den Fischern und Schiffleuten zum Schauplatz diente . Anna setzte sich zu ihrem Vater in das Gefährt , ich ritt nebenher , und so begaben wir uns gemächlich auf den Weg dahin , um als Zuschauer auszuruhen und ausruhend zu genießen . Auf dem Rütli ging es sehr ernst und feierlich her ; während das bunte Volk auf den Abhängen unter den Bäumen umhersaß , tagten die Eidgenossen in der Tiefe . Man sah dort die eigentlichen wehrbaren Männer mit den großen Schwertern und Bärten , kräftige Jünglinge mit Morgensternen und die drei Führer in der Mitte . Alles begab sich auf das beste und mit vielem Bewußtsein , der Fluß wogte breit glänzend und zufrieden vorüber ; nur tadelte der Schulmeister , daß die Jungen und die Alten bei der feierlichen Handlung kaum die Pfeifen aus dem Munde täten und der Pfarrer Rösselmann unaufhörlich schnupfte . Als der Schweizerbund unter donnerndem Zuruf des lebendigen Berges umher beschworen war , setzte sich die ganze Menge , Zuschauer und Spieler untereinandergemischt , in Bewegung ; der größte Teil wogte wie eine Völkerwanderung nach dem Städtchen , wo ein einfaches Mahl bereitet und fast jedes Haus in eine Herberge umgewandelt war , sei es für Freunde und Bekannte , sei es für Fremde gegen einen billigen Zehrpfennig ; denn so unbefangen , wie wir die Aufzüge des Stückes durcheinandergeworfen , hielten wir auch für gut , sie durch eine Erholungsstunde zu unterbrechen , um nachher die gewaltsamen Schlußereignisse mit desto frischerm Mute herbeizuführen . Die Wirte hatten in Betracht des ungewöhnlich warmen Wetters rasch den innern Raum des Städtchens in einen Speisesaal umgeschaffen ; lange Tischreihen waren errichtet und gedeckt für diejenigen der » Verkleideten « und sonstigen Ehrenpersonen , die das gemeinsame Essen teilen wollten ; die übrigen besetzten die Häuser und viele einzelne vor diese gestellten Tische . So gewann das Städtchen doch wieder das Ansehen einer einzigen Familie ; aus allen Fenstern blickten die abgesonderten Gesellschaften auf die große Haupttafel , und diejenigen vor den Häusern sahen bald wie deren Verzweigungen aus . Den Stoff zu den lauten Gesprächen lieh die allgemeine Theaterkritik , die sich über alle Tische verbreitete und deren mündliche Artikel die Künstler selbst verfaßten . Diese Kritik befaßte sich weniger mit dem Inhalte des Dramas und der Darstellung desselben als mit dem romantischen Aussehen der Helden und der Vergleichung mit ihrem gewöhnlichen Behaben . Daraus entstanden hundert scherzhafte Beziehungen und Anspielungen , von denen kaum der Tell allein freigehalten wurde ; denn dieser schien unangreifbar . Aber der Tyrann Geßler geriet in ein solches Kreuzfeuer , daß er in der Hitze des Gefechtes einen kleinen Rausch trank und seinen blinden Ingrimm bald auf sehr natürliche Weise darzustellen imstande war . Aber dies alles belustigte mich nicht sehr , da ich mich genug um Anna zu kümmern hatte . Sie saß am Ehrenplatze zwischen ihrem Vater und dem Regierungsstatthalter , gegenüber dem Tell und seiner wirklichen anwesenden Ehefrau . Nachdem sie schon ihrer reizenden und vornehmen Erscheinung wegen die allgemeine Aufmerksamkeit erregt , machte sich nun auch der ehrbare Ruf ihres Vaters , ihre feine Erziehung und im Hintergrunde ihr artiges Erbe geltend ; ich mußte zu meiner großen Bekümmernis sehen , wie der Platz , wo sie saß , von allerhand hoffnungsvollen Gesellen belagert wurde , ja wie fast alle vier Fakultäten sich bestrebten , dem gravitätischen Schulmeister zu Gefallen zu leben , da ein junger Landarzt , ein Gerichtsschreiber , ein Pfarrvikar und ein studierter Landwirt sich herbeigemacht hatten und schließlich alle der Anna ihre Visitenkarten schenkten , die sie beim Abgang von der Schule hatten stechen lassen . Alle waren stattliche blühende Bursche mit einer behaglichen Zukunft , während ich einen Beruf gewählt hatte , der nach allgemeinen Begriffen mit ewiger Armut verbunden sein sollte . Ich entdeckte daher zum ersten Mal mit Schrecken , welch einer geschlossenen Macht ich gegenüberstand , und ich geriet , hinter Annas Sitz stehend , in eine trübe Verfinsterung und wollte mich wegwenden . Auf einmal kehrte sich Anna um und bat mich , ihr die Karten aufzubewahren ; sie bemerkte lächelnd , ich möchte ja recht Sorge dazu tragen , und als ich sie einsteckte , war mir , als ob ich alle vier Helden in der Tasche trüge . Fünfzehntes Kapitel Tischgespräche Während man nun von allen Seiten aufbrach , hatte sich in unserer Nähe , wo der Statthalter , Wilhelm Tell , der Wirt , und andere Männer von Gewicht saßen , eine bedächtige Unterhaltung entsponnen . Es handelte sich um die Richtung einer neuen Landstraße , welche von der Hauptstadt her durch diese Gegend an die Grenze geführt werden sollte . Zwei verschiedene Pläne standen sich in bezug auf unser engeres Gebiet entgegen , welche mit gleichwiegenden Vorteilen und Schwierigkeiten verbunden waren ; die eine Richtung ging über eine gedehnte Anhöhe , fast zusammenfallend mit einer älteren Straße zweiten Ranges , mußte aber im Zickzack geführt werden und stellte bedeutende Kosten in Aussicht ; die andere ging mehr gerad und eben über den Fluß , allein hier war das anzukaufende Land teurer und überdies ein Brückenbau notwendig , so daß die Kosten sich also gleichkamen , während die Verkehrsverhältnisse sich ebenfalls ziemlich gleichstellten . Aber an der älteren Straße auf der Anhöhe lag das Gasthaus des Tell , weit hinschauend und viel besucht von Geschäftsmännern und Fuhrleuten ; durch die große Straße in der Niederung würde sich der Verkehr dort hingezogen haben und das alte berühmte Haus vereinsamt worden sein ; daher sprach sich der wackere Tell , an der Spitze eines Anhanges anderer Bewohner der Anhöhe , energisch für die Notwendigkeit aus , daß die neue Straße über dieselbe gezogen werde . In der Tiefe hingegen hatte ein reicher Holzhändler , die Schiffahrt abwärts benutzend , seine weitläufigen Räume angelegt , dem nun die Straße zum Transport aufwärts unentbehrlich schien . Er war seit einer Reihe von Jahren Mitglied des Großen Rates und einer jener Männer , die weniger ideellen Stoff in