Marmor in verschiedenen Farben bekleidet , eine goldne , sogenannte ewige Lampe schwebte von der hochgewölbten Decke herab , und beleuchtete , nie verlöschend , das uralte auf Goldgrund gemalte Muttergottesbild über dem kleinen Hausaltare von Malachit , den kunstvolle Stickereien und die köstlichsten Spitzen aus Brabant zwar bekleideten , aber nicht verdeckten . Frische Sträuße von blühenden Myrten und weißen Lilien prangten vor dem Altargemälde in gleich Diamanten blitzenden Vasen vom reinsten Bergkrystall , und ein golddurchwirkter persischer Teppich lag unter dem Betschemel vor dem Altare hingebreitet . Zu Richards finstern Gedanken , welche unablässig Tag und Nacht ihn verfolgten , wollte diese unerwartete ihm entgegen leuchtende Pracht wenig stimmen . Geblendet senkte er die Augenlieder ; der bis zu ihm dringende Weihrauch und Lilienduft wirkte betäubend auf seine Sinne , ihm wurde sonderbar zu Muthe , als sei nun alles überstanden , als schwebe er , von jeder Sorge entfesselt , an der Schwelle einer höheren Welt . Ausruhend wollte die müde Seele in einen traumähnlichen Zustand schon sich versenken , als ein blendenderes Licht Richards halbgeschlossene Augen fast schmerzhaft berührte . Er fuhr auf , die höher steigende Morgensonne hatte in diesem Augenblicke die in alter Glasmalerei prangenden Scheiben eines großen Fensters , dem Altare gegenüber , erreicht , und übergoß nun das Innere des Tempels mit einem , in allen Farben des Regenbogens glühenden Lichtstrome . Jetzt erst , umgeben von diesem Meere von Glanz , wurde Richard einer wahrhaft himmlischen Gestalt gewahr , die halb knieend in betender Stellung auf dem Betschemel vor dem Altare hingesunken dalag . Im ersten Augenblicke glaubte er einer Erscheinung aus höheren Sphären gewürdigt worden zu sein , denn er sah das schöne Köpfchen von einer Strahlenglorie umgeben , wie Maler ihren Heiligen sie verleihen , um von gewöhnlichen Erdensöhnen und Töchtern sie zu unterscheiden . Es war Helena , die hier in heiliger Morgenfrühe zu Gott sich wandte , ehe sie dem Treiben des geräuschvolleren Weltlebens sich überließ . Die durch das gefärbte Glas hinter ihr einfallenden Sonnenstrahlen , die in den noch nicht gefesselten Locken gleichsam gefangen , jedes einzelne Haar in magischem Lichtglanze verklärten , brachten jene anmuthige Täuschung hervor . Der übrige überschwängliche Reichthum von Locken und Flechten war größtentheils durch eigene Schwere dem Kamme entschlüpft , der ihn zusammen halten sollte , und wallte in reizender Unordnung über dem schneeweißen , wie aus Luft gewobenen Morgenkleide hin , das die liebliche Gestalt in breiten malerischen Falten umfloß , fast bis zu den von den zierlichsten seidenen Pantöffelchen nur eben umfangenen Spitzen der Füßchen . Schöner , lieblicher , ich möchte sagen , anbetungswürdiger , wenn das nicht gar zu altmodisch klänge , als in dieser ungesucht-einfachen , jeden Reiz bezeichnenden , und doch so bescheiden züchtigen Kleidung , hatte Richard seine Helena nie gesehen . Aller Hoheit entäußert , durch welche Reichthum und Rang in der Welt sie auszeichneten , und die sie im täglichen Leben mit so viel Würde und Anmuth geltend zu machen wußte , erschien sie ihm hier , in anspruchsloser rührender Einfachheit , ein Lieblingskind der Natur , leichter , jünger sogar als sonst , ein lächelnder Engel , an der Gränze der Kindheit , mit klaren hellen Augen , mit rothgeschlafenen Wangen , so ruhig , so heiter , als habe ihrem kurzen schönen Leben weder Sorge noch Widerwärtigkeit jemals genaht , als ob sich und Andere erfreuen der einzige Zweck ihres Daseins wäre , als könne kein Morgen anders als Glück verkündend ihr aufgehn . Die schön geformten , in dieser frühen Tageszeit weder mit Ringen noch Spangen belasteten Hände , ruhten zu beiden Seiten auf den Blättern des auf Pergament geschriebenen Gebetbuchs , das in alterthümlicher Pracht , in Sammt und Gold , Emaille und Edelsteinen prangend , auf dem Betpult aufgeschlagen vor ihr lag ; fromm und ernst hafteten ihre Augen auf den von längst in Staub zerfallenen Händen zierlich gebildeten Schriftzügen . Leise flüsternd , bewegte sich der liebliche Mund in unbeschreiblicher Anmuth . Die nämlichen Gebete , in der nämlichen Form , mit den nämlichen Worten , wie sie von Jugend auf ihr gelehrt worden waren , strömten ihr sowohl von den Lippen , als aus dem Herzen , und dies gerade war es , was der übrigens so Hochgebildeten etwas jedes Gefühl tief Ansprechendes verlieh . Vom reinsten Glauben durchdrungen , war das fromme Mädchen der festen Überzeugung , daß Gott ihr Bitten verstehe , ohne daß sie nach Worten zu suchen habe , um ihm ihre Wünsche ausdrücklich auseinander zu setzen . Und so hielt sie sich an der von Alters her ihr lieb gewordenen Formel , aus welcher ein erquicklicher Hauch ihrer Kinderjahre ihr entgegen wehte . Obgleich die mit leiser , man könnte sagen , innerlicher Stimme geflüsterten Worte , zum größten Theile unvernehmlich an ihm vorüberrauschten , so hörte Richard tief bewegt doch deutlich die Namen von Helenens Eltern und Geschwistern , wie sie nach dem vorgeschriebenen Formular der Kirche vor Gott in Demuth sie nannte ; der Name des Kaisers aber , der gleich darauf folgte , ergriff ihn mit einer Gewalt , für welche es schwer wäre Worte zu finden . Die Kniee brachen unter ihm zusammen , sein Herz entbrannte in unbeschreiblicher Inbrunst zum heißen Gebet um Abwendung jeder dem geliebten Herrscher drohenden Gefahr . Jetzt aber , jetzt hörte er und glaubte zu träumen , auch seinen Namen ; und seiner selbst nicht mehr mächtig , im Gefühle schmerzlicher , Alles überwältigender Wonne , hatte er eben nur noch Besinnung genug , diese heilige Stunde nicht durch plötzliches Erscheinen vor der Geliebten zu entweihen . Einige Minuten später rief ein leises Geräusch ihn zu hellerem Bewußtsein zurück . Zoë stand , ihm winkend , in der geöffneten Thüre , durch welche sie ihn früher hinein geführt hatte . Richard warf noch einen Blick auf den jetzt verlassenen Platz vor dem Altare , und folgte seiner jungen Führerin , die leicht wie eine Libelle vor ihm hinschwebte