er auf den eben getroffenen Geßler . Und in deutscher Sprache , verwunderlich , aber nicht störend akzentuiert , sprach Alceste , die dieser von Faulstich geplanten Überraschung mit großer Bereitwilligkeit zugestimmt hatte , die Schlußworte des Dramas , die , hier und dort über das Schweizerische hinausgehend , als ein allgemeiner Hymnus auf die Befreiung der Völker gedeutet werden konnten : » Tot der Tyrann ! Er schändet uns nicht mehr , Bedrückte Brüder , Freunde , tretet her , Von seinem Schlosse , das in Flammen steht , Der Feuerschein wie eine Fahne weht , Verkündigend : es fiel die Tyrannei , Geßler ist tot , und unser Land ist frei . « Bei diesen Worten stieg Demoiselle Alceste die Felsenstufen hinunter , und dicht an den Rand des Podiums tretend , fuhr sie mit gehobener Stimme fort : » Und denkt der Feind an einen Rachezug , Ihn zu vernichten sind wir stark genug ; Er komme nur , Soldaten sind wir all , Es schirmt uns unsrer Berge hoher Wall , Und dringt er doch in unsre tiefste Schlucht , Die keinen Ausgang kennt und keine Flucht , Dann über ihn mit Fels und Block und Stein , In der Verwirrung wir dann hinterdrein , Mit Sens ' und Sichel und mit Schwert und Speer : Ergib dich , Feind , du rettest dich nicht mehr ! So fällt sein Helmbusch , seines Stolzes Zier , Denn stärker war die Freiheit , waren wir . « Ein Beifallssturm , der alle Triumphe Kathinkas verschwinden machte , brach jetzt los , und : » Demoiselle Alceste « klang es , erst gemurmelt , dann immer lauter . Nach Innehaltung der den Applaus steigernden Pause erschien die Gerufene , sich würdevoll verneigend , und da weder für Kränze noch Bouquets gesorgt worden war , trat Tante Amelie selbst an das Podium und reichte ihr zum Zeichen ihres Dankes auf die Bühne hinauf ihre Hand . Gleich darauf intonierte Nippler ein kurzes , von ihm selbst gesetztes Finale , unter dessen Klängen die Gäste sich erhoben , um in den Fronträumen das Souper zu nehmen . Hier war inzwischen an kleinen Tischen gedeckt worden , an denen nun , nach dem baldigen Erscheinen derer , die die Mühen des Tages recht eigentlich bestritten hatten , wie Wahl oder- Zufall es fügten , Platz genommen wurde . Auch Nippler war geladen worden . Bamme , der eine Vorliebe für Ausnahmegestalten hatte , nahm ihn in besondere Affektion , ihm einmal über das andere versichernd : » Das sei doch einmal eine Musik gewesen . Besonders die Flöte . « Der Haupttisch , auf dem sechs Couverts gelegt waren , stand in dem Spiegelzimmer . Hier saßen unmittelbar neben der Gräfin Mademoiselle Alceste und Kathinka , den Damen gegenüber aber Drosselstein , Berndt und Baron Pehlemann , der auf dem Gebiete französischer Literatur nicht ganz ohne Ansprüche war und die » Henriade « in Übersetzung , den » Charles Douze « sogar im Original gelesen hatte . Tubal und Lewin , als Anverwandte des Hauses , machten die Honneurs in dem blauen Salon ; einige der Herren hatten sich in das Billardzimmer zurückgezogen , unter ihnen Medewitz , dessen etwas fistulierende Stimme von Zeit zu Zeit an dem Tische der Gräfin hörbar wurde . Es war dies derselbe auf vier runden Säulen ruhende Marmortisch , an dem bei Gelegenheit des Weihnachtsdiners der Kaffee genommen und schließlich in Veranlassung der alten Streitfrage » Roi Frédéric oder Prince Henri « eine ziemlich pikierte Debatte zwischen dem alten Vitzewitz und seiner Schwester , der Gräfin , geführt worden war . Auch heute sollte diesem Tisch eine geschwisterliche Fehde nicht fehlen . Aber diese Fehde stand noch in weiter Ferne und war nur der Abschluß einer sich lang ausspinnenden Konversation , die zunächst nur das » vollendete Spiel « Mademoiselle Alcestes und erst nach Erschöpfung aller erdenkbaren Verbindlichkeiten auch das Stück selbst zum Gegenstand hatte . Die Gräfin , die mit vieler Geschicklichkeit diesen Übergang machte , wußte dabei wohl , was sie tat . Sie war die einzige , die die Tragödie gelesen , zugleich auch mit Hilfe einer vorgedruckten Biographie sich über die Lebensumstände Lemierres unterrichtet hatte , so daß sie sich in der angenehmen Lage sah , den in Sachen französischer Literatur mit ihr rivalisierenden Drosselstein in die zweite Stelle herabdrücken und überhaupt nach allen Seiten hin brillieren zu können . Am meisten vor Demoiselle Alceste selbst , die , als echtes Bühnenkind , sich mit dem Auswendiglernen ihrer Rolle begnügt und nicht die geringste Veranlassung gefühlt hatte , sich in Vor- und Nachwort oder gar in Anmerkungen und literarhistorische Notizen zu vertiefen . Es war ein anmutiges Lebensbild , das die Gräfin , indem sie Fragen von links und rechts her hervorzulocken wußte , nach und nach vor ihren Zuhörern entrollte , unter denen selbst Berndt , weil es menschlich schöne Züge waren , die zu ihm sprachen , ein ungeheucheltes Interesse zeigte . Lemierre , nach Poetenart , war immer ein halbes Kind geblieben . Anspruchslos , hatte sein Leben nur drei Dingen angehört : der Dichtung , der Entbehrung und der Pietät . Er war schon sechzig , als er zu Ruhm kam , aber auch dieser Ruhm ließ ihn ohne Mittel und Vermögen . Es waren kleine Summen , die die Aufführungen seiner Stücke ihm eintrugen ; empfing er sie , so machte er sich auf den Weg nach Villiers le Bel , wo seine beinahe achtzigjährige Mutter lebte . Er teilte mit ihr , plauderte ihr seine Hoffnungen vor und kehrte dann , wie er den Hinweg zu Fuß gemacht hatte , so auch zu Fuß in die Hauptstadt und an seine Arbeit zurück . Wie so viele Tragödienschreiber war er heiteren Gemütes , und seine Scherze , seine Anekdoten , seine Gelegenheitsverse belebten die Gesellschaft . So arm er war , so gütig war er ; selbst neidlos , weckte er keinen Neid . Ein Nervenleiden