andere Sorgen brachen in mein Leben herein . Ich , die ich bis vor wenigen Monaten nicht gewußt hatte , was Geld war , ich rechnete jetzt ängstlich mit jedem Groschen , denn - er fehlte häufig . Ich hatte freudig und nicht ohne Geschick unser kleines Hauswesen übernommen ; ich richtete jeden Abend einen hübschen , kleinen Theetisch in der Bibliothek her , eine Annehmlichkeit , die mein Vater längst nicht mehr gekannt hatte ; aber daß das schließlich auch bezahlt werden müsse , begriff ich nicht eher , als bis mir das Stubenmädchen einen langen Zettel voll Auslagen vorlegte . » Geld ? « schreckte mein Vater aus seinen Papieren auf , als ich ihm ahnungslos den Zettel brachte . » Mein Kind , ich begreife nicht - wofür denn ? « Er fuhr suchend in die Westentasche und in die Seitentaschen des Rockes . - » Ich habe keines , Lorchen ! « erklärte er achselzuckend mit einer hilflosen Angstgebärde . » Wie ist mir denn - habe ich nicht das Abonnement im Hotel erst vor kurzem gezahlt ? « » Ja , Vater ! Aber das sind Auslagen für Abendbrot « - lotterte ich betroffen . » Ach so ! « Er zerwühlte mit beiden Händen das Haar . » Ja , mein Kind , das ist mir etwas ganz Neues - ich habe das nie gebraucht ... Da , da « - sagte er und stieß nach einem aus grauem Papier hervorguckenden Stückchen Zucker , das auf seinem Schreibtisch lag - » das ist außerordentlich nahrhaft und gesund . « Ach , wie erschrak ich , und wie gingen mir plötzlich die Augen weit auf ! Mein Vater hatte eine bedeutende Einnahme ; aber er versagte sich das Nötigste um seiner Sammlungen willen . Daher dieses zum Entsetzen abgemagerte Gesicht , das bereits unter meiner und Ilses kurzer Pflege ein auffallend gesünderes Aussehen bekommen hatte . Wenn ich auch wollte , um seiner selbst willen durfte ich auf diese Zuckerdiät nicht eingehen . Aber mir fehlte aller Mut , ihm gegenüber aufzutreten , nicht einmal zu bitten wagte ich , wenn ich nun sehen mußte , daß er Hunderte von Thalern für vergilbte Handschriften oder eine alte Majolikavase hingab und nicht einen Pfennig in der Tasche behielt . Sein sanftes , liebreiches Wesen , seine fast kindliche Glückseligkeit , mit der er mir die acquirierten Schätze zeigte , und mein eigener hoher Respekt vor seinem Beruf und Wissen verschlossen mir den Mund . Ich suchte den kleinen Geldbeutel hervor , den mir Ilse » für den Notfall « im Koffer zurückgelassen , und den ich bis dahin mißachtet hatte . Sein Inhalt reichte für einige Zeit ; aber nun , mit dem letzten Groschen kam die quälende Sorge . Ilse durfte ich nicht mit einer derartigen Bitte kommen , und Herrn Claudius auch nicht ; ich mußte ihm ja stets mitteilen , in welcher Weise ich das meinem Vermögen entnommene Geld verwenden wollte . Jetzt , wo ich anfing , Menschen und Verhältnisse klarer zu beurteilen , jetzt erinnerte ich mich auch , daß er das Sammeln , sobald es zur Leidenschaft wurde , streng verwarf - ich verstand jenen Ausspruch , solch ein Sammler nehme die Mittel vom Altar , nunmehr vollkommen und durfte nicht erwarten , daß er auf mein Verlangen einging . Aber über das , was ich selbst verdiente , hatte er kein Recht ; ich brauchte ihm nicht einmal zu sagen , zu welchem Zweck ich den Erlös verwendete - wie ein Blitzstrahl kam mir der rettende Gedanke . . Schon am zweiten Tage nach dem Unglück in Dorotheenthal hatte ich das junge Mädchen , dessen Mutter ertrunken war , am Fenster eines der Hinterzimmer sitzen sehen - das schöne , bleiche Gesicht tief vornüber gebückt , hatte sie so emsig gearbeitet , daß es mir unmöglich gewesen war , auch nur einen Blick von ihr zu erhaschen . » Was thut sie denn ? « hatte ich Fräulein Fliedner gefragt . » Sie hat um Beschäftigung gebeten , weil sie meint , nur auf diese Weise Herr ihrer Schmerzen zu werden . Sie schreibt die Blumennamen auf die Samentüten - ihr Vater war Lehrer in Dorotheenthal - sie schreibt sehr schön . « Das fiel mir wieder ein , als Emma , das Stubenmädchen , mir eines Tages abermals ein Papier voller Zahlen vorlegte - ich hatte nicht über einen Pfennig mehr zu verfügen und bat sie stockend um einige Tage Frist . Sichtlich erstaunt und betroffen verließ sie das Zimmer , und ich ging abends um die sechste Stunde mit klopfendem Herzen in das Vorderhaus ... Es war Theeabend bei Herrn Claudius - mein Vater war auch eingeladen , aber vorläufig verweilte er noch im Schloß , um die Prinzessin Margarete zu begrüßen , die heute nach fast dreimonatlicher Abwesenheit in die Residenz zurückkehrte . In Fräulein Fliedners Zimmer legte ich Mantel und Kapuze ab . » Kindchen , « sagte die alte Dame ein klein wenig verlegen und zog meinen Kopf an ihre Brust , » wenn es einmal in Ihrer Kasse nicht stimmen sollte - nicht wahr , dann kommen Sie zu mir ? « Ich erschrak - Emma hatte geplaudert ; aber nun wollte ich erst recht nicht meine Verlegenheit eingestehen - ich schämte mich im Namen meines Vaters . Was half es mir auch , wenn sie mir Geld lieh ? Es mußte doch zurückgezahlt werden ... Ich dankte ihr herzlich und ging ziemlich festen Schrittes nach dem Kontor - zum erstenmal , seit Ilse fort war . Schon draußen hörte ich Herrn Claudius auf und ab gehen . Als ich die Thür öffnete , wandte er sich nach dem Geräusch um und blieb mit auf den Rücken gelegten Händen stehen . Nur über seinem Schreibtisch brannte eine mit grünem Schirm versehene Lampe , alle anderen Tische waren dunkel - die Herren hatten bereits die Schreibstube verlassen . Ein Schauer durchfuhr mich - der