ungeheuren Wellen von Laub über die Abhänge des Odenwaldes bis zu den Wiesen an ihrem Fuß hinabstieg . Einzelne kahle Felsen erhoben sich hier und da über diese Waldungen , und auf anderen Punkten war der Kamm der Berge mit Nadelholz wie mit einer schwarzen Linie eingefaßt , die eine scharfe Grenze zwischen dem Blau des Himmels und der schillernden Bronzefarbe des Laubholzes zog . Auf den Wiesen blühte in Menge die Herbstzeitlose und auch hier , wie bei den Bäumen , zeigte der Mangel an frischem Grün , daß das Spätjahr und nicht der Frühling die Herrschaft führe , denn statt mit üppigem Graswuchs war der ganze Boden mit diesen kleinen lilafarbenen Blumen , wie mit Urnen von Amethysten übersäet . Auf einem Felsenvorsprung des Berges , umrauscht von wogenden Wäldern , lag Schloß Stamberg mittelalterlich hoch und herrisch , wie ein Leuchtturm auf einer Klippe im Meere . Juliane hatte es vortrefflich in Stand gehalten , hatte es nicht mit sich alt werden lassen nach Art der meisten alten Leute . Was sie auf Erden vielleicht am herzlichsten liebte , war eben Stamberg , denn es gehörte ganz und ungeteilt ihr , sie konnte damit schalten und walten und fand nie einen Widerspruch . Dafür war es denn auch gepflegt wie ein Schmuckkästchen , prächtig und doch nicht überladen eingerichtet , großartig und doch bequem . Das Ganze hatte einen anziehenden Charakter von romantischer Einsamkeit ; die bewaldeten Hügel und Kuppen des Odenwaldes , von Wiesentälern durchbrochen , stiegen herab bis an die Bergstraße , und jenseits derselben breitete sich die weite Ebene , das Stromgebiet des Rheins aus , am westlichen Horizont begrenzt von dem bläulichen gewellten Streif der Vogesen . Hyazinth brachte einen Teil der Vakanzen in Stamberg zu . Während der ersten Wochen war er bei Onkel Levin gewesen . Uriel hatte gewünscht , der verehrte Onkel möge dann mit Hyazinth nach Stamberg kommen ; aber Levin entgegnete : » Die Nahrung der sinkenden Flamme meines Lebens ist das heilige Meßopfer . Seitdem ich geistlich bin , war ich so glücklich , keinen Tag zu verleben , ohne es darzubringen . Es ist mir notwendiger geworden , als das tägliche Brot . Wenn Du auf Stamberg eine Kapelle haben wirst und wenn Gott es so fügt - dann komme ich und lese dort die heilige Messe . Aber bis dahin weiche ich nicht von hier . « » Du bist hier aber so einsam , lieber Onkel , « sagte Uriel zärtlich , » daß ich mir fast eine Gewissenssache daraus mache , Dir den Hyazinth zu entführen . « » O lieber Sohn , « sagte Levin lebhaft , » wähne das nicht ! ich bin unter einem Dach mit dem lieben Gott im hochheiligen Sakrament - wie könnte ich mich einsam fühlen ! - Bedenke doch die lange Gewohnheit von fast fünfzig Jahren ! « setzte er hinzu , um nach seiner Weise vor jedem menschlichen Auge die Glut und Innigkeit seiner Andacht zu verschleiern . So waren denn die Brüder auf Stamberg und beide froh eines Beisammenseins , das sie seit Jahren nicht genossen , weil Uriels Urlaubszeiten nie mit den Vakanzen des Seminars zusammengestimmt hatten . Uriel freute sich , in Hyazinth gleichsam eine neue Auflage von Onkel Levin zu sehen , dieselbe Reinheit , dieselbe Einfachheit , dieselbe Geistesstille bei intensivstem inneren Leben , dieselbe Bereitwilligkeit zu jedem Opfer , zu jeder Hingebung , dieselbe frohe Verzichtung auf alles , wodurch das Reich Gottes , weder in eigener Seele noch in fremden , gefördert wurde . Hyazinth freute sich wohl auch über Uriel - aber mit gemischter Freude . So lange Uriel eisenfest an dem Glücksprogramm hielt , welches er sich verfaßt hatte , war er da auf dem Wege zu Gott ? Und wenn es im Plane Gottes lag , dies Programm nicht zur Ausführung kommen zu lassen , wie würde Uriel die Vereitelung seiner Wünsche und Hoffnungen aufnehmen ? Es war beängstigend für Hyazinth , zu sehen , in wie hohem Grade Regina den Schlußstein in Uriels Glücksgebäude bildete . Das sollte nicht sein ! sprach er oft mit heimlicher Trauer zu sich selbst . Dabei kommt die Hingebung in den Willen Gottes und der heilige Gleichmut offenbar zu kurz ! - Der gute Hyazinth bedachte nicht , daß die Leidenschaft in ihrem eigensüchtigen Durst nach Glück eine Art von Verachtung gegen jenen geheiligten Gleichmut empfindet , welcher nur in solchen Seelen wohnen kann , deren selbstloses Glück darin besteht , den Willen Gottes zu tun . Der gute Hyazinth dachte ganz einfach , was vermutlich manche Leserin höchst prosaisch finden wird : wenn es Uriels Bestimmung sei , in den Ehestand zu treten und die Last des Familienlebens für die Windecker auf seine Schultern zu nehmen : so sei es nicht durchaus notwendig , daß gerade Regina , und nur sie , dies Leben mit ihm teile ; es gebe ja noch andere liebe , fromme Mädchen in der Welt , mit denen er glücklich werden könne . Hyazinth hatte einmal bei passender Gelegenheit eine derartige Andeutung gemacht , die aber mit einer so souveränen Verachtung von Uriel aufgenommen worden war , daß Hyazinths Bekümmernis stieg . Er war jetzt im Begriff , in den nächsten Tagen nach Würzburg zurückzugehen ; und zwar zum letztenmal in ' s Seminar , da er im nächsten Frühling die Priesterweihe empfangen sollte . An jenem schönen Tage saßen die Brüder in einem Erker von Uriels Zimmer , der die schönste Aussicht gewährte und mit kühnem Vorsprung aus der Mauer über dem still rauschenden Walde schwebte , der in der Umgebung des Schlosses zu einem herrlichen Park umgeschaffen war . Sie betrachteten Zeichnungen zu einer Kapelle , welche Uriel bauen und dazu einen alten Turm benützen wollte , der vielleicht in katholischer Zeit dazu gedient hatte , jetzt aber zu den Stallgebäuden gehörte . Uriel hatte schon andere Pläne und Zeichnungen anfertigen lassen , und Hyazinth sagte mit einiger Verwunderung :