ich das kleine kunstreiche Pult betrachte , so denke ich oft , ich müsse die Spur ihrer Thränen noch darauf entdecken können ; und als ich sie heute Morgen wirklich entdeckte , erschrak ich fast ; denn ich hatte vergessen , daß es meine eigenen waren . Den Harfion hat mir ein Mönch aus der Abtei Tabor neu besaitet . Er lehrt mich die Stimmung und die eigene Weise , ihn zu spielen . Schon habe ich Fortschritte gemacht - da ich aber nur in Eudoxiens Zimmer spiele , so ist mein Fleiß nicht groß . « In dieser Weise waren viele Blätter angefüllt , zierlich und fein geschrieben mit der eigenthümlichen Geradheit der Linien und Buchstaben , die ihren Schriftzügen fast eine Portraitähnlichkeit mit ihrem ganzen Wesen gaben . Leonin vertiefte sich in sie , und die nur verdeckt liegende Empfindung für sie wurde erweckt durch das süße kleine Wellengekräusel ihrer Worte . Er fühlte sich der Liebende wieder , und was er schrieb , trug den Karakter dieser Empfindung . Als Leonin am andern Morgen sich anschickte zu seiner Mutter zu gehn , war er fester , wie früher , entschlossen , ihr jeßt selbst seine Verbindung mit Fennimor anzuzeigen und ihren Rath , ihren Beistand zur Ausgleichung dieser Verhältnisse aufzurufen . - Gehoben durch diesen Entschluß , fühlte er sich zufriedener , und sein Ausdruck gewann unwillkürlich an Ernst und Würde . - Als er den kleinen Salon betrat , in welchem die Marschallin ihre Morgenstunden zubrachte , ruhte sie behaglich auf einem Armstuhle in der Mitte des Zimmers , dem Fenster zunächst , an welchem Mademoiselle Louise auf einer kleinen Erhöhung saß , in eine nebelartige Draperie gehüllt , das Haar halb aufgelöst und mit einigen Blumen phantastisch geschmückt . Vor ihr saß ein junger Mann mit Palette und Pinsel und vollendete vor dem reizenden Originale ein großes Portrait der liebenswürdigen Louise . Die Marschallin überlief ihren Sohn nur mit einem Blicke und wußte gleich , es solle heut ' Entdeckungen geben , die sie nicht hören wollte . Sie erhob daher ihre Stimme augenblicklich noch mehr als zuvor , um dem Sohne anzudeuten , daß sie inmitten einer Rede sei und reichte ihm blos lächelnd die Hand zur Bewillkommnung . » Ich sage Ihnen aber , mein lieber Lesüeur , Ihre ewigen Grillen mit dem armen Lebrun sind aus der Luft gegriffen - er denkt nicht daran , Sie beim Könige verkleinern zu wollen ! Gestern Abend noch sagte Seine Majestät , er habe von dem schönen Portrait gehört , das Sie von Mademoiselle Louise machten , und ich erhielt die Erlaubniß , es ihm präsentiren zu dürfen . « - Der Eindruck , den Lesüeur von dieser Hoffnung erhielt , war sichtlich erheiternd . Er stand auf und neigte sich tief vor der Marschallin , und Leonin hatte nun Gelegenheit , sich dem berühmten Künstler zu nahen , dessen damals sehr bewunderte Bilder aus dem Leben des heiligen Bruno für das Karthäuserkloster in Paris , ihn zu einem Rival Lebrun ' s gemacht hatten , dessen glänzendes Genie Keinen neben sich dulden wollte . Aber schon trug Lesüeur die Farbe der Krankheit , die seinem Leben ein frühes Ziel setzte , auf dem Antlitze . Seine Wangen waren eingefallen , und ein Paar kränklich rothe Flecke unter den Augen contrastirten , Unheil verkündend , mit der gelblichen Farbe der Haut . Doch konnte Niemand dieses edle Opfer unermüdlichen Fleißes ohne Antheil und Achtung betrachten . Diese seelenvollen , großen , schwarzen Augen schienen um den Mangel der physischen Kraft zu klagen , die der sprudelnde Geist zu seinen Schöpfungen begehrte . - Seine schlanke , magere Figur war frühzeitig gebeugt , seine Kleidung immer zu weit , und wenn auch sauber , doch zerstreut angelegt , ohne die Verheerungen zu verbergen , welche schon von dem Vorschreiten der Krankheit zeigten . Seine Sprache war abwechselnd rauh , oder leise und schwach , die kleinste Veranlassung schreckte ihn auf und erfüllte ihn mit Einbildungen . Er hielt sich verfolgt und gekränkt , er mißkannte seine Erfolge und glaubte sich von Niemand geschätzt und gewürdigt . Auch that Lebrun Manches gegen , Nichts für ihn , welches ihm um so leichter durchzuführen wurde , als er der Modemaler geworden war , dessen Name die Menge von der Nothwendigkeit erlöste , selbst zu prüfen und ihr die Bequemlichkeit sicherte , eine Bewunderung zeigen zu dürfen , die sie nicht nöthig hatte zu beweisen ; da der Name Lebrun für ihre fehlende Beurtheilung gut sagte . Eben hatte Lesüeur der Marschallin geklagt , wie Lebrun ihn verfolge , und Wahrheit und Täuschung mengten sich krankhaft durch einander , was die kluge Frau , die herrschende Mode , Künstler und Gelehrte zu beschützen , mitmachend , mit voller Beredsamkeit in Lesüeur zu mildern gesucht hatte . » Hier , mein Lieber , « sprach sie zu ihrem Sohne - » eilen Sie , die angenehme Bekanntschaft unsers berühmten Lesüeur zu machen und bewundern Sie dann das bezaubernde Bild von Mademoiselle Louise , welches wir ihm verdanken werden . « Dies that Leonin mit der ganzen Freundlichkeit , die seinem wohlwollenden Herzen so natürlich war , und berührte dadurch das Gemüth des Künstlers wahrhaft erquickend ; aber noch wohler that ihm das Entzücken , mit welchem Leonin das Portrait seiner geliebten Louise betrachtete , das , wenn auch im Geschmacke der Zeit etwas nebelartig und phantastisch aufgefaßt , doch keinem Zeitgenossen anders , als ein vollendetes Kunstwerk erscheinen konnte . Er nöthigte Lesüeur , an seine Arbeit zurück zu kehren , und nahm an seiner Seite Platz , mit Interesse die fortschreitende Arbeit des Künstlers verfolgend . » Und dieser Mann , den Sie mit Recht so bewundern , mein Sohn , « - fuhr die Marschallin im trockenen Protektionstone fort - » können Sie denken , daß er mich den ganzen Morgen schon in Arbeit erhält , um ihm seine thörichten Einbildungen zu verjagen , weil er sich überredet