soll ? Was nennst Du hintergehen ? fragte meine Mutter . Wie Ihr Euch alle vereinigtet , mir die Wahrheit zu verschweigen und ich nicht einmal den Namen meines Eidams kannte , habt Ihr alle und die fromme Tante an der Spitze daran gedacht , daß Ihr mich hintergingt ? Hat es Euch allen einen Seufzer , eine Thräne gekostet , mir das Geschick meines Kindes zu verheimlichen ? Und wenn Dir dieß damals keine Sünde schien , worin liegt denn nun das Unrecht , wenn Du dem zweiten Gemahl die Todesart des ersten verschweigst . Diese seichten Gründe meiner Mutter konnten meine Empfindung nicht ändern , aber ich fühlte , daß jeder Streit mit ihr , die entschlossen war , ihre Ansicht nicht aufzugeben , fruchtlos sein würde , und ich wollte lieber aus ihren eignen Gefühlen sie bekämpfen und sagte also : Die Verbindung mit dem Grafen , theure Mutter , können Sie selbst ja nicht wünschen , da er Protestant ist . Ich habe darüber , sagte meine Mutter , anders denken gelernt , und obgleich ich Deinen Bruder nicht mehr liebe , so würde ich dennoch verzweifeln , wenn ich mir sagen müßte , ich habe ein Kind für die ewige Verdammniß geboren ; kann also mein Sohn als Protestant die Seligkeit finden , so mag dieß meinem künftigen Eidam , den ich als besser und edler erkenne , noch leichter gelingen . Ich wollte meiner Mutter antworten , und da sie bemerkte , daß ich mich ihren Gründen nicht fügen würde , wählte sie ein anderes sicheres Mittel . Ehe ich reden konnte , kniete sie an meinem Lager nieder , faßte meine Hände und sagte , indem ihre Thränen über die von Kummer gebleichten Wangen flossen : Wenn Du denn nicht um Deinet Willen Deine unglückliche Geschichte verschweigen willst , mein geliebtes Kind , so thue es um meinet Willen ; in Deiner Hand liegt nicht bloß das Glück Deines eigenen Lebens , auch die Ruhe einer elenden , unglücklichen Mutter . Zwei Kinder habe ich geboren , eines hat mein Herz zertreten und die flehende Mutter von sich gestoßen ; soll ich Euch beide , soll ich auch Dich vor Gott verklagen , daß Du der verschmachtenden Mutter keine Hülfe leisten willst ? Nein , o nein ! rief ich , in Jammer und Thränen vergehend , mein Loos ruht in Ihren Händen , wenden Sie es , wie Sie wollen . Mit Entzücken drückte mich die Mutter an ihre Brust und ließ mich in ihre Hand einen feierlichen Eid schwören , Ihnen mein erlebtes Unglück zu verschweigen . So , mein theurer Graf , wurde unsere Vereinigung geschlossen , und da ich über die Hauptsache zu schweigen gelobt hatte , so war es mir gleichgültig , daß ich mit Ihnen als Wittwe Blainville verbunden wurde , und meine Mutter war beruhigt , da sie auf behutsame Erkundigungen , die sie durch ihren Beichtvater eingezogen hatte , erfuhr , die Ehe sei vollkommen gültig , mein Familienname sei die Hauptsache bei dieser neuen Verbindung . Meine Mutter hatte einen Augenblick den Gedanken , meinen Bruder als Zeugen bei unserer Vermählung einzuladen , und auch Sie fanden es natürlich , und ich sah wohl Ihr Erstaunen , als ich mit Schauder und Entsetzen erklärte , daß ich diesen Bruder , die Quelle alles meines Unglückes , nie wieder sehen wollte . So wandelten wir nun neben einander , und je mehr ich Ihr schönes Herz , Ihren edeln Charakter kennen lernte , um so drückender wurde mir die ausgeübte Falschheit . Meine Mutter dankte mir in jeder einsamen Stunde für das Glück , welches sich durch die liebende Sorge des neuen Eidams über den Rest ihrer Tage breitete , und ihre Aengstlichkeit ließ mich das Versprechen der Verschwiegenheit jeden Tag erneuern ; ja in der Sorge , die sie dafür trug , dieß Glück nicht wieder zu verlieren , ging sie so weit , daß sie von mir die schwärzeste Undankbarkeit forderte und verlangte , ich sollte Dübois , diesen Retter meines Lebens , gegen den sie selbst die größten Verpflichtungen hatte , von mir entfernen . Umsonst war es , daß ich ihr jeden Tag wiederholte , ein Wort von mir sei hinreichend , des guten Alten Zunge auf ewig zu fesseln , sie wiederholte mir ewig : Du hast früher Deiner Mutter nicht vertraut , und nun vertraust Du Dein und mein Glück einem Diener . Mein Herz hatte zu grausame Schläge erlitten , die Kraft der Jugend war gebrochen , es konnte kein leidenschaftliches Gefühl des Glücks mehr durch meinen Busen zittern ; mir war nur die Fähigkeit geblieben , den Schmerz auf diese Weise zu empfinden , aber die milde Wärme einer zärtlichen Freundschaft , die sanftere Empfindung einer grenzenlosen Verehrung erfüllte meine ganze Seele , und Sie , geliebter Freund , würden nicht so oft schmerzlich über die Kälte meines Herzens geklagt haben , wenn ich Ihnen in freier Hingebung , ohne Rückhalt , mein Gefühl hätte zeigen können ; aber die schönsten Augenblicke innigen Vertrauens wurden mir gestört , jeder Erguß der Herzens gehemmt durch den Gedanken : er kennt Dich nicht , er darf Dich niemals kennen , damit er Dich nicht verabscheut . Ich sah es , Sie waren nicht glücklich in unserer Verbindung , und der nagende Schmerz darüber gab mir die Bitterkeit , die ich eben so oft gegen Andere , als gegen mich selbst wendete ; und in dem Grade , wie ich die Liebe Anderer dadurch von mir entfernte , wurde ich unzufriedener mit mir selbst . Sie , geliebter Freund , hatten Geduld mit allen diesen Schwächen , Sie hofften mein Herz von seinem langen Grame zu heilen , und als meine Mutter in unsern Armen verschieden war und ihre letzten Worte uns gedankt hatten für die zärtliche Kindesliebe , die wir ihr bewiesen , da glaubten Sie , mein theurer Gemahl , durch Zerstreuung auf Reisen meinen Kummer überwinden zu