beschloß sie , dorthin zu wandern . Vielleicht wußte Beate auch näheres über Lothars Reisepläne . Seine letzten Nachrichten hatte sie aus Mailand empfangen . Sie hatten sich nicht geschrieben , Klaudine und er , die junge Frau wollte es nicht . » Wir können uns ja mündlich alles erzählen « , hatte sie gebeten , » es ist das so viel schöner . Ich erfahre ja von Beate , ob du gesund bist und wo du weilst . « Sie band sich den Mantel um , schlug das Spitzentuch über den Kopf und ging hinauf , um sich von Joachim zu verabschieden . » Wo willst du hin ? « fragte er . » Zu Beate , Joachim . « Er war aufgestanden und sah sie liebevoll an . » Wie bald wird die Zeit kommen , wo du ganz fortgehst ! « sagte er . » Ich komme mir bei dem Gedanken , daß ich dich eines Tages verlassen werde , schon ganz treulos vor . « » O mein Liebling , du ahnst nicht , wie froh ich bin , dich glücklich zu wissen ! « Und er begleitete sie hinunter bis zur Gartenpforte . Es senkte sich schon die Dämmerung über die Bäume , die Wolken zogen rasch dort oben am Himmel , aber der Wind , der sie trieb , war lind und weich , und er wehte den Schleier zurück von der weißen Stirn der jungen Frau und beugte die knospenden Äste zueinander , er fuhr über das junge Gras am Wegesrand und erzählte von kommender Herrlichkeit , von Blütenpracht und Sonnenglanz . Mit eiligen Schritten kam sie daher , so schwebend und leicht , als habe sie Flügel . Sie sah bald in die Wellen des Baches , der ihr zur Seite rauschte , das letzte Schneewasser von den Bergen führend , bald in die Wolken hinauf , und Lächeln und Ernst gingen in beständigem Wechsel über ihr Gesicht . Es war ihr so eigen zumute , und einmal sagte sie halblaut : » Wenn er schon da wäre ? « Am Eingang des Neuhäuser Parkes blieb sie stehen . In der Lindenallee rauschte der Wind durch die Äste und das Schloß lag so still und so dunkel . Einen Augenblick wollte mädchenhafte Scheu ihre Füße lähmen , herzklopfend und erglühend lehnte sie an dem Sandsteinpfeiler und wagte nicht , den Fuß in den Garten zu setzen . Wieder kam es wie Ahnung über sie : » Wenn er schon hier wäre ? « Noch hatte niemand sie gesehen , das war gut ! Sie meinte plötzlich , sie müsse umkehren . Dann drückte sie sich ängstlich zur Seite , die Allee entlang kam ein Reiter in raschem Trabe . Sie erkannte ihn trotz der tiefen Dämmerung , sie wußte , wohin er reiten würde , und ein unaussprechliches Glücksgefühl bemächtigte sich ihrer . Aber er durfte sie nicht sehen . Dann schrie sie leicht auf , der Jagdhund , der in tollen Sprüngen das Pferd umkreiste , hatte sie erkannt und stürmte auf sie zu . Im nämlichen Augenblick stand das Pferd , sein Reiter warf sich aus dem Sattel und hielt die junge Frau umfaßt . » Endlich ! « sagte er . » Und du bist hier – hab Dank ! « Sie konnte nicht antworten , sie weinte nur . Und als sie langsam dem Hause zuschritten , da sagte sie endlich : » Ich habe gefühlt , daß du hier bist . Wann kamst du , Lothar ? « » Vor einer Viertelstunde , mein Lieb . « » Wo wolltest du eben hin ? « fragte sie , und ein schelmisches Lächeln , das dem ernsten Antlitz wunderbar gut stand , flog um ihren Mund . » Zu dir , Klaudine « , erwiderte er einfach . Sie lächelte ihm glückselig zu . » Und nun sollst du auch wissen , Lothar , ich habe dich schon immer geliebt . Gott sei Dank , daß er dein Herz mir zuwendete ! « » Dir zuwendete ? « fragte er bewegt . » Ich habe dich geliebt seit dem Tage , wo ich dich so unerwartet im Zimmer der Herzoginmutter traf . Weißt du noch , du sangst das › Veilchen ‹ von Mozart ? « » Und nachher : › Willst du dein Herz mir schenken ‹ . Oh , ob ich es weiß ! Aber , Lothar , wenn du mich damals schon liebtest – « » Frage nicht , Klaudine « , wehrte er , » es liegen so schwere , düstere Zeiten dazwischen , Jahre , in denen ich mehr gelitten habe , als ich sagen kann . « Sie schwieg , sah wieder zu den Wolken empor und drückte sich fester an seinen Arm . Ihr zur anderen Seite ging der Hund , hinter ihnen folgte das Pferd , dessen Zügel Lothar um den Arm geschlungen hatte . » Nur noch eines « , flüsterte sie zaghaft und sah ihm bittend in das bewegte Antlitz . » Lothar , wenn du mich liebtest , warum hast du mit schneidenden Worten mir weh getan , wo du konntest , mich vor mir selbst erniedrigt , daß ich fast verzweifeln wollte ? « Er blickte sie lächelnd an . » O du Törin , weil ich von Angst und Eifersucht gehetzt war , weil mein Herz krank war vor Sehnsucht nach dir , und weil ich sah , was kommen mußte , weil ich die Welt kannte und ihre Schlechtigkeit und wußte , daß du zu Boden geschmettert sein würdest , wenn sie hereinbrächen über dich , die Verleumdung , die Gemeinheit , weil du , trotziges Kind , es mir so namenlos schwer machtest , über dich zu wachen , endlich , weil du mich nicht verstehen wolltest . – Laß , Klaudine ! Die Zeiten liegen hinter uns . Ich habe dich und darf dein Wegweiser sein auf allen Pfaden von dieser Stunde