Gesangverein eine Arie am offenen Grabe vor . Es zeigte sich , daß die Büttnersche Familie doch noch manchen Freund besaß in Halbenau . Es kam in dieser auffälligen Teilnahme etwas wie Demonstration zum Ausdruck . Das Schicksal des Büttnerschen Bauerngutes hatte Aufsehen erregt und manchen , der auf überschuldeten Grund und Boden saß , mit Bangen erfüllt , daß es ihm früher oder später auch so ergehen möge . Am Bieten hatte man sich zwar eifrig beteiligt , als das Bauerngut zerkleinert wurde ; aber es gab doch nur wenig Leute in Halbenau , die nicht in ihrem Herzen für den bankerotten Bauern gewesen wären , gegen seine Ausbeuter . Dieses Gefühl , das sich offen nicht hervorwagte , machte sich in Ehrenerweisungen für die verstorbene Bäuerin Luft . Man war gespannt , ob Kaschelernst zur Beerdigung erscheinen werde . Aber der schlaue Kretschamwirt mochte etwas von der Stimmung , welche im Dorfe herrschte , gewittert haben ; er kam nicht . Er hatte Ottilie entsendet , die einen Kranz auf den Sarg legen mußte . Hinter dem Sarge schritt der Witwer , neben ihm Therese und Karl . Das war alles , was von der ehemals zahlreichen und angesehenen Büttnerschen Familie jetzt noch in dieser Gegend übrig war . Der Pfarrer ließ sich die Gelegenheit nicht entgehen , die Herzen zu rühren . Er war ein alter Praktikus , und wußte , daß außergewöhnliche Unglücksfälle nahezu die einzige Gelegenheit sind , wo man den harten Bauerngemütern beikommen kann . Karl Büttner schluchzte wie ein kleines Kind . Bei dem alten Manne schien der Tränenquell versiegt zu sein . Der Geistliche sprach von ihm als von einem , mit dem Gott der Herr besondere Dinge vorhaben müsse , da er ihm so harte Prüfung auferlege , wie einstmals dem Hiob . Wenn er aber dem unerforschlichen Ratschlusse des Herrn stille halte , werde er auch wieder zu Ehren gebracht werden wie dieser Knecht Gottes . - Die letzten Tage der Bäuerin waren nicht ohne jeden Sonnenblick gewesen ; von den Kindern aus der Fremde war Geld gekommen und Briefe . Fast zur nämlichen Zeit hatte auch Toni , die bisher wie verschollen gewesen , wieder einmal geschrieben und gleichfalls Geld geschickt . Was Toni schrieb , war zum Teil nicht recht verständlich ; die Schreibkunst war nie dieses Mädchens starke Seite gewesen . Sie wäre nicht mehr Amme , teilte sie mit . Welcher Art ihre Lebensstellung sei , war nicht gesagt . Aber sie mußte doch wohl ihr Auskommen haben , sonst würde sie nicht haben so viel abgeben können . Für ihr Kind , das bei Theresen untergebracht war , schickte sie auch etwas mit . Nachdem das Begräbnis vorüber war , kehrte alles schnell in die alten Gleise zurück . Äußerlich merkte man kaum , daß eine Lücke entstanden war . Der Bauer ging Tag für Tag seiner gewohnten Arbeit nach . Er mußte alles in allem sein ; zur Feldbestellung kam jetzt auch noch die häusliche Arbeit . Der Ersparnisse halber machte er nur noch einmal am Tage Feuer . Er nährte sich schlechter als das Vieh , lebte von altem Brot , das er trocken verzehrte , und kalten Kartoffeln . Fast nie kam ein herzhafter Bissen auf seinen Tisch . Dabei arbeitete der alte Mann angestrengter denn je . Es war , als ob er irgendetwas in sich betäuben wolle durch die Anstrengung . Mitten in der Nacht stand er manchmal auf , wenn man kaum die Hand vor den Augen sehen konnte , zog sich an , nahm Hacke , Sense oder ein anderes Werkzeug auf die Schulter und ging damit aufs Feld hinaus . Es litt ihn nicht daheim ; ohne Menschen war das Haus wie eine Totenkammer . Er war gewiß nicht furchtsam von Natur , hatte sich niemals vor Gespenstern gefürchtet ; aber jetzt überkam es ihn manchmal wie Grauen . Die Erinnerung an vergangene bessere Zeiten sprach aus jedem Winkel . Die Gedanken an das , was gewesen , was nie wiederkehren konnte , waren die Gespenster , die hier umgingen . Vor dem , was sein eigenes Hirn ausbrütete : den Vorwürfen , den betrogenen Hoffnungen , den Selbstanklagen , floh der alte Mann . Er rannte hinaus auf den Acker wie ein Besessener , hackte , wühlte dort , als wolle er etwas einscharren , etwas , das er verbergen mußte vor den eigenen Augen . Bei solchem Hundeleben verfiel der Körper des Greises mehr und mehr ; er war nur noch ein Skelett . Das Haar stand ihm in langen , grauen Strähnen um den Kopf . Sich den Bart abzunehmen , lohnte nicht mehr . Die nächste Folge davon war , daß er Sonntags nicht mehr in die Kirche kam . Denn unrasiert sich in der Kirchfahrt blicken lassen , war für einen Halbenauer undenkbar . Bald führte er ein vollständiges Einsiedlerleben . Die einzigen lebenden Wesen , mit denen er noch etwas zu tun hatte , waren die beiden Kühe , die Harrassowitz auf dem Hofe gelassen hatte . Menschliche Gesichter wollte er so wenig wie möglich sehen . Er hatte wohl das dumpfe Gefühl , hervorgewachsen aus der eigensten Erfahrung , daß die größte Unbill , das schwerste Unrecht dem Menschen nur vom Menschen zugefügt wird . - Er haßte seinesgleichen und hielt sich von jeder Berührung mit dem feindlichen Geschlechte fern . Bot ihm jemand einen Gruß , dann stellte er sich taub . Und wer ihn etwa anredete , konnte erleben , daß er , statt Antwort zu erhalten , den Rücken des Alten zu sehen bekam . Was eigentlich in der Seele dieses Mannes vorgehe , wußte niemand . Der Pastor machte ihm einige Zeit nach dem Begräbnis der Bäuerin seinen Besuch , an einem Sonntagnachmittag . Er fand den Bauern im Werkeltagskleide im Hofe mit einer Arbeit beschäftigt . Das wäre in früheren Zeiten auch nicht passiert ! - - Der Pfarrer drückte ein Auge zu über die