicht einschlafen . Aber bleib nur noch ein bißchen . Das ist schon gut . « Er hielt immer ihre Hand und blickte zum Garten hinaus , der nun ganz im Abendschatten lag . » Du warst nicht sehr viel im Auhof oben dieses Jahr ? « fragte Anna gleichgültig , als gälte es nur irgend etwas zu reden . » O ja , täglich beinahe . Hab ich dir ' s denn nicht gesagt ? Ich denke , Else wird James Wyner heiraten und mit ihm nach England gehen . « Er wußte , daß sie nicht an Else dachte , sondern an eine ganz andere . Und er fragte sich : meint sie etwa , das sei schuld ? Ein lauer Hauch kam von draußen geweht . Kinderstimmen klangen herein . Georg blickte hinaus . Er sah die weiße Bank unter dem Birnbaum schimmern und dachte daran , wie Anna ihn dort oben erwartet hatte , im wallenden Kleid , die fruchtschweren Äste über sich , umflossen vom sanften Wunder ihrer Mütterlichkeit . Und er fragte sich : war es schon damals bestimmt , daß es so enden müßte ? Oder war es am Ende schon in dem Augenblick bestimmt , da wir einander zum erstenmal umarmt haben ? Die Bemerkung des Professors fuhr ihm durch den Sinn , daß ein bis zwei Prozent aller Geburten so enden . Also seit Menschen geboren wurden , war es so , daß unter hundert einer oder zwei in so sinnloser Weise dahin müssen im selben Augenblick , da sie zum Licht emporgebracht werden ! Und so und so viele müssen im ersten Jahre sterben , und so viel in der Blüte ihrer Jugend , und so viel als Männer , und wieder eine bestimmte Anzahl macht ihrem Leben selbst ein Ende , wie Labinski , und bei so und so vielen muß es mißlingen , wie bei Oskar Ehrenberg . Wozu nach Gründen suchen ? Irgendein Gesetz ist wirksam , unbegreiflich und unerbittlich , an dem wir Menschen nicht rütteln können . Wer darf klagen , warum gerade mir das ? Widerfährt es nicht ihm , so widerfährt es eben einem andern ... unschuldig oder schuldig wie er .