da , « sagte er , » da , lesen Sie ! Ist dies die Sprache einer Tochter Zions ? Darf ein Mädchen so reden und schreiben , wenn nicht einstürzen sollen die Mauern der Tempel und wehe schreien die Todten in den Gräbern ? « » Nein , « versetzte Bardeloh ganz ruhig , » eine Tochter Zions dürfte so wahrscheinlich nicht schreiben , wie dieser Brief geschrieben sein mag , den ich nicht lesen kann , weil Sie ihn mir nicht geben , aber einer Tochter unserer Stadt darf so etwas wol erlaubt sein . « » Erlaubt , sagen Sie , « schrie der Pietist , » erlaubt ! Was ich hören muß ! Dacht ' ich ' s doch . Freilich ! freilich ! Hier ist das Gehennah der neuen Welt , wo ausgebrütet werden die Teufeleien der Vernunft ! Sie sind der Satan , der da verführet alle Kinder des Lichtes und umhergehet nicht wie ein brüllender Löwe , sondern wie ein schleichender Fuchs und suchet , welch ' Mägdlein er verführe mit seinem Streicheln . Daß Dich zermalme die Brut Deiner Gedanken ! Daß Du vermaledeit werdest von dem Fluch Deines eigenen Geistes ! Sie sind schuld an meiner Mündel Verworfenheit , denn hier hat sie kennen gelernt den Gabriel , welcher ihr verkündigte den Wahnwitz der Freiheit . Jetzt habe ich Dich erkannt und will prickeln an Deinem Leibe , bis er zusammenfällt , wie ein Häufchen Asche , das da nichts ist , als gar Nichts - « » Bemühen Sie sich nicht , lieber Steinhuder , « fiel Bardeloh dem Eifernden in die Rede , an dessen Gesalbader sich der kleine Felix königlich ergötzte . » Was Sie thun , ist mir gleichgiltig . Eifern und Schimpfen hält die Welt nicht auf in ihrem Gange , und wenn Lucie so frei und kräftig gewesen ist , sich Ihrer Macht zu widersetzen , so muß ich das Mädchen nur achten . Denn es gehört wahrlich eine hohe Tugend dazu , rein zu bleiben unter solchen äffischen Grimmassen , wie Sie uns hier eben zum Besten gegeben haben . « - Steinhuder war entwaffnet durch diese offene Erklärung . » So , « sagte er , zusammenklappend , wie eine Claque , » so ! Ich sehe mich also am Ziele und darf nicht ferner hoffen , Sie zu bekehren ! « » Ganz und gar nicht , « warf Bardeloh ein . » Darf ich Ihnen etwas geräucherten Lachs anbieten ? « » Danke , danke - ich will nicht essen mit den Gottlosen . « » Ganz nach Belieben . Sehen Sie nicht , wie sich mein Junge über Ihre Thorheiten freut ? « » Darob ihn Gott strafen wird an seinem sterblichen Leibe ! « » Danke für Ihre gute Meinung von Gottes Barmherzigkeit ! « » Vater , « sprach Felix , » da las ich einmal in einem Buche von Eulenspiegel , der ein ganzer Narr gewesen sein soll , und auch hier in Köln . Ist Steinhuder vielleicht eine verbesserte Auflage dieses Eulenspiegels ? « » Die Kinder werden klug und die Alten einfältig , « rief der Pietist , » das ist die Zeit , von der geschrieben stehet : sehet Euch vor , denn der Welt Untergang ist nahe ! « - Mit diesem heroischen Entsagungsspruche zog sich Steinhuder zurück . Wir erfuhren am nächsten Tage , daß Lucie von ihm enterbt sei . Ihr eigenes Vermögen hat er gerichtlich an Bardeloh gegeben , und den blöden Friedrich zu seinem Universalerben eingesetzt , damit er » ruhig seine Geige stimmen und spielen könne zum Lobe des Herrn « lautet die Formel . So wäre denn ein Knoten gelöst . Lucie ist frei , Steinhuder für uns nicht mehr als vorhanden zu betrachten , nur durch Friedrich hängt er unmittelbar noch zusammen mit unserm Kreise . - Nächstens erhält Raimund von mir einen Brief . Er wird Dir mittheilen , was sich ferner begibt . Ich bin müde des Wartens und sehne mich nach der Stunde der Befreiung . Dieses Hoffen ist peinigend und erzeugt in mir eine Angst vor dem Nächsten , die mich wie eine düstere Prophezeihung auf jedem Schritte verfolgt . Möchte nichts Gewaltsames geschehen und Bardeloh noch bewogen werden , uns zu begleiten . Rosalie ist sehr betrübt , da sie nun allein zurückbleiben muß . So ist auch die gerechteste Freude nicht denkbar ohne das bitterste Schmerzgefühl ! - 15. An Raimund . Anfang Januar 18 - Mit innigem Dank seh ' ich die Zeit immer näher herankommen , wo ich vom Hoffen zum Handeln übertreten werde . Ein solches Renegatenthum ist wohl noch erlaubt in unsern Tagen , so geringen Beifall es auch bei der großen Menge finden möchte . Aber ich bin auch bereits freiwillig aus allen Banden geschieden , die mich noch fest verknüpften mit dem europäischen Leben . Im Herzen traure ich um den Verlust meiner Heimatherde , aber der Geist erhebt mich hoch über die Qual des Augenblickes und läßt mich der Zukunft goldene Träume in feste Formen zwingen . Das ist meine amerikanische Thatenlust , die erst erwachen kann , sobald ich gänzlich todt bin für Europa . - Darum begrüßte ich auch den ersten Sonnenstrahl dieses neuen Jahres mit einem stillen Jauchzen , in dem die Verheißung einer neuen Lebensära für mich lag . Nicht ohne Schmerz war dies Gefühl , aber es war nur der Schmerz der Größe , der mich bewegte . Er drückt nicht nieder , sondern erhebt , und erhaben wandele ich seitdem auf den Palmenzweigen meiner eigenen Gedanken . - Nach den stillen Beobachtungen , die ich in den letzten Wochen angestellt habe , reut es mich fast , daß ich Bardeloh zur Auswanderung nach Amerika zu bewegen suchte . Er war früher zwar sinnender , mehr dem finstern Grübeln ergeben , als jetzt , aber es verbreitete sich doch auch eine gewisse Ruhe über sein ganzes Wesen .