Er lebte ja nur für das Kind – glauben Sie mir , Fräulein , er ist imstande und macht ein Ende – mit sich ! “ „ Was soll man thun ? “ fragte sie dagegen und preßte die Hände zusammen in furchtbarer Angst . Doktor Lehmann ergriff plötzlich ihre Hand und führte sie in eine der tiefen Fensternischen . Dort öffnete er beide Flügel , so daß die im Mondlicht schimmernde weite Ferne vor ihnen sich aufthat und der würzige Duft der Frühlingsnacht hereinwehte in das Sterbezimmer , zugleich mit den Liedern der Nachtigallen , die in dem Fliedergebüsch des Schloßberges zu singen begannen . So standen sie schweigend , und eine ganze Weile verstrich , ehe der Mann zu reden vermochte , und Aenne fühlte , wie seine Rechte zitterte , die er mit festem Druck um die ihrige gelegt hatte . „ Fräulein Aenne , “ begann er endlich mit mühsam beherrschter Bewegung , „ wenn ich nun wüßte , wer der Mann ist , den Sie nie vergessen können ! “ Sie entriß ihm hastig die Hand , ihre Augen blitzten ihn durch die Thränen zornig an . „ Herr Doktor ! “ sagte sie , tief verletzt . „ Vergeben Sie mir , Aenne ; Ihre Mutter selbst hat es mir verraten im grenzenlosen Zorn und in der Bitternis um einen zerschellten Lieblingsplan . ‚ Auf das Schloß haben Sie sie gebracht ! ‘ rief sie mir zu , als ich vorhin unten war , ‚ nun , das haben Sie klug gemacht , sie zu dem zu führen um deswillen sie jeden andern verschmähte ! ‘ Es fehlte nicht viel , sie hätte mich einen Dummkopf gescholten . Sie aber , Aenne , werden zu stolz sein , das zu leugnen . Es gehe mich nichts , an werden Sie vielleicht sagen – schön ! Das weiß ich ! Aber sehen Sie Fräulein Aenne , wenn man als Arzt nur anders könnte , als an das Wohl und Wehe seiner Patienten zu denken , selbst wenn einem – dämlichen Kerl , der man ist , das Herz sich umkehrt ! Ich meine nämlich , Fräulein Aenne , da Sie ihn nun doch einmal lieben mit jener großen Liebe , deren nur ein Frauenherz fähig ist , so erbarmen Sie sich auch über ihn , dann retten sie den Mann vom Untergang ! “ Sie stand , den Rücken ihm zugewendet , aber er sah , wie sie zitterte , wie sie sich mühte , ihrer Erregung Herr zu werden . „ Was soll ich thun ? “ stieß sie endlich hervor , ohne sich umzuwenden . „ Das fragen Sie mich doch nicht , Aenne ? Wann hätte wohl je ein Mann das rechte getroffen in solchen Fällen ? Das kann nur einzig das Weib , das liebt . Sie wissen , was ihm fehlt – Freiheit , Arbeit , neuer Lebensmut , Energie – – Na , natürlich wissen Sie es , Aenne ! Nehmen Sie sich seiner an , stellen Sie den grundguten , edlen Menschen wieder auf seine eigenen Beine , das kann eine liebende Frau , gewiß kann sie das – wie ? das ist Ihre Sache . Und nun guten Morgen liebe Aenne , ich möchte ein wenig ruhen , ehe ich andere Patienten besuche . Sie wissen von Ihrem Papa her : Wenn der Totenschein ausgestellt ist , ist der Arzt überflüssig . “ Er nickte ihr zu mit seltsam zuckendem Gesicht , suchte Hut und Stock und verließ das Zimmer . Aenne verharrte regungslos , die Hände um das Fensterkreuz geschlungen , hinter ihr schlief der Kleine den ewigen Schlaf . Es war so still , so furchtbar still , sie meinte , ihr eigenes Herz pochen zu hören . „ Gott , erbarme dich , “ betete sie „ laß mich den rechten Weg finden , ihm zu helfen ! “ Im Nebenzimmer schritt Heinz Kerkow auf und ab . Ihm war zu Mut wie einem Schiffbrüchigen mitten auf dem weiten Ocean , keine rettende Planke , nichts wie Oede rings , entsetzliche lähmende Oede ; es lohnt nicht mehr , mit den Wellen zu kämpfen , die Kraft ist erlahmt . Untersinken , Frieden finden dort unten , nur nicht weiter ringen müssen in dieser Hoffnungslosigkeit . – Sterben – – Aenne hörte dieses ruhelose Wandern wohl eine Stunde lang , dann ward es still nebenan , ein Schrank wurde geöffnet , ein paar Kästen auf- und zugeschoben und nun – sie barg ihre schlanke Gestalt dicht hinter dem Fenstervorhang , nur ihr Kopf beugte sich vor mit angstvollen spähenden Augen – nun öffnete sich die Thür nach dem Sterbezimmer . Heinz trat auf die Schwelle und blickte sich um . Als er das Zimmer verlassen sah , kam er herein , ging festen Schrittes zu der Thür , die auf den Korridor mündete , verschloß diese und kehrte zu dem Bettchen seines toten Knaben zurück . Einige Augenblicke stand er und betrachtete finster die kleine Leiche , dann griff er in die Brusttasche , kniete vor dem Bette nieder und hob den Revolver . In diesem Augenblick flog es wie ein Schatten an seinem Auge vorüber eine kleine energische Hand drückte kraftvoll seinen Arm herab und eine klare Frauenstimme sagte : „ Seit wann bist du ein Feigling , Heinz Kerkow ? “ – – – – – – – – – – – – – – – Beim ersten Morgensonnenstrahl kehrte Aenne zurück in ihr Heim . Das Haus war noch verschlossen , ebenso die Läden , nur in des Doktors Zimmer stand ein Fenster geöffnet , und sein Gesicht tauchte hinter den Gardinen auf , als Aenne seinen Namen rief und ihn bat , die Hausthüre aufzuschließen . „ Wie ist er denn ? Sprachen Sie ihn noch ? Wie trägt er es ? “ forschte er leise , als sie eintrat . „ Wie ein Mann , “ antwortete Aenne ,