selbstverständlich der Beisetzung beiwohnen wollen . Um sie her scharten sich die gewaltigen Häupter des Waldes , hier und da noch rosig betupft von einem verblassenden , letzten Sonnenstrahle . Weit , weit da drüben schloß sich erst ein lichter Streifen an die dunkeln Massen , dort lag L. mit seinem stolzen , hochgelegenen Schlosse , dessen lange Fensterreihe eben noch einmal feurig aufblitzte und dann erlosch ... Und dort türmte sich der Berg mit den Gnadecker Ruinen , aber der Wald verbarg die traute Heimat ; nicht einmal die weithin sichtbare Fahnenstange war von hier aus zu entdecken . Die Hoffnung , gesehen zu werden , gab Elisabeth sofort auf , und ihr schwacher Hilferuf , das sagte sie sich ebenfalls , mußte ungehört verhallen , denn der Turm lag ja so tief versteckt im Forste , keine belebte Fahrstraße führte in der Nähe vorüber , und wer betrat wohl bei hereinbrechendem Abende noch die stillen Wege , die kein anderes Ziel hatten , als den Nonnenturm ? Trotzdem machte sie einen Versuch und schickte einen Ruf hinaus in die Lüfte . Wie schwach klang er ! Es kam ihr vor , als hätten ihn die nächsten Baumkronen eingesogen ; er hatte nur einige Raben in der Nähe aufgeschreckt , die nun krächzend über dem Haupte des jungen Mädchens wegflogen , dann war es wieder still , schaurig still . Die Lindhofer Kirchenglocken waren verstummt . Im Westen glimmte ein schwaches Rot , einige kleine Wölkchen zart besäumend , der Wald aber lag bereits im tiefen Abendschatten . Ratlos schritt Elisabeth auf dem Plateau des Nonnenturmes hin und her . Manchmal blieb sie an einer Ecke stehen , in deren Richtung das Lindhofer Schloß liegen mußte - denn das war dem Nonnenturm noch am nächsten - und erhob ihre Stimme zu erfolglosen Hilferufen . Endlich gab sie die Bemühung auf und setzte sich auf die Bank , welche , in die äußere Mauer des Treppenhauses eingefügt , von dem überstehenden Schieferdache desselben so ziemlich gegen Wind und Wetter geschützt wurde . Sie fürchtete nicht , die Nacht hier oben zubringen zu müssen , denn es lag wohl auf der Hand , daß man sie im Walde suchen würde . Bis man sie in ihrer Haft entdeckte , welche Stunden qualvoller Ungewißheit und Befürchtungen mußten die Ihrigen durchleben ! Dieser Gedanke ängstigte sie unbeschreiblich und steigerte ihre nervöse Aufregung . Alle heute empfangenen Eindrücke waren ja so schrecklicher Art gewesen , und sie mußte alles allein , ohne jedwede Stütze , als die ihrer eigenen moralischen Kraft , durchkämpfen ... Noch zitterten ihre Kniee infolge des letzten Angstmomentes ... Was mochte Berthas plötzlichen Wahnsinn zum Ausbruche gebracht haben ? Sie hatte von einem Herzen gesprochen , das Elisabeth ihr geraubt habe ; war wirklich , wie die Mutter in der letzten Zeit öfters die Vermutung ausgesprochen hatte , Hollfeld in die dunkle Geschichte verwebt ? Bei dem Gedanken an ihn tauchten alle die schmerzlichen Empfindungen wieder auf , die ihr Inneres heute durchstürmt hatten . Jetzt aber , wo sie still und unbeweglich an die Mauer gedrückt dasaß , dem dunkelnden Himmel näher gerückt , kein Zeichen des Lebens um sich fühlend , als das Wehen der feuchten Nachtluft , die schmeichelnd über ihr heißes Gesicht strich , jetzt brach der finstere Trotz , mit welchem ihr zertretenes Herz sich zu waffnen gesucht hatte , und ihre Augen wurden feucht ... Es war nun alles , alles vorüber ; sie hatte heute mit den Bewohnern von Lindhof gebrochen für alle Zeiten ! Helene hatte sie ihr Ideal geraubt , und Herrn von Walde , der gewähnt hatte , sie mit seiner in Gnaden gewährten Einwilligung zu beglücken , ihm hatte sie diese Gabe vor die Füße geworfen ... sie hatte ohne Zweifel seinen Stolz tief verwundet . Wahrscheinlicherweise sah sie ihn nie wieder ; er reiste fort und war froh , draußen den unangenehmen Eindruck los zu werden , welchen ihm das undankbare Benehmen der armen Klavierspielerin gemacht hatte . Sie bedeckte das Gesicht mit beiden Händen , und die Thränen drangen zwischen den schmalen , weißen Fingern hervor . Inzwischen dämmerte die Nacht herein ; es wurde jedoch nicht völlig dunkel . Die schmale Mondsichel stand am Himmel , und die anderen leuchtenden Wanderer traten hervor und wandelten ihre Bahn , nicht ahnend , daß der mit ihnen im All kreisende Planet , die Erde , Millionen kleiner Welten in sich schließt , deren jede ihre Höhen und Tiefen , ihre brausenden Meereswogen mit Ebbe und Flut , ihre gewaltigen Stürme , selten aber die heilige Stille des Friedens hat . Im Turme wurde es lebendig . Aengstliches Stöhnen und leise Klagelaute drangen heraus . Es polterte schwerfällig auf der Treppe , schlug klatschend gegen die inneren Wände und klopfte an die Thür : die Eulen und Fledermäuse wollten ihre Abendbesuche machen und suchten vergebens den gewohnten Ausweg . Auch drunten im Walde knisterte und rauschte es ; das Wild brach aus dem Dickicht und schritt in vollkommener Sicherheit über die Lichtung ... Aus weiter Ferne , von Osten her , da , wo der Wald fast noch in unberührter Urwüchsigkeit und Wildheit in tiefe Thäler hinabstieg und an den jenseitigen Bergen ungebändigt wieder hinaufkletterte , klang bisweilen ein schwacher Knall herüber . Elisabeth schmiegte sich dann jedesmal leise erbebend fester an die Mauer , unter das schützende Vordach , als könne irgend ein unheimliches Augenpaar von dort herüber bis zu ihr dringen ; die dort jagten , hatten gebrochen mit dem Gesetze . Noch kam keine Hilfe . Ihre Sorge , daß sich die Eltern ängstigen könnten , war sonach ganz unbegründet gewesen . Auf alle Fälle vermuteten sie die Tochter noch im Schlosse , waren vielleicht sehr ungehalten über ihr Ausbleiben und warteten möglicherweise bis um zehn Uhr auf ihre Heimkehr . So konnte Mitternacht herankommen , bis man sie erlöste . Es wurde empfindlich kühl . Fröstelnd zog sie die leichte Mantille über die Brust zusammen