mit hauserschütterndem Baß ; als aber die » beiden Jungen « verwundert schwiegen , brach er in ein schallendes Gelächter aus und sagte , indem er sich mit der Faust vor die Stirn schlug : » Dummrian ! der winzige Piepmatz kanns doch nicht sein ! « Dabei kriegte er den Großen beim Kopf , schmatzte ihn auf beide Backen , preßte ihm die Hände , daß ihm , der sonst bei einer Kraftäußerung just nicht zimperlich war , ein » Au ! « entfuhr , und erst nach dieser tatsächlichen Begrüßung stellte er sich vor mit den Worten : » Ich bin Bruder Klaus ! « Da gab es denn viel lautes und stilles Vergnügen , dann aber gewaltige Neugier und gewaltigen Durst . Den letzteren von seiten des Steuermanns , die erstere nur von seiten der beiden Jungen . Denn Bruder Klaus wuße ja aus zweilangen Schreibebriefen , wie es dem Zehnten des Hutmannshauses gegangen war , und hätte er es noch nicht gewußt , würde er es ihm an den Augen angesehen haben : nämlich gut , und weiter brauchte Bruder Klaus nichts zu wissen ; denn Jahr aus Jahr ein zwischen Wind und Wellen , gewöhnt einer sich das Fragen ab . Dahingegen liebte er es , wenn er einmal auf dem Trockenen saß , seinen Lungen durch Erzählen Motion zu machen ; und so tat er denn seinen Mund auf und nicht eher wieder zu , bis die Punschterrine , welche die Haushälterin des alten Sternenprofessors gefällig besorgt hatte , bis auf den letzten Tropfen geleert und das , was das Herz anfüllte , für heute wenigstens genügend ausgeschüttet war . Der erste große Schreibebrief , dessen Eintreffen der Inselpastor mit der Bemerkung , daß der Steuermann Frey auf einer Indienfahrt begriffen sei , angezeigt hatte , war Jahr und Tag vor des Adressaten Heimkehr angelangt ; die erbetene Antwort aber aus guten Gründen unterblieben . Mit dem Buchstabenmalen hatte Bruder Klaus es schon unter Kantor Beyfußens Fuchtel nicht gar zu weit gebracht , und während der zwanzig Jahre , daß er kreuz und quer die Wasserwelt durchsteuerte , war es ihm » rattenkahl « abhanden gekommen . Auch seine Frau , Stina hieß sie , verstand sich auf diese Fingerkunst nur schwach ; kontrarie der Inselpastor , der sich sogar bis zum Bücherschreiben auf sie verstand , würde die Sache doch nicht so ausgedrückt haben , wie es der Klaus mit leibhaftigen Worten getan . » Besser , « hatte er zu seiner Stina gesagt , » besser , ich mache bei gelegener Zeit einmal hinein . « » Denn , nicht wahr , « so fragte er lachend , » bei euch zulande wird immer noch wie sonst allerwegens gemacht , wo bei uns Strandleuten hingesegelt wird ? « Weil Bruder Klaus nun aber erst noch verschiedentliche große und kleine Touren abzusteuern hatte , war er erst gestern dazu gekommen , zum Dank auch noch für den zweiten Schreibebrief , den der neubackene Kandidat in sein Inselhaus geschickt , sich in Hamburg zum ersten Male im Leben auf eine Eisenbahn zu setzen ; mußte auch binnen fünf Tagen schon wieder in seinem Hafen sein , um eine Kaffeeladung aus Brasilien zu holen . Dann aber hatte er sich eine Landpause vorgenommen und gedachte , wenn er es nämlich so lange aushielt , den Winter über bei Frau Stinen und dem kleinen pausbäckigen Matrosen zu bleiben , der während jener vom Pastor gemeldeten Indienfahrt in dem Inselhause eingesprungen war . Neckischerweise dieser erste Bube an einem Tage mit dem erwähnten Bruderbrief , dem ersten Schreibebrief in Mutter Stinas Ehestande . Der Inselpastor hatte ihn ihr im Wochenbette vorgelesen , dann hatte sie ihn selber durchstudiert , und zwar so oft , bis sie ihn auswendig konnte von A bis Z. Der Inselpastor aber hatte beim Kirchgange der Wöchnerin eine Predigt über den Bruderbrief gehalten und das Gleichnis vom Säemann , das just an der Reihe war , so erbaulich ausgelegt , wie noch keinmal zuvor . Denn das Korn , das der Säemann ausstreute , hatte er für gewöhnlich Gottes Wort genannt , heute aber nannte er es Menschenkind . Und von zehn Körnern , die aus einer Mutterähre gefallen , wären sieben auf die sandige Düne und die dürre Geest geweht und von den Vögeln gepickt worden und nur zwei , die , als der Schnitter mit der Sense kam , bereits weitab zwischen Dornen und Steinbrocken Wurzel geschlagen hatten , wären schlecht und recht fortgekommen . Das zehnte Korn aber sei auf guten Marschenboden gefallen , sei darin angewachsen und werde , so Gott wolle , Frucht tragen für die verlorenen sieben mit . Denn die Ordnung der Natur sei es wohl , daß eine Kreatur die andere verdränge , um sich das eigene Leben zu fristen ; die Ordnung des Geistes aber und unseres ewigen Heilands Gebot sei es , daß ein Menschenbruder für den anderen einstehe und einbringe , was der andere ledig gelassen habe . Und diese Ordnung im Gottesreiche nenne man die Liebe . Um dieser erbaulichen Auslegung willen hatte die Steuermannsfrau den unbekannten Schwager im Binnenlande als Paten ihres Erstgeborenen in das Kirchenbuch eintragen lassen und darauf bestanden , daß der Bube auf den Namen Dezimus getauft werde ; sie rechnete aber stark auf die nachfolgenden Neune , von denen jeder einen so schönen Schreibebrief zustande bringen lernen sollte , daß sein Pastor eine Predigt darüber halten konnte , wie die von dem zehnten Korn . Und was die Steuermannsfrau sich einmal in den Kopf gesetzt , das setzte sie auch durch . Bis jetzt waren es der Buben drei . Der allerinständigste Wunsch , den der Buben Mutter seit der Zeit aber im Herzen hegte , war der , daß der schöne Briefsteller , Schwager und Gevatter sie einmal in ihrem Hause , das das allersauberste der Insel war , besuche , und darum hatte sie ihrem Steuermann keine Ruhe gelassen , bis er sich auf