! « Es war ein arges Hauskreuz . Wenn er ' s recht bedachte , eine Schinderei . Bei alledem hatte sie in ihrer ferneren Verwandtschaft Namen von angesehenen Talenten aufzuweisen , zum Beispiel den gelehrten Professor Hirneis und den in seiner Weise wohl genialen , aber auch aus der Art geschlagenen Bildhauer Achthuber . Aber mit allen diesen Leuten mochte Raßler nichts mehr zu thun haben . Es war immer sein Grundsatz gewesen , sich die angeheiratete Verwandtschaft , die nähere und fernere , möglichst weit vom Leibe zu halten . Summa : so viel er auch bei Leopoldine mit in den Kauf nehmen mußte , was ihm oft über die Hutschnur ging , die war doch aus ganz anderem Teig ! Zweierlei Kinder sind zwar oft auch eine eigene Sache : aber Leo noch als wirkliche Mutter zu sehen - - Ein Traum ! Die Augen gingen ihm über , wenn er sich das ausmalte . Warum sie wohl so lange unfruchtbar blieb ? Sollte sie ... sollte er ... ? Er half sich über diese Fragen mit dem Gedanken hinweg , daß die Natur oft gar geheimnisvolle Wege gehe , daß man Beispiele habe von fünf- , zehn- , ja fünfzehnjähriger Sterilität , bis dann plötzlich aus später Nachblüte noch Früchte reisten . Und wer weiß - Leo war jetzt in so üppiger Pracht , daß er sie sich gar nicht schöner wünschen konnte - ob die Mutterschaft nicht ihre stolze Erscheinung schädigen , oder den Ernst ihrer Stimmung nicht noch höher treiben könnte ? Komisch : er vermochte sich dieses hohe , stattliche Weib gar nicht in der entstellenden Fülle der Schwangerschaft vorzustellen . Noch komischer : neulich hat er von ihren gesegneten Umständen trotzdem geträumt . Wie eine Kugel stand sie vor ihm , mit winzigen Extremitäten . Und die Kugel wurde immer größer , eine ganze Welt , während er immer mehr zusammenschrumpfte und schwand und schwand . - Er wußte plötzlich vom Traumbild und von sich selbst nichts mehr , es war wie eine Ohnmacht , wie ein Sterben im wonnigen Schlafe . - - - - Und jetzt wieder , bei halb offenen Augen und klarem Kopfe schlich sich dieses Traumbild betäubend in sein Bewußtsein . » Meine schwangere Frau , sie erdrückt mich , sie erdrückt mich ! « schrie er und fuhr aus dem Nachschlummer auf . » Es ist gut , daß mich dieser dumme Traum aufgejagt hat . - Ich habe heute zu lange geduselt . Am hellen , lichten Nachmittag träumen ... Und hier ein ganzer Stoß Postsachen ... Leo ist in der Kinderstube ; sie hat nichts gemerkt . Ich müßte mich ja schämen ... « 3. Der Kommerzienrat irrte sich : Leo hatte wohl etwas von seiner langen Duselei gemerkt . Zweiwal war sie auf der Schwelle erschienen , sich nach ihm umzusehen . Sie war so voll Unruhe heute , noch mehr als gestern , wenn sie sich auch abquälte , es nicht merken zu lassen . » Erzählen Sie mir noch einmal , Herr Schlichting , wie es beim Preßbanditen gegangen ... Nein , ich weiß ja ... Es ist schon gut . Gehen Sie nur wieder zu den Kindern . Ich lasse jetzt allem seinen Lauf . « Nach einem unstäten Blick nach der Thür , als müsse der Ersehnte plötzlich hereintreten : » Ja , allem seinen Lauf . « Aber zu den Worten des Mundes fügte das Herz seinen Nachsatz : . » Er muß wiederkehren , es kann nicht anders sein . « Und dennoch widersprach aufs neue der Mund : » Mag werden , was da will ! Ich danke Ihnen , Herr Schlichting . Auch bei Dr. Trostberg , bitte , keine weitere Bemühung ... « Die Kleidermacherin Frau Schmid wurde gemeldet ; sie sei auf heute bestellt wegen des neuen Frühjahrskostüms für Frau Kommerzienrat . Sie wurde abgewiesen . Morgen oder übermorgen könne sie wieder nachfragen , die gnädige Frau befinde sich heute nicht wohl . Frau Schmid zog grollend ab . » So rücksichtslos sind die reichen Leute ; ihrer Launen wegen darf man sich die Beine aus dem Leibe laufen und schließlich finden sie jede Rechnung zu hoch , überall wollen sie abzwacken , die reine Lauserei . « Raßler war einigemal im Salon auf- und abgegangen . Dann klingelte er und befahl , in einer Stunde den Wagen bereit zu halten - » Der Fuchs ist hoffentlich wieder gut zu Fuß ? « » Zu dienen , Herr Kommerzienrat ! « » Also nach Haidhausen in die Fabrik wird gefahren . « » Zu dienen , Herr Kommerzienrat . « » Es wäre vielleicht doch besser , den Fuchs noch zu schonen . Das feurige Roß übernimmt sich leicht . « » Zu dienen , Herr Kommerzienrat . Also lassen wir den Rappen einspannen . « Der Diener empfahl sich mit einem Bückling . » Alter Schöps , « dachte er , » dir wär ' das Laufen auch gesünder , dich trifft doch der Schlag noch , da kannst Gift drauf nehmen . Daß sich deine Rösser nicht überfressen wie du , dafür lass ' nur mich mit dem Jean sorgen - uns bekommt der Hafer auch nicht schlecht . « Im Vorzimmer stieß er auf die Gusti . Flink versetzte er ihr einen zärtlichen Klaps auf den Hintern . » Gehen wäre nützlicher , aber es ist zu mühsam in dieser erschlaffenden Frühlingsluft . « Nachdem er laut gegähnt , nahm er den Pack Briefe vom Serviertischchen und ließ sich nahe dem Fenster auf die Ottomane kugeln . Zunächst entfaltete er einige auswärtige Blätter , Berliner und Frankfurter Zeitungen , den Fränkischen Kurier und die Augsburger Abendzeitung , dann Flugschriften und Preislisten unter Streifband . Die Briefe ließ er noch unberührt ; das Lesen von Handschriften ist so anstrengend . Für die geschäftlichen Korrespondenzen hat er sich deshalb die Erleichterung geschaffen , sie erst von einem besonderen Kontorbeamten lesen und mit