heftige Nervenerschütterung der Kranken nicht im geringsten geschadet habe ; sie gehe im Gegenteil ihrer völligen Wiederherstellung mit raschen Schritten entgegen , wie er vom Arzt wisse . Nun kam er hier herein , um auch noch einmal Rundschau zu halten . Margarete placierte eben ein schönes , altes , den Lamprechts gehöriges Schachbrett in der Zimmerecke unter dem Pfeifenbrette . Er übersah von der Thüre aus den äußerst gemütlichen Raum . » Ah , wie das anheimelt ! « rief er näherkommend . » Da wird unser Patient seine einsame Pavillonstube nicht vermissen ! Ich freue mich , daß wir ihn endlich hier haben werden ! Wir wollen ihn zusammen pflegen und für sein Behagen und Wohlbefinden treulich sorgen - ist dir ' s recht , Margarete ? Es soll ein schönes , inniges Zusammenleben werden ! « Sie hatte sich weggewendet und zog und ordnete an den verschobenen Falten der nächsten Portiere . » Ich weiß mir nichts Lieberes , als mit dem Großpapa zusammen zu sein , « antwortete sie , ohne sich umzusehen . » Aber mein kleiner Bruder hat jetzt auch Ansprüche an mich , und ob der Großpapa sich an das Kind so schnell gewöhnen wird , um es neben mir in seiner Nähe zu dulden , das steht doch sehr in Frage . Ich muß dann meine Zeit zwischen ihnen teilen . « » Ganz recht , « gab er zu . » Und die Sache hat auch noch eine Seite , die beleuchtet sein will . Nichts ist natürlicher , als daß sich die Jugend zur Jugend gesellt ; wir zwei alten Leute - mein guter Papa und ich - können mithin nicht von dir verlangen , daß du dich für uns allein aufopferst . Aber - lasse mit dir handeln - dann und wann ein Abendplauderstündchen , willst du ? « Sie wandte sich mit einem schattenhaften Lächeln nach ihm um , und er griff nach seinem hohen Hut , den er auf den Tisch gelegt hatte - sein nicht zugeknöpfter Ueberzieher ließ einen tadellos eleganten Gesellschaftsanzug sehen . Er bemerkte ihren befremdeten Blick . » Ja , es liegt heute noch vieles vor mir , « sagte er erklärend . » Zunächst habe ich die Aufgabe , meinem Vater Mitteilung von dem Umschwunge der Verhältnisse in eurer Familie zu machen , und dann « - er zögerte einen Moment , dann fügte er um so rascher hinzu : » Du bist die erste , die es erfährt , selbst meine Mutter weiß es noch nicht - dann gehe ich nach dem Prinzenhofe zur Verlobung ! « Sie wurde schneeweiß über das ganze Gesicht , und ihre Rechte hob sich unwillkürlich nach dem Herzen . » Dann darf ich dir ja wohl jetzt schon Glück wünschen , « stammelte sie tonlos . » Noch nicht , Margarete , « wehrte er ab , und auch in seinen Zügen malte sich plötzlich eine tiefe innere Bewegung ; aber er unterdrückte sie rasch . » Heute abend , wenn ich nach Dambach komme , um von da nach der Stadt zurückzukehren , sollst du Gelegenheit haben , den Onkel glücklich zu sehen . « Er winkte mit der Hand nach ihr zurück und ging eiligen Schrittes hinaus . Bald darauf sah sie ihn über den Markt reiten . Sie blieb bewegungslos am Fenster stehen . Die krampfhaft verschränkten Hände fest auf die Brust gedrückt , starrte sie in das Stück Himmel hinein , das sich , heute durch einen schmutzig grauen Wolkendunst getrübt , über den weiten Marktplatz spannte ... Wohl durchkreiste das Blut in wilder Wallung ihre Adern , und doch fühlte sie sich tödlich matt , als sei sie mit einem Streich zu Boden gestreckt worden ... Ja , dahin war sie gekommen ! Vor wenigen Monaten noch war ihr die Welt zu eng gewesen , himmelstürmend in Uebermut , Jugendlust und Freiheitsdrang hatte sie jede Fessel verlacht , und heute dominierte in dem armseligen bißchen Gehirn ein einziger Gedanke , und ihre arme Seele wand sich kläglich hilflos am Boden , zum Gaudium all derer , die gern am Boden kriechen , die stolze Seelen hassen und verfolgen . Aber mußte denn die Welt um die Wunden wissen , die ihr in Kopf und Herzen brannten ? Gingen nicht viele durchs Leben und nahmen Geheimnisse mit ins Grab , um die kein Mitlebender gewußt hatte ? - Und dazu mußte auch sie die Kraft finden . Sie mußte lernen , ruhig in ein Paar Augen zu blicken , welche die größte Macht über sie hatten ; sie mußte es über sich gewinnen , zuvorkommend mit einer schönen Frau zu verkehren , die sie verabscheute , und in einem Heim aus und ein zu gehen , in welchem diese Frau als Herrin , als ihre hochgeborene Tante schaltete und waltete . Später kam sie in die Wohnstube herunter und rüstete sich zur Fahrt nach Dambach . Tante Sophie schalt , daß sie den Kaffee stehen lasse und den Kuchen nicht anrühre , den die zerknirschte Bärbe heute morgen einzig und allein für sie gebacken habe ; allein das junge Mädchen hörte kaum , was sie sagte . Sie knüpfte schweigend die Hutbänder unter dem Kinn ; dann legte sie den Arm um Tante Sophiens Hals - und da überkam sie eine plötzliche Schwäche , nämlich der tiefe , sehnsüchtige Wunsch , hier , wie sonst in ihrer Kindheit , in jeglicher Bedrängnis Zuflucht zu suchen und in das Ohr der Tante alles zu flüstern , was ihr Inneres durchtobte - unter dem Zureden der treuen Pflegerin war sie ja stets ruhiger geworden . Aber nein , das durfte nicht geschehen ! Die Tante durfte nicht den Jammer erleben , sie so unglücklich zu wissen ! Und so schloß sie die Lippen fest aufeinander und bestieg den Wagen . Draußen , jenseits der Stadt , ließ sie das Glasfenster herunter . Von Süden her kam ein leichter Wind und wehte sie an