daß sie nicht wieder aufstanden ; denn zur Verwirrung mußte sich der Schrecken gesellen , wenn die Flucht gelingen sollte ! Ich richtete mich von meinem Lager auf , das Herz schlug mir wild gegen die Rippen . Auf mich rechnete der Katzen-Caspar in erster Linie ; er hatte vollkommen recht : nur wenn Zwei zu gleicher Zeit losbrachen , war eine Möglichkeit des Erfolges ; ein Einzelner würde ganz gewiß keine Nachfolger finden , so mußte also einer der Aufseher , vielleicht der Wachtmeister selbst , durch meine Hand fallen . Durch meine Hand ! Wie leicht war das gedacht , gesagt ; aber würde mir in dem Augenblicke der That der Muth nicht fehlen ? Es ist wahr , ich hatte auf den Zollwächter geschossen , aber damals galt es nicht blos meine , es galt vor Allem meines Beschützers , meines Wohlthäters , meines Freundes Freiheit , und wie hatte ich dem Himmel aus der Tiefe meines Herzens gedankt , daß meine Kugel ihr Ziel verfehlt . Jetzt war nicht der bewunderte , ja ich möchte sagen , angebetete Mann mein Genosse , sondern der Katzen-Caspar ; jetzt handelte es sich nicht darum , in einem Momente der Ueberraschung auf eine dunkle Gestalt , die sich plötzlich drohend in den Weg stellt , eine Pistole abzudrücken ; es war ein wohlüberlegter Mord auszuführen , es war ein relativ Wehrloser zu erschlagen mit einem Spaten , einer Spitzaxt , einem Hebebaum , dem ersten besten gemeinen Werkzeug , das dem Mörder in die Hand kam ! Und schließlich , ich hatte mir alle Mühe gegeben , meinen Schließer zu hassen , ich hatte es nicht vermocht . Durch all ' seine Grobheit klang so viel echte Güte hindurch , daß mir schon manchmal vorgekommen war , als habe er sich nur , weil er wußte , wie weich er war , in dieses stachelige Kleid gehüllt . Und wenn ich nicht auf dem besten Fuße mit ihm stand , an wem lag es , als an mir , der ich sein Entgegenkommen so schnöde zurückgewiesen ? Er hatte es mich nicht entgelten lassen ; er hatte sein rauhes , gewiß ehrlich gemeintes Wohlwollen keinen Augenblick verleugnet ; er hatte mich , wenn ich von seiner sonderbaren Ausdrucksweise absah , stets behandelt nicht wie ein Wächter seinen Gefangenen , sondern , ich möchte sagen , wie ein alter treuer Diener , der sich Manches herausnimmt und herausnehmen darf , seinen ihm anvertrauten jungen Herrn , der nicht gut gethan hat und den er auf gute Manier zur Raison bringen soll . Und manchmal während der Arbeit ruhten seine hellen blauen Augen mit einem so sonderbaren Ausdruck auf mir , als sage er immerfort vor sich hin : Armer Junge , armer Junge ! und als hätte er am liebsten seinen Zollstock aus der Hand gelegt und statt dessen meine Spitzaxt ergriffen und für mich die Arbeit gethan . Ja , schon ein paar Mal hatte er , wenn wir zusammen zurückgingen , zu mir gesagt : » Nun , hat man es noch nicht bald satt ? « und dann wieder : » Man sollte nicht über Gebühr eigensinnig sein und dem Herrn Rittmeister « - der Wachtmeister nannte seinen ehemaligen Officier nur im äußersten Nothfalle Director - » und sich selbst das liebe Leben sauer machen . « - » Wie so dem Herrn Rittmeister ? « hatte ich gefragt . - » Man will es nicht verstehen « , hatte der Alte geantwortet und hatte dabei ganz melancholisch ausgesehen . Ich wollte es nicht verstehen ! das war nur zu richtig . Aber , weil man sich die Mühe giebt , etwas nicht verstehen zu wollen , versteht man es darum weniger ? Welches immer der Grund oder die Gründe sein mochten , aus denen die Theilnahme des Directors an mir und meinem Schicksale hervorgingen - konnte ich mich dagegen verschließen , daß diese Theilnahme vorhanden , daß sie in der herzlichsten , gewinnendsten Weise an den Tag gelegt wurde ? Noch klangen seine Worte , noch klang der Ton , in welchem er sie gesprochen , in meinem Ohr , und dieser Ton hatte mich so lebhaft an den Klang der Stimme des Mannes erinnert , der nun einmal mein Held gewesen und noch war . Ja , je öfter ich den Director sah - und ich sah ihn jetzt fast täglich - um so mehr fiel mir die Aehnlichkeit auf , die er mit seinem unglücklichen Bruder hatte . Es war dieselbe hohe Gestalt , nur daß Krankheit und angestrengteste Arbeit , vielleicht Kummer und Sorgen die stolze Kraft gebrochen ; es war dasselbe Gesicht , nur viel edler , viel milder ; dieselben großen dunklen Augen , nur daß sie so viel ernster , schmerzensreicher blickten . Und diese Augen hatten mich , wenn der Mund auch seitdem geschwiegen , jedesmal so freundlich gegrüßt - und diese Augen blickten mich an in dieser schrecklichen Nacht , in welcher ich mit dem Versucher rang ; sie blickten mich an sanft und traurig und fragten : Das könntest Du thun ? Das auszudenken hättest Du das Herz ? Das auszuführen die Hand ? Aber ich will frei sein , ich muß frei sein , schrie es in mir . Was kümmert mich der Wahnsinn eurer Gesetze ! Habt ihr mich zur Verzweiflung gebracht , nun wohl , so könnt ihr von mir auch nur die Thaten eines Verzweifelten erwarten . Aus der Schule hierher - aus einem Gefängnisse in das andere ! Ich habe die eine Tyrannei abgeschüttelt , weil sie mir unerträglich war ; soll ich mir diese gefallen lassen , die so viel schwerer auf mir lastet ? Und ich sollte der Gewalt nicht mit Gewalt begegnen dürfen ? Was würde der wilde Zehren thun , wenn er noch lebte und seinen Liebling - denn das war ich - im Kerker wüßte ? Er würde mich zu befreien suchen , und sollte er das