mir geschickt hat . “ „ Welche kranke Dame ? — wo wohnt sie ? “ „ In Gateshead , in der Grafschaft N. “ „ In der Grafschaft N. ? Das ist ja hundert Meilen weit ! Wer mag sie sein , die die Leute so weit zu sich rufen läßt ? “ „ Ihr Name ist Reed , Herr — Mistreß Reed . “ „ Reed von Gateshead ? Es gab einen Reed zu Gateshead , der eine Magistratsperson war . “ „ Sie ist dessen Wittwe , mein Herr . “ „ Und was haben Sie mit ihr zu thun ? Woher kennen Sie sie ? “ „ Herr Reed war mein Oheim — meiner Mutter Bruder . “ „ Zum Henker ! das sagten Sie mir ja noch nie : Sie sagten immer , Sie hätten keine Verwandte . “ „ Keine , die mich anerkennen würden , mein Herr . Herr Reed ist todt , und seine Frau hat mich verstoßen . “ „ Warum ? “ „ Weil ich arm und ihr zur Last war , und sie einen Widerwillen gegen mich hatte . “ „ Aber Reed hat Kinder hinterlassen ? — Sie müssen Vettern und Cousinen haben ? Sir George Lynn sprach noch gestern von einem Reed von Gateshead , den er als einen der ausschweifendsten jungen Leute in London schilderte , und Ingram erwähnte einer Georgine Reed aus demselben Orte , die in der letzten oder vorletzten Saison in London als eine große Schönheit bewundert worden . “ „ John Reed ist todt , mein Herr ; er richtete sich völlig und seine Familie zum Theil zu Grunde , und man glaubt , er habe einen Selbstmord begangen . Die Nachricht hat seine Mutter so erschüttert , daß sie einen Schlaganfall bekommen hat . “ „ Und was können Sie ihr nützen ? Unsinn , Johanna ! Ich würde nie hundert Meilen weit reisen , um eine alte Dame zu besuchen , die vielleicht schon todt ist , ehe Sie zu ihr kommen : und überdies hat sie Sie verstoßen , wie Sie sagen . “ „ Ja , Herr , aber das ist lange her , und damals waren ihre Umstände noch ganz anders . Ich könnte nicht ruhig sein , wenn ich jetzt ihre Wünsche vernachlässigte . “ „ Wie lange wollen Sie ausbleiben ? “ „ So kurze Zeit , als möglich , mein Herr . “ „ Versprechen Sie mir , nur eine Woche zu bleiben ? “ „ Es wird besser sein , mein Wort nicht zu geben , denn ich könnte genöthigt werden , es zu brechen . “ , ,Auf jeden Fall werden Sie doch zurückkehren ? Sie werden sich doch unter keinem Vorwande bewegen lassen , auf die Dauer bei ihr zu bleiben ? “ „ O nein ! ich werde gewiß zurückkehren , wenn Alles vorüber ist . “ „ Und wer geht mit Ihnen ? Sie werden doch nicht hundert Meilen allein reisen wollen ? “ „ Nein , Herr , sie hat ihren Kutscher geschickt . “ „ Ist es ein zuverlässiger Mensch ? “ „ Ja , Herr , er ist schon zehn Jahre in der Familie . “ Herr Rochester dachte nach . „ Wann wünschen Sie zu gehen ? “ „ Morgen in aller Frühe , mein Herr . “ „ Nun , dann müssen Sie etwas Geld haben ; Sie können nicht ohne Geld reisen , und vermuthlich haben Sie nicht viel und mir fällt ein , ich habe Ihnen noch kein Gehalt gegeben . Wie viel besitzen Sie in der Welt , Johanna ? “ fragte er lächelnd . Ich zog meine spärlich gefüllte Börse hervor . „ Fünf Schillinge , mein Herr . “ Er nahm die Börse , schüttelte den Inhalt in seine Hand und lächelte , als ob ihm der geringe Geldvorrath Freude mache . Bald darauf zog er seine Brieftasche hervor . „ Hier , “ sagte er , mir eine Banknote anbietend . Es waren fünfzig Pfund und ich hatte nur fünfzehn zu fordern . Ich sagte , ich könne ihm nicht herausgeben . „ Das ist auch nicht nöthig , “ sagte er . „ Nehmen Sie nur Ihr Gehalt . “ Ich weigerte mich , mehr anzunehmen , als er mir schuldig sei . Anfangs sah er finster aus ; dann aber schien ihm ein plötzlicher Gedanke einzufallen . „ Richtig ! “ sagte er ; „ es ist auch besser , Ihnen jetzt nicht Alles zu geben , denn vielleicht würden Sie drei Monate weg bleiben , wenn Sie fünfzig Pfund hätten . Hier sind zehn : ist es nicht genug ? “ „ Ja , Herr , aber jetzt sind Sie mir noch fünf schuldig . “ „ Kommen Sie wieder , um sich dieselben zu holen : ich bin Ihr Banquier für vierzig Pfund . “ „ Herr Rochester , “ sagte ich , „ da ich gerade jetzt die Gelegenheit dazu habe , möchte ich gleich noch eine andere Geschäftsangelegenheit erwähnen . “ „ Eine Geschäftsangelegenheit ? Ich bin neugierig , sie zu hören . “ „ Sie haben mich so gut als benachrichtigt , mein Herr , daß Sie sich in Kurzem verheirathen werden . “ „ Ja , und was dann ? “ „ In dem Falle dürfte es besser sein , Adele in eine Schule zu schicken ; ich bin gewiß , Sie werden die Nothwendigkeit einsehen . “ „ Sie meiner Frau aus dem Wege zu bringen , die sie sonst etwas zu hochmüthig behandeln möchte . Dieser Vorschlag hat Grund , daran ist nicht zu zweifeln . Adele muß , wie Sie sagen , in eine Schule geschickt werden , und Sie natürlich gerades Weges zum Teufel gehen ? “ „ Ich hoffe nicht , mein Herr ; aber ich muß mir irgendwo anders eine Stelle suchen . “ „ Natürlich ! “ rief er mit gepreßter Stimme und