» Aber hier steht ja Prolog . « » Das ist ein und dasselbe . « » Ah , ich verstehe « , flüsterte Rutze mit einem Gesichtsausdruck , der über die Wahrheit seiner Versicherung die gegründetsten Zweifel erlaubte . Kathinka trat einen Schritt vor . Sie trug ein weißes Gewand , an dem sich die Drapierungskunst Demoiselle Alcestens glänzend bewährt hatte , und stemmte ein hohes , grüneingebundenes Notenbuch - auf dessen beide Deckel eine Abschrift der zu sprechenden Strophen aufgeklebt worden war - mit ihrer Linken gegen die Hüfte . Die Rechte führte den Griffel . So sah sie einer Klio ähnlicher als einer Melpomene . Ruhig , als ob die Bretter ihre Heimat wären , das Auge abwechselnd auf die Versammlung und dann wieder auf das aushelfende Notenbuch gerichtet , sprach sie : » Ihr kennt mich ! Einst ein Götterkind der Griechen , Irr ich vertrieben jetzt von Land zu Land , Und Unkraut nur und Moos und Efeu kriechen Hin über Trümmer , wo mein Tempel stand ; Ach oft in Sehnsucht droh ich hinzusiechen Nach einem dauernd-heimatlichen Strand - Raststätten nur noch hat die flücht ' ge Muse , Der liebsten eine hier , hier in Schloß Guse . Und fragt ihr nach dem Lose meiner Schwestern ? Die meisten bangen um ihr täglich Brot , Thalia spielt in Schenken und in Nestern , Und gar Terpsichore , sie tanzt sich tot : So schritt ich einsam , als sich mir seit gestern In meinem Liebling der Gefährte bot , Ihr kennt ihn , und herzu zu diesem Feste Bring ich das beste , was ich hab : Alceste . « Hier unterbrach sie sich einen Augenblick , wandte mit vieler Unbefangenheit das Notenbuch um , so daß der Rückdeckel , auf dem die Schloßstrophe stand , nach oben kam , und fuhr dann fort : » Sie wünscht euch zu gefallen . Ob ' s gelinget , Entscheidet ihr ; die Huld macht stark und schwach ; Und wenn ihr Wort euch fremd im Ohre klinget , Dem Fremden eben gönnt ein gastlich Dach . Empfanget sie , als ob ihr mich empfinget , Ihr Vitzewitze , Drosselstein und Krach , Mein Sendling ist sie , wollt ihm Beifall spenden , Ich habe keinen zweiten zu versenden . « Die Gardine fiel . Lebhafter Beifall wurde laut , am lautesten von seiten Rutzes , der einmal über das andere versicherte , daß er nun völlig klarsehe und Faulstich bewundere , der dies wieder so fein eingefädelt habe . Der einzige , der bei dem kleinen Triumphe Kathinkas in Schweigen verharrte , war Lewin . Die Sicherheit , mit der sie die nur flüchtig gelernten Strophen vorgetragen hatte , hatte ihn inmitten seiner Bewunderung auch wieder bedrückt . » Sie kann alles , was sie will « , sagte er zu sich selbst ; » wird sie immer wollen , was sie soll ? « In dem Reichbeanlagten ihrer Natur , in dem Übermut , der ihr daraus erwuchs , empfand er in schmerzlicher Vorausahnung , was sie früher oder später voneinander scheiden würde . Die Pause war um , die Violinen intonierten leise , nur um anzudeuten , daß die nächste Nummer im Anzuge sei . Aller Blicke richteten sich auf den Zettel : » Scènes prises de Guillaume Tell . Erste Szene : Cléofé , épouse de Tell , s ' adressant à son mari . « Im selben Augenblicke öffnete sich die Gardine . Eine Hintergrundsdekoration , die Berg und See darstellte , hatte sich jetzt vor den griechischen Tempel geschoben , das Kuhhorn erklang , und dazwischen läuteten die Glocken einer Herde . So verändert war die Szene ; aber veränderter war das Bild , das innerhalb derselben erschien . An die Stelle der jugendlichen Gestalt in Weiß trat eine alte Dame in Schwarz : Mademoiselle Alceste , die die Kostümfrage mit äußerster Geringschätzung behandelt und , das schwarze Seidenkleid ( ihr eines und alles ) ! beibehaltend , sich damit begnügt hatte , durch einen langen Hirtenstab und einen den Guseschen Gewächshäusern entnommenen Rhododendronstrauß das Schweizerisch-Nationale , durch ein Barett mit blinkender Agraffe aber den Stil der großen Tragödie herzustellen . Das » Ah ! « der Bewunderung , das Kathinka empfangen hatte , blieb ihr gegenüber aus , aber sie achtete dessen nicht , aus langer Erfahrung wissend , daß der Ausgang entscheide , und dieses Ausgangs war sie sicher . Sie sprach nun , jedes falsche Echauffement vermeidend , erst die den Gatten um Mitteilung seines Geheimnisses beschwörenden Worte : » Pourquoi donc affecter avec moi ce mystère ? « , dann in rascher Reihenfolge die nur kurzen Sentenzen , die sich abwechselnd an die Geßlerschen Knechte und zuletzt an Geßler selbst richteten . In jedem Worte verriet sich die gute Schule , und bei Schluß dieser dritten Szene durfte sie sich ohne Eitelkeit gestehen , daß sie » ihr Publikum in der Hand habe « . Aber die vierte Szene : » Cléofé s ' adressant à Walther Fürst « , stand noch aus . Tante Amelie , die das Stück in allen seinen Einzelheiten kannte , versprach sich gerade von diesen Zornesalexandrinern einen allerhöchsten Effekt und äußerte sich eben in diesem Sinne gegen Drosselstein , als die Regisseurklingel hinter dem Vorhang den Fortgang des Spieles anzeigte . Aber wer beschreibt das Staunen aller , zumeist der Gräfin selbst , als jetzt , bei dem Sichwiederöffnen der Gardine , statt Cléofés ein verwandtes und doch wiederum wesentlich verändertes Bild auf sie niederblickte . Was bedeutete diese neue Gestalt ? Nur einen Augenblick schwebte die Frage . Der Hirtenstab , der Rhododendronstrauß , das Barett mit der Agraffe waren abgetan , und ein kurzer Rock mit grünem Kragen , der wenigstens die obere Hälfte des schwarzen Seidenkleides verdeckte , ließ keinen Zweifel darüber , daß die trotzig auf dem Felsen stehende Jägergestalt niemand Geringeres sein sollte als Wilhelm Tell selbst . Mit der Spitze seiner Armbrust wies