die Probe , und du wirst schwerlich einen einzigen finden , der seine prahlerische Theorie nicht durch die That Lügen strafen wird . Wie dann , Laiska ? Dein scherzender Philosoph sollte also am Ende doch noch Recht behalten ? - Ja , und Nein , sage ich ; und wenn dieß widersinnig klingt , wer kann dafür , wenn der Mensch , seiner Centaurischen Natur nach , ein so widersinnisches Ding ist , daß mein Freund Plato sich und uns nicht besser zu helfen weiß , als durch den wohlmeinenden Rath , den thierischen Theil geradezu abzuwürgen , und den geistigen allein leben zu lassen . Meine Vorstellungsart erlaubt mir nicht , so streng mit der Hälfte meines Ichs zu verfahren ; und da diese Doppelnatur nun einmal mein dermaliges Wesen ausmacht , so denke ich vielmehr alles Ernstes darauf , einen billigen Vertrag zwischen beiden Theilen zu Stande zu bringen , mit dem Vorbehalt , falls es mir damit nicht gelingen sollte , mich auf die Seite der Vernunft zu schlagen , und vermittelst ihrer Oberherrschaft über den animalischen Theil diese Sokratische Sophrosyne in mir hervorzubringen , die zwar nicht das höchste Gut , aber doch gewiß ein sehr großes und zum reinen Genuß aller andern unentbehrlich ist . Im Grunde sollte jener Vertrag so schwer nicht zu stiften seyn , da die Natur selbst in beiden Theilen schon Anstalt dazu gemacht , und dem geistigen eine sonderbare Anmuthung zu dem thierischen , diesem hingegen , trotz seiner angebornen Wildheit , eine eben so sonderbare Willigkeit sich von jenem zäumen und regieren zu lassen , eingepflanzt hat . In der That kommt in dieser Rücksicht alles darauf an , daß das Thier , wenn es seine Schuldigkeit thun soll , fleißig zur Arbeit und zum Gehorsam angehalten , aber auch wohl behandelt , gut genährt und hinlänglich gewartet werde . Sobald es merkt , daß der regierende Theil es wohl mit ihm meint , ist es folgsam und geschmeidig ; wird ihm aber übel begegnet , gleich fängt es an muckisch zu werden ; beißt um sich , schlägt aus , spreizt , bäumt und wälzt sich , und läßt nicht nach , bis es den Reiter abgeworfen hat . Ist dieser überhaupt nicht stark und verständig genug den Zügel recht zu führen und sein Thier im Respect zu erhalten , was Wunder wenn es mit ihm durchgeht , und sich gerade so meisterlos aufführt , als ob es keinen Herrn über sich erkennte ? Um diese Allegorie nicht zu lange zu verfolgen , bemerke ich nur , daß das Daseyn der Vernunft und ihr Einfluß auf unsre sinnliche oder thierische Natur sich , wie bei den Kindern schon in der frühen Dämmerung des Lebens , so bei allen , selbst den rohesten Völkern schon in den ersten Anfängen der Cultur vornehmlich darin beweist , daß sie ( wofern nicht besondere klimatische oder andere zufällige Ursachen im Wege stehen ) sich selbst und ihren Zustand immer zu verschönern und zu verbessern suchen . So langsam es anfangs damit zugeht , so schnell nimmt der Trieb zum Schönern und Bessern zu , wenn einmal gewisse Perioden zurückgelegt sind , und die Vernunft selbst in ihrer Entwicklung einen gewissen Grad von Stärke erreicht hat . Daß wir aber demungeachtet im Ganzen noch so weit zurück sind , liegt wohl hauptsächlich an der Kürze unsers Lebens , welches in Verhältniß mit allen übrigen Bedingungen , unter welchen wir es empfangen , in viel zu enge Gränzen eingeschlossen ist , als daß die Menschen ( wenige Ausnahmen abgerechnet ) große Fortschritte zur Verbesserung ihres eigenen innern und äußern Zustandes machen , oder etwas Beträchtliches zum allgemeinen Besten beitragen könnten : indessen zeigt sich doch von einer Generation zur andern ein gewisses , im Kleinen meist unmerkliches , aber im Großen ziemlich sichtbares Streben nach dem , was man füglich ( wie ich glaube ) den Zweck der Natur mit dem Menschen nennen kann . Und was könnte dieser anders seyn , als die immer steigende Vervollkommnung der ganzen Gattung , wozu jeder einzelne der einst da war , etwas ( wie wenig es auch sey ) beigetragen hat , und von welcher nun hinwieder jede neue Generation und jedes einzelne Glied derselben mehr oder weniger Vortheil zieht ? Da nichts , was einmal da war oder geschah , ohne Folgen ist , also nichts ganz verloren geht ; da jedes Jahrzehnt und Jahrhundert seine Versuche , Erfahrungen , Entdeckungen und Erfindungen den Nachkommenden zur Fortsetzung , Ausbildung , Verbesserung und Vermehrung überliefert , so kann dieß schlechterdings nicht anders seyn . Die Rückfälle , die man von Zeit zu Zeit wahrzunehmen wähnt , die alte Sage , » daß nichts unter der Sonne geschehe , « und die Abnahme der menschlichen Gattung , die man uns schon aus dem alten Homer erweisen zu können glaubt , sind nur anscheinend . Besondere Völker , einzelne Menschen können wohl in einigen Stücken schlechter als ihre Vorfahren werden ; aber das Menschengeschlecht , als Eine fortdauernde Person betrachtet , der unsterbliche Anthropodämon189 Mensch , nimmt immer zu , und sieht keine Gränzen seiner Vervollkommnung . Denn nur dem einzelnen Menschen , nicht der Menschheit , sind Gränzen gesetzt . Die Fortschritte , welche wir Griechen seit der Zeit da Europens Bewohner noch stammelnde Waldmenschen und Troglodyten waren , bis zu der Stufe , worauf wir dermalen stehen , gemacht haben , werden andre Menschen , vielleicht ganz andre Völker , nach uns in den nächsten Jahrtausenden fortsetzen , und unfehlbar wird eine Zeit kommen , wo die Menschen durch künstliche Mittel sehen werden , was uns unsichtbar ist ; wo sie Schätze von Kenntnissen , wovon sich jetzt niemand träumen läßt , gesammelt , neue Mineralien , Pflanzen und Thiere , neue Eigenschaften der Körper , neue Heilkräfte , kurz , unendlich viel Neues im Himmel , auf Erden und im Ocean entdeckt , und vermittelst alles dessen nicht nur unsre Erfindungen viel höher getrieben