recht deutlicher und großer Schrift auf einem beigelegten Blatt auszugsweise erklären zu lassen . Der Biswanger war ja der treueste Mensch , der sich denken läßt ; noch einer von der alten Generation . Er hat von der Pike auf im Raßlerschen Geschäfte gedient , jahrelang um einen Hungerlohn , aber jetzt stellte er sich ganz gut . Seit einigen Jahren klagte er wenigstens nicht mehr . Seine Kinder sind ihm weggestorben , und mit dem Alter ist er immer bedürfnisloser geworden . Für ihn und sein taubes Weibchen , das zudem viel älter , als er , langt ' s , und da ihm eine ruhige Stellung , in der er sich in einem langen , arbeitsamen Leben eingelebt , über alles geht , so erhebt er keine Ansprüche mehr . Die jungen Leute sehen ihn freilich oft mit Ingrimm an , daß er sich um ein solches Spottgeld an das reiche Geschäft verkauft und mit einer wahren Hundetreue aushält und dazu noch allen die Zähne zeigt , die nicht mit gleicher Gewissenhaftigkeit ihren Schweiß opfern wollen . Biswanger hat es dem Kommerzienrat selbst vorgeschlagen , ihm die wichtigsten Postsachen regelmäßig in die Privatwohnung zu schicken , damit er sie bequem nach Tisch durchsehen könne . » Ach ja , es ist eine schöne Sache um ein geordnetes , bequemes Leben ; der Biswanger ist ein braver Kerl , « dachte Raßler heute wieder ; » ich muß ihm nächstens doch das Vergnügen einer kleinen Gehaltserhöhung machen , oder die Überraschung einer Gratifikation - vielleicht schenke ich ihm ein Jahresabonnement auf die Pferdebahn - die Aktien gehen ja ganz brillant in die Höhe ; hätte , ich nur mehr davon genommen . Biswanger hätte mir mehr zureden sollen . Aber für solche ganz moderne Dinge hat der gute Alte nicht immer den rechten Blick . Eigentlich ist er doch nicht ganz frei von Weißwurstphilisterei . Ich will ihn in seinen alten Tagen nicht , mehr verwöhnen . Er ist noch so rüstig und läuft gern . Die Freikarte wäre wirklich ein Luxus . Lassen wir ' s lieber . Die Generosität hat auch andere Unzukömmlichkeiten im Gefolge . Jede Bevorzugung erregt nur bei den Anderen neue Unzufriedenheit . Die jungen Leute haben ohnehin den sozialdemokratischen Teufel im Leib . Biswanger ist ja so auch glücklich . Er braucht wirklich nichts , der brave Kerl . Ja , um zwanzig Jahre wenn ich ihn jünger machen könnte , wäre uns beiden geholfen . Der wird einst schwer zu ersetzen sein ... « Frau Leopoldine spähte wieder durch die Portiere . Sollte sie ihn lieber doch nicht darauf vorbereiten , daß der Preßbandit einen Gaunerstreich gegen ihn plant ? Unschlüssig stand sie eine Weile . » Nein , ich mag ihm nicht wieder mit Drillinger kommen . Er hat doch nur eine rohe Rede für mich ... Ich lasse den Ereignissen den Lauf . « Im Umwenden begegnete sie dem lauernden Blicke der Gusti , die sich heute auffällig in ihrer Nähe zu schaffen machte . » Na , was denn , Gusti ? « » O , ich meinte nur , gnädige Frau , man könnte sich manche Sorge vom Halse schaffen . Die Männer kann man doch um den Finger wickeln , wenn man ' s richtig anfaßt . Es giebt nichts Dümmeres auf der Welt , als die Männer , besonders die verliebten . Verzeihung , gnädige Frau , ich spreche nur aus meiner Erfahrung ... « Die Frau Kommerzienrat schnitt ihr jede weitere Äußerung mit dem Wort ab : » Ich kaufe keine fremden Erfahrungen . Jeder muß schließlich mit sich selbst fertig werden . « Gusti dachte : » So werde durch eigenen Schaden klug ; du kommst doch noch zu mir , « und entfernte sich schweigend , als wäre nichts geschehen . Ob es wohl nicht klüger gewesen wäre , den Schlichting nicht zum Vertrauten zu machen ? Die Aufdringlichkeit Gustis brachte jetzt erst Frau Leopoldine auf diesen Gedanken . Ein zwar guter , aber doch so unreifer Mensch ! Und sein jämmerlicher Mißerfolg bei dem Preßbanditen , wird er nicht die Situation verschlimmern ? O dieser unselige Rätselmensch , Max v. Drillinger , in welche Lage hatte er sie gebracht ! Was war aus ihrem Verstande , aus ihrer Selbstbeherrschung geworden , seit diese rasende Leidenschaft für den Undankbaren von ihrem Wesen Besitz genommen ! Und ihre Seele schreit nach ihm , ihr Leib brennt nach ihm - - und ihn kümmert ' s nicht ... Welcher Dämon war in ihn gefahren , daß er ihr so namenloses Leid bereiten konnte ? Was hatte sie ihm gethan , was einen solchen plötzlichen Bruch zu rechtfertigen vermöchte ? Denn daß sein jetziges Verhalten einen Bruch bedeute , oder wenigstens die Absicht eines Bruches , daran durfte sie hinfort nicht mehr zweifeln . Schon auf ihrer letzten nächtlichen Spazierfahrt nach dem Gärtnertheater hatte sie unter seinem frivolen Kaltsinn zu leiden . In welch ' beleidigender Form stellte er so ganz summarisch die Treue der liebenden Frauen in Frage und sein brutales » Vielleicht auch Du ! « ging ihr wie ein Schwert durch die Seele . Und wie stürmisch hatte er um sie geworben - er , der einzige Mann , dem zu widerstehen ihr die schrecklichste Pein schuf , bis sie endlich seiner Leidenschaft und dem unbesiegbaren Zuge ihres Herzens alles opferte , alles , alles ... Wo war ein Traum , in den sie nicht ihn hineingeträumt , wo eine Empfindung , in deren Mittelpunkt sie nicht ihn erhoben , wo eine Freude , eine Hoffnung , eine Erhebung der Seele , die sie im Geiste nicht mit ihm geteilt ? Er ihr Abgott , ihr Alles - wie konnte er sich von ihr wenden ? ... Sie breitete ihre Arme aus , ihn zu umfassen , an die Brust zu drücken - und sie griff ins Leere . Und wenn sich ' s bestätigt , was sie seit vier Wochen halb mit